Freiheit und Disziplin verstehen – Teil 2

Frage: Ist es in der Praxis überhaupt möglich, dass sich ein Mensch von jeglicher Angst befreit und gleichzeitig Mitglied der Gesellschaft bleibt?

Krishnamurti: Was ist die Gesellschaft? Ein System aus Werten, Regeln, Vorschriften und Traditionen, nicht wahr? Du siehst diese Bedingungen von außen und fragst: »Kann ich eine praktische Beziehung zu all dem haben?« Warum nicht? Bist du denn frei, wenn du einfach nur in dieses Wertesystem hineinpasst? Und was meinst du mit »in der Praxis«? Meinst du das Verdienen des Lebensunterhalts? Es gibt vieles, was du tun kannst, um deinen Lebensunterhalt zu verdienen. Und kannst du, wenn du frei bist, nicht wählen, was du tun willst? Ist das nicht machbar? Oder würdest du es praktischer finden, deine Freiheit zu vergessen und einfach ins System zu passen, Rechtsanwalt, Bankier, Kaufmann oder auch Straßenkehrer zu werden? Wenn du frei bist und deine Intelligenz entwickelt hast, wirst du mit Sicherheit herausfinden, was das Beste für dich ist. Du wirst alle Traditionen beiseite schieben und etwas tun, was du wirklich mit ganzem Herzen tust, ganz gleich, ob deine Eltern oder die Gesellschaft es gutheißen oder ablehnen. Weil du innerlich frei bist, bist du intelligent und wirst etwas tun, das vollkommen aus dir selbst kommt, du wirst wie ein vollständiger, ganzer Mensch handeln.

Frage: Was ist Gott?

Krishnamurti: Wie wirst du das herausfinden? Wirst du die Informationen anderer akzeptieren? Oder wirst du versuchen, selbst herauszufinden, was Gott ist? Es ist einfach, Fragen zu stellen, aber die Wahrheit wirklich zu erfahren erfordert eine Menge Intelligenz, viel Suchen und Forschen.

Die wichtigste Frage ist also, ob du akzeptierst, was jemand anders über Gott sagt. Es spielt keine Rolle, wer es sagt – Krishna, Buddha, Christus, denn sie alle könnten sich irren, so wie sich dein eigener Guru irren könnte. Um die Wahrheit herauszufinden, muss dein Geist auf jeden Fall frei sein, den Dingen auf den Grund zu gehen, und das bedeutet, dass er nicht einfach etwas Vorgegebenes akzeptieren oder glauben kann. Ich kann dir eine Beschreibung der Wahrheit geben, aber sie wird nicht dasselbe sein wie deine eigene Erfahrung der Wahrheit. Alle Heiligen Schriften beschreiben Gott, aber diese Beschreibung ist nicht Gott. Das Wort »Gott« ist nicht Gott, nicht wahr?

Um also herauszufinden, was wahr ist, darfst du nie akzeptieren, dich nie beeinflussen lassen von dem, was die Bücher, die Lehrer oder irgendwelche anderen Leute vielleicht darüber sagen. Wenn du von ihnen beeinflusst bist, wirst du nur herausfinden, was du nach ihrer Vorstellung herausfinden sollst. Und du musst wissen, dass dein eigener Geist das von ihm gewünschte Bild erschaffen kann; er kann sich Gott mit einem langen weißen Bart oder mit einem Auge vorstellen, er kann ihn blau oder violett erscheinen lassen. Du musst dir also deiner eigenen Wünsche bewusst sein und darfst dich nicht von den Projektionen deiner eigenen Wünsche und Sehnsüchte täuschen lassen. Wenn du dich danach sehnst, Gott in einer bestimmten Form zu sehen, wird das Bild, das du siehst, deinen Wünschen entsprechen, und dieses Bild wird nicht Gott sein, oder? Wenn du leidest und getröstet werden willst, oder wenn deine religiösen Hoffnungen und Erwartungen von sentimentalen oder romantischen Vorstellungen geprägt sind, wirst du dir letztendlich einen Gott erschaffen, der dir gibt, was du willst; aber es wird trotzdem nicht Gott sein.

Dein Geist muss also vollkommen frei sein. Nur dann kannst du herausfinden, was wahr ist – nicht durch das Akzeptieren irgendeines Aberglaubens, nicht durch das Lesen der so genannten heiligen Bücher und auch nicht, indem du irgendeinem Guru folgst. Nur wenn du diese Freiheit hast, diese echte Freiheit von äußeren Einflüssen sowie von deinen eigenen Wünschen und Sehnsüchten, so dass dein Geist sehr klar ist – nur dann kannst du herausfinden, was Gott ist. Aber wenn du nur dasitzt und spekulierst, ist deine Vermutung genauso gut wie die deines Gurus – und genauso illusorisch.

