Gibt es so etwas wie Sicherheit? – Teil 2

Auf der äußeren Ebene könnte morgen unsere Bank bankrott gehen, unser Vater oder unsere Mutter könnte sterben, eine Revolution könnte ausbrechen. Aber können Ideen oder Glaubenssysteme Sicherheit bieten? Wir glauben gerne, dass wir in unseren Ideen, Glaubenssätzen und Vorurteilen sicher sind, aber sind wir das wirklich? Sie sind Wände, die nicht real sind; sie sind nichts anderes als Vorstellungen und Empfindungen. Wir wollen gerne glauben, dass da ein Gott ist, der sich um uns kümmert, oder dass wir im nächsten Leben in eine reichere, vornehmere Familie hineingeboren werden. Das kann so sein oder auch nicht. Wenn wir uns die äußeren und inneren Sicherheiten anschauen, können wir also selbst erkennen, dass es im Leben überhaupt keine Sicherheit gