Angst blockiert den schöpferischen Unternehmungsgeist – Teil 2

Und so ist euer ganzes Leben eingeschränkt, begrenzt, auf bestimmte Vorstellungen reduziert, und tief in eurem Innern ist Angst. Wie könnt ihr frei denken, wenn Angst da ist? Deshalb ist es so wichtig, sich all dieser Dinge bewusst zu sein. Wenn ihr eine Schlange seht und wisst, dass sie giftig ist, macht ihr, dass ihr wegkommt, ihr geht nicht näher heran. Aber ihr wisst nicht, dass ihr in einem Netz von Nachahmungen gefangen seid, die den Unternehmungsgeist blockieren. Ihr seid unbewusst darin gefangen. Aber wenn ihr anfangt, euch dieser Imitationen bewusst zu werden, und erkennt, wie sie euch im Griff haben, wenn euch klar wird, dass ihr nachahmen wollt, weil ihr Angst davor habt, was die Leute sagen könnten, weil ihr Angst vor euren Eltern oder Lehrern habt, dann könnt ihr euch diese Imitationen, die euch gefangen halten, anschauen, ihr könnt sie untersuchen, könnt sie studieren, so wie ihr Mathematik oder irgendein anderes Fach studiert.

Ist euch beispielsweise bewusst, warum ihr Frauen anders behandelt als Männer? Warum behandelt ihr Frauen geringschätzig? Das tun zumindest viele Männer. Warum geht ihr in einen Tempel und führt bestimmte Rituale aus? Warum folgt ihr einem Guru?

Ihr müsst euch zuerst einmal all dieser Dinge bewusst sein; dann könnt ihr sie unter die Lupe nehmen, könnt sie in Frage stellen, könnt sie untersuchen. Aber wenn ihr blind alles akzeptiert, weil es in den vergangenen 3000 Jahren so war, dann ist es bedeutungslos, nicht wahr? Was wir in dieser Welt auf keinen Fall brauchen, sind noch mehr Nachahmer, noch mehr Führer und Gefolgsleute. Wir brauchen heute Individuen wie du und ich, die anfangen, all diese Probleme zu untersuchen, und zwar nicht oberflächlich oder beiläufig, sondern immer gründlicher, damit der Geist frei wird, um kreativ zu sein, frei, zu denken, zu lieben.

Bildung ist ein Weg, auf dem wir unsere wahre Beziehung zu den Dingen, zu anderen Menschen und zur Natur entdecken. Aber der Geist erzeugt Vorstellungen und diese Vorstellungen werden so stark, so dominant, dass sie uns daran hindern, darüber hinaus zu blicken. Solange Angst da ist, folgt man der Tradition; solange Angst da ist, imitiert man. Ein Geist, der nur imitiert, ist mechanisch, nicht wahr? Er funktioniert wie eine Maschine; er ist nicht kreativ, er untersucht Probleme nicht von allen Seiten. Er initiiert vielleicht bestimmte Handlungen, erzielt bestimmte Ergebnisse, aber er ist nicht kreativ.

Wir alle – ihr und ich, aber auch die Lehrer, die Schulleitung und die Behörden – sollten also gemeinsam diese Probleme untersuchen, damit ihr, wenn ihr diesen Ort verlasst, reife Individuen seid, die selbstständig denken können und nicht von traditionellen Torheiten abhängig sind. Dann besitzt ihr die Würde eines wahrhaft freien Menschen. Das ist der eigentliche Sinn und Zweck der Bildung – nicht nur die Vorbereitung auf bestimmte Prüfungen, um für den Rest des Lebens in etwas hineingezwängt zu werden, das man nicht wirklich von Herzen tut – beispielsweise Rechtsanwalt zu werden oder Beamter oder Hausfrau oder eine Gebärmaschine. Ihr solltet darauf bestehen, eine Art von Ausbildung zu erhalten, die euch dazu ermutigt, frei und ohne Angst zu denken, eine, die euch hilft, die Dinge zu untersuchen und zu verstehen. Das solltet ihr von euren Lehrern fordern. Sonst ist das Leben reine Verschwendung, oder nicht? Ihr seid »gebildet«, habt ein Staatsexamen oder einen Doktorgrad, bekommt einen Job, der euch keine Freude macht, aber ihr müsst Geld verdienen; ihr seid verheiratet und habt Kinder – und in diesem Leben steckt ihr für den Rest eures Lebens fest. Ihr leidet, seid unglücklich, streitsüchtig. Ihr habt nichts, worauf ihr euch freuen könnt, außer auf mehr Babys, mehr Hunger, mehr Elend. Nennt ihr das den Sinn von Erziehung und Bildung? Diese sollten euch doch wohl helfen, eure Intelligenz auf eine Weise zu entwickeln, dass ihr tut, was ihr gerne tun möchtet, und nicht bei etwas hängen bleibt, das euch für den Rest eures Lebens unglücklich macht.

Ihr müsst also in eurer Jugend die Flamme der Unzufriedenheit in eurem Innern wecken; ihr solltet auf radikale Veränderung ausgerichtet sein. Das ist die Zeit, um Fragen zu stellen, Entdeckungen zu machen, zu wachsen. Besteht also darauf, dass euch eure Eltern und Lehrer richtig erziehen. Gebt euch nicht damit zufrieden, in einem Klassenzimmer zu sitzen und Informationen über diesen König oder jenen Krieg in euch aufzunehmen. Seid unzufrieden. Geht zu euren Lehrern und stellt Fragen, forscht. Wenn sie nicht intelligent sind, werden eure Fragen und euer Forschen ihnen helfen, zur Intelligenz zu finden; und wenn ihr dann die Schule verlasst, werdet ihr euch zu geistiger Reife entwickeln und wirklicher innerer Freiheit. Dann werdet ihr euer Leben lang weiter lernen, bis ihr sterbt, und ihr werdet glückliche, intelligente Menschen sein.

Frage: Wie kann uns Angstfreiheit zur Gewohnheit werden?

Krishnamurti: Schau,welche Worte du benutzt hast. »Gewohnheit« weist auf eine Bewegung hin, die sich immer wieder wiederholt. Kann dabei irgendetwas anderes als Monotonie entstehen, wenn du eine Sache unaufhörlich wiederholst? Ist Angstfreiheit eine Gewohnheit? Angstfreiheit ist nur dann möglich, wenn du den Ereignissen des Lebens begegnen und ihnen auf den Grund gehen kannst, wenn du sie sehen und untersuchen kannst – aber nicht mit einem trägen Geist, der in Gewohnheiten gefangen ist.

Wenn du Dinge gewohnheitsmäßig tust, wenn du in Gewohnheiten lebst, bist du nichts anderes als ein nachahmender Roboter. Gewohnheit ist Wiederholung, man macht gedankenlos immer wieder dasselbe und errichtet dadurch eine Mauer um sich herum. Wenn du durch irgendeine Gewohnheit eine Mauer um dich herum gebaut hast, bist du nicht frei von Angst, und gerade dieses Leben innerhalb der Mauer macht dir Angst. Wenn du die Intelligenz besitzt, alles, was in deinem Leben geschieht, anzuschauen, das heißt, jedes Problem, jedes Ereignis, jeden Gedanken und jede Emotion, jede Reaktion zu untersuchen – dann, und nur dann, kannst du frei von Angst sein.