Frage: Können wir uns unserer unbewussten Wünsche bewusst sein?

Krishnamurti: Bist du zunächst einmal deiner bewussten Wünsche gewahr? Weißt du, was Verlangen ist? Bist du dir darüber im Klaren, dass du normalerweise auf niemanden hörst, der etwas sagt, was deinen Glaubensvorstellungen zuwiderläuft? Deine Wünsche halten dich vom Zuhören ab. Wenn du Sehnsucht nach Gott hast und dir jemand erklärt, dass dein Gott das Resultat deiner Frustrationen und Ängste ist – wirst du ihm zuhören? Natürlich nicht. Du willst eine Sache, und die Wahrheit ist etwas ganz anderes. Du begrenzt dich selbst innerhalb deiner eigenen Wünsche. Du bist deiner bewussten Wünsche nur halb gewahr, oder nicht? Und es ist noch viel schwieriger, sich seiner tief verborgenen Wünsche bewusst zu sein. Um das Verborgene aufzudecken, seine eigenen Motive aufzudecken, muss der suchende Geist ziemlich klar und frei sein. Mach dir also zunächst deine bewussten Wünsche ganz klar, und wenn du dann das, was an der Oberfläche ist, immer klarer siehst, kannst du immer tiefer gehen.

Frage: Warum werden manche Menschen in bitterer Armut geboren, während andere in Überfluss und Wohlstand hineingeboren werden?

Krishnamurti: Was glaubst du? Warum findest du, anstatt mich zu fragen und auf eine Antwort zu warten, nicht selbst heraus, was dein Gefühl dazu ist? Glaubst du, dass es auf irgendeinen geheimnisvollen Prozess zurückzuführen ist, den du Karma nennst? Du hast dich in einem früheren Leben sehr anständig und nobel verhalten und wirst jetzt mit Wohlstand und Ansehen dafür belohnt! Glaubst du das? Oder du hast in einem früheren Leben sehr schlimme Dinge getan und musst in diesem Leben dafür zahlen!

Du siehst, es ist ein sehr komplexes Problem. Armut ist das Versagen der Gesellschaft. Einer Gesellschaft, in der die Habgierigen und Gerissenen andere ausbeuten, um an die Spitze zu kommen. Wir wollen dasselbe, wir wollen auch die Leiter hinaufklettern und an die Spitze kommen. Und was geschieht, wenn wir alle an die Spitze wollen? Wir treten andere mit Füßen. Und der Mensch, der getreten wird, der zerstört wird, fragt: »Warum ist das Leben so ungerecht? Du hast alles, und ich habe keine Chance, ich habe nichts.« Solange wir die Leiter des Erfolgs hinaufklettern, wird es immer die Kranken und Hungernden geben. Wir müssen den Wunsch nach Erfolg hinterfragen, und nicht, warum es Arme und Reiche gibt oder warum manche begabt sind und andere nicht. Was sich ändern muss, ist unser eigener Wunsch, an die Spitze zu kommen, großartig zu sein, erfolgreich zu sein. Wir alle streben nach Erfolg, oder etwa nicht? Darin liegt der Fehler, es hat nichts mit Karma oder irgendetwas anderem zu tun. Tatsache ist, dass wir alle an die Spitze wollen – vielleicht nicht ganz an die Spitze, aber zumindest wollen wir auf der Leiter soweit nach oben klettern, wie wir können. Solange wir unbedingt herausragend sein wollen, in der Welt jemand sein wollen, wird es Reiche und Arme, Ausbeuter und Ausgebeutete geben.

Frage: Ist Gott ein Mann oder eine Frau oder ein ganz mysteriöses Wesen?

Krishnamurti: Diese Frage habe ich gerade beantwortet, aber ich fürchte, du hast nicht zugehört. Dieses Land wird von Männern beherrscht. Nimm an, ich würde behaupten, Gott sei eine Frau. Was würdest du tun? Du würdest das zurückweisen, weil du nur die Vorstellung kennst, dass Gott ein Mann ist. Du musst es also für dich selbst herausfinden. Aber um etwas herausfinden zu können, musst du frei von allen Vorurteilen sein.