Autorität zerstört Intelligenz – Teil 2

Wir bestehen aus zwei Teilen: dem bewussten Anteil und dem unbewussten. Versteht ihr, was das bedeutet? Nehmen wir an, ihr geht eine Straße entlang und unterhaltet euch mit einem Freund. Euer bewusster Anteil ist mit der Unterhaltung beschäftigt, aber es gibt noch einen anderen Teil von euch, der unbewusst unzählige Eindrücke aufnimmt – die Bäume, die Blätter, die Vögel, die Sonnenstrahlen auf dem Wasser. Diesen äußeren Einflüssen ist das Unbewusste ununterbrochen ausgesetzt, obwohl der bewusste Verstand beschäftigt ist. Und was das Unbewusste aufnimmt ist viel wichtiger als das, was der bewusste Teil von uns aufnimmt. Der bewusste Teil kann vergleichsweise wenig aufnehmen. Ihr nehmt beispielsweise bewusst auf, was euch in der Schule beigebracht wird, und das ist in Wirklichkeit nicht sehr viel. Aber euer Unbewusstes nimmt ständig die Interaktionen zwischen euch und dem Lehrer, zwischen euch und euren Freunden wahr. All das geht im Verborgenen vor sich und spielt eine viel größere Rolle als die bloße Aufnahme von Fakten an der Oberfläche. So nimmt das Unbewusste auch während dieser morgendlichen Vorträge ständig auf, was gesagt wird, und später, im Laufe des Tages oder der Woche, erinnert ihr euch plötzlich daran. Und das beeinflusst euch wesentlich stärker als alle Aussagen, denen ihr bewusst gelauscht habt.

Um auf unser Thema zurückzukommen: Wir erschaffen Autorität – die Autorität des Staates, der Polizei, die Autorität des Ideals, der Tradition. Du willst etwas tun, aber dein Vater sagt: »Tu’ es nicht.« Du musst ihm gehorchen, sonst wird er zornig, und du bist ja von ihm abhängig, denn er sorgt dafür, dass du zu essen hast. Er kontrolliert dich durch deine Angst, nicht wahr? Deshalb wird er für dich zur Autorität. Die Tradition kontrolliert euch auf ähnliche Weise – dies müsst ihr tun, jenes dürft ihr nicht tun, ihr müsst euch auf eine bestimmte Weise kleiden, ihr dürft die Mädchen oder die Jungs nicht anschauen. Die Tradition gibt vor, was ihr zu tun habt. Und Tradition ist letztlich Wissen, oder nicht? Es gibt Bücher, die euch sagen, was ihr tun sollt, der Staat sagt euch, was ihr tun sollt, eure Eltern sagen euch, was ihr tun sollt, die Gesellschaft und die Kirche sagen euch, was ihr tun sollt. Und was geschieht mit euch? Ihr werdet zermalmt, ihr werdet einfach gebrochen. Euer Denken, Fühlen und Handeln ist niemals lebendig, denn ihr habt Angst vor all diesen Dingen. Ihr sagt, dass ihr gehorchen müsst, sonst seid ihr hilflos. Was bedeutet das? Dass ihr Autorität erschafft, weil ihr nach einer sicheren Verhaltensweise sucht, einer sicheren Lebensweise. Die Suche nach Sicherheit erschafft Autorität, und deshalb werdet ihr zu Sklaven, einem Zahnrädchen in einer Maschine, ihr lebt ohne die Fähigkeit, für euch selbst zu denken und kreativ zu sein.

Ich weiß nicht, ob ihr malt. Wenn ja, sagt euch im Allgemeinen der Kunstlehrer, wie ihr zu malen habt. Ihr seht einen Baum, und ihr kopiert ihn. Aber malen bedeutet, einen Baum zu sehen und auf der Leinwand oder dem Zeichenpapier auszudrücken, was ihr in Bezug auf den Baum fühlt, was er bedeutet – die Bewegung der Blätter, die im Wind rascheln. Um das wiederzugeben, um die Bewegung von Licht und Schatten einfangen zu können, muss man sehr empfänglich sein. Und wie könnt ihr für irgendetwas empfänglich sein, wenn ihr Angst habt und ständig sagt: »Ich muss dies tun, ich muss das tun, was werden sonst die Leute denken?« Die Empfänglichkeit für das Schöne wird durch Autorität allmählich zerstört.

Es stellt sich also die Frage, ob euch eine Schule wie diese disziplinieren sollte. Schaut euch einmal die Schwierigkeiten an, mit denen die Lehrer, wenn sie wirkliche Lehrer sind, konfrontiert werden. Du bist ein ungezogenes Mädchen oder ein ungezogener Junge; sollte ich, der Lehrer, dich disziplinieren? Was geschieht, wenn ich das tue? Da ich stärker bin als du, mehr Autorität habe und weil ich für bestimmte Dinge bezahlt werde, zwinge ich dich zu gehorchen. Aber verkrüppele ich dadurch nicht deinen Geist? Zerstöre ich nicht allmählich deine Intelligenz? Verdumme ich dich nicht, wenn ich dich zwinge, etwas zu tun, weil ich es für richtig halte? Und ihr mögt es, diszipliniert zu werden und gezwungen zu werden, bestimmte Dinge zu tun, auch wenn ihr vielleicht äußerlich aufbegehrt. Es gibt euch ein Gefühl der Sicherheit. Ihr glaubt, dass ihr wirklich schlecht wärt, wenn man euch nicht zur Disziplin zwingen würde; ihr glaubt, dass ihr dann Dinge tun würdet, die nicht richtig sind. Und deshalb sagt ihr: »Bitte diszipliniere mich, hilf mir, mich richtig zu verhalten.«

Sollte ich dich also disziplinieren, oder sollte ich dir nicht eher helfen zu verstehen, warum du ungezogen bist, warum du dies oder jenes tust? Das bedeutet jedenfalls, dass ich als Lehrer oder Elternteil kein Gefühl von Autorität haben darf. Ich muss wirklich den Wunsch haben, dir zu helfen, deine Schwierigkeiten zu verstehen – warum du ungezogen bist, warum du wegrennst. Ich muss wollen, dass du dich selbst verstehst. Wenn ich dich zwinge, helfe ich dir nicht. Wenn ich dir als Lehrer wirklich helfen will, dich selbst zu verstehen, dann bedeutet das, dass ich mich nur um ein paar Jungen und Mädchen kümmern kann. Ich kann nicht 50 Schüler in der Klasse haben. Ich kann nur ein paar Schüler haben, so dass ich jedem Kind individuell Aufmerksamkeit schenken kann. Dann erschaffe ich nicht die Autorität, die dich zwingt, etwas zu tun, das du wahrscheinlich von selbst tun wirst, wenn du dich erst einmal verstehst.