Denken lernen – Teil 2

Ihr sitzt hier und hört euch all das an – und was geschieht, wenn ihr dann endlich eure Prüfungen bestanden habt? Ihr wisst ganz genau, was dann geschieht. Wenn ihr nicht aufbegehrt, seid ihr einfach wie der Rest der Welt, weil ihr es nicht wagt, anders zu sein. Ihr werdet so konditioniert, so in eine Form gepresst sein, dass ihr Angst habt, euren eigenen Weg zu gehen. Euer Ehemann oder eure Ehefrau wird euch kontrollieren, und die Gesellschaft wird euch sagen, was ihr zu tun habt. Und so setzt sich der Prozess der Nachahmung Generation für Generation fort. Da werden keine wirklich neuen Wege eingeschlagen, da ist keine Freiheit, kein Glück, sondern nur langsames Sterben. Was für einen Sinn hat es, gebildet zu sein, lesen und schreiben zu lernen, wenn ihr dann bloß wie eine Maschine funktioniert? Aber das wollen eure Eltern, und das will die Welt. Die Welt will nicht, dass ihr eigenständig denkt, sie will nicht, dass ihr frei seid, um etwas zu entdecken, denn dann wärt ihr gefährliche Bürger, ihr würdet nicht in das vorgegebene Muster passen. Ein freies menschliches Wesen kann nie das Gefühl haben, dass es zu einem bestimmten Land, einer Gesellschaftsschicht oder einem Denksystem gehört. Freiheit bedeutet Freiheit auf allen Ebenen – wirklich auf allen –, und es ist keine Freiheit, nur in einer bestimmten Schiene zu denken.

Es ist also sehr wichtig, dass ihr in euren jungen Jahren frei seid. Und zwar nicht nur auf der bewussten Ebene, sondern tief im Innern. Das bedeutet, dass ihr auf euch Acht geben müsst, dass ihr die Einflüsse, die euch kontrollieren oder dominieren wollen, immer bewusster wahrnehmen müsst. Es bedeutet, dass ihr die Dinge nie gedankenlos akzeptieren dürft, sondern immer in Frage stellen müsst, dass ihr immer forschen und aufbegehren müsst.

Frage: Wie können wir unseren Geist befreien, wenn wir in einer so traditionellen Gesellschaft leben?

Krishnamurti: Zuerst einmal musst du den Drang nach Freiheit verspüren. Es ist wie der Drang des Vogels zu fliegen oder des Wassers zu fließen. Hast du diesen inneren Drang, frei zu sein? Und was passiert, wenn du ihn hast? Deine Eltern und die Gesellschaft versuchen, dich in eine Form zu pressen. Kannst du ihnen widerstehen? Es wird dir schwer fallen, weil du Angst hast. Du hast Angst, keinen Job zu finden, nicht den richtigen Mann oder die richtige Frau zu finden; du hast Angst, dass du hungern musst oder dass die Leute über dich reden. Obwohl du frei sein willst, hast du Angst, und deshalb wirst du keinen Widerstand leisten. Die Angst vor dem, was die Leute sagen könnten oder was deine Eltern tun könnten, lähmt dich, und so wirst du in die Form hineingezwungen.

Kannst du also sagen: »Ich will es wissen, und es ist mir egal, ob ich hungern muss. Was auch geschieht, ich werde gegen die Barrieren dieser verrotteten Gesellschaft ankämpfen, weil ich frei sein will, die Wahrheit selbst herauszufinden.« Kannst du das sagen? Kannst du, wenn du Angst hast, diesem ganzen Druck und Zwang standhalten?

Es ist also sehr wichtig, dass man dem Kind vom zartesten Alter an hilft, die Auswirkungen der Angst zu sehen und frei davon zu sein. In dem Moment, in dem du Angst hast, ist es mit deiner Freiheit vorbei.

Frage: Wie können wir frei von Angst sein, da wir doch in einer Gesellschaft aufgewachsen sind, die auf Angst basiert?

Krishnamurti: Ist dir bewusst, dass du Angst hast? Wenn ja, wie kannst du dann frei von Angst sein? Du und ich müssen es herausfinden, schau es dir also gemeinsam mit mir an.

Was tust du tatsächlich, wenn dir bewusst ist, dass du Angst hast? Du läufst davor weg, nicht wahr? Du nimmst ein Buch zur Hand oder machst einen Spaziergang. Du versuchst, es zu vergessen. Du hast Angst vor deinen Eltern, vor der Gesellschaft; du bist dir dieser Angst bewusst und weißt nicht, wie du sie auflösen kannst. Du hast sogar Angst davor, dir die Angst anzuschauen, also rennst du in die eine oder andere Richtung davon. Deshalb studierst du immer weiter und legst Prüfungen ab bis zum letzten Augenblick, bis du dem Unvermeidlichen ins Auge blicken und handeln musst. Du versuchst ständig, vor deinem Problem zu fliehen, aber das wird dir nicht helfen, es zu lösen. Du musst ihm ins Auge blicken.

Kannst du dir also deine Angst anschauen? Wenn du einen Vogel untersuchen willst, wenn du die Form seiner Flügel, seine Beine, seinen Schnabel betrachten willst, musst du ganz nah herangehen, nicht wahr? So musst du dir auch, wenn du Angst hast, deine Angst ganz genau anschauen. Wenn du davor wegrennst, verstärkst du sie nur.

Nehmen wir einmal an, du möchtest dein Leben einer Sache widmen, die dir wirklich am Herzen liegt, aber deine Eltern sagen, du sollst es nicht tun, und drohen dir schreckliche Konsequenzen an, falls du es doch tust. Sie sagen, sie würden dir kein Geld geben, und du bekommst Angst. Du hast so viel Angst, dass du noch nicht einmal wagst, dir deine Angst anzuschauen. Also gibst du nach, und die Angst bleibt.

Frage: Was ist echte Freiheit und wie erwirbt man sie?

Krishnamurti: Echte Freiheit ist nichts, was man erwerben kann, sondern das Resultat von Intelligenz. Du kannst nicht auf den Markt gehen und dir Freiheit kaufen. Du bekommst sie auch nicht, indem du ein Buch liest oder jemandem zuhörst. Freiheit entspringt allein der Intelligenz.

Aber was ist Intelligenz? Kann Intelligenz da sein, wenn Angst da ist oder wenn der Geist konditioniert ist? Wenn dein Geist voreingenommen ist, oder wenn du denkst, du seist ein wunderbarer Mensch, oder wenn du sehr ehrgeizig bist und die Leiter des weltlichen oder spirituellen Erfolgs hinaufklettern willst – kann da Intelligenz sein? Kann Intelligenz da sein, wenn du dir Sorgen um dich machst, wenn du jemandem folgst oder jemanden anbetest? Intelligenz entfaltet sich offensichtlich dann, wenn du diesen ganzen Unsinn durchschaust und dich davon trennst. Damit musst du also anfangen, und als Erstes muss dir bewusst werden, dass dein Geist nicht frei ist. Du musst beobachten, auf welche Weise dein Geist durch all diese Dinge gebunden ist; dann beginnt sich die Intelligenz zu zeigen, die in die Freiheit führt. Du musst die Antwort selbst finden. Was nützt es dir, wenn jemand anders frei ist und du gefangen bist oder wenn jemand anders zu essen hat, während du hungerst?

Kreativ zu sein, das heißt, wirklich aus eigenem Antrieb etwas zu schaffen, setzt Freiheit voraus, und Freiheit setzt Intelligenz voraus. Du musst also den Dingen auf den Grund gehen und herausfinden, wodurch Intelligenz verhindert wird. Du musst das Leben erforschen, du musst gesellschaftliche Werte, musst alles in Frage stellen und darfst nichts akzeptieren, weil du Angst hast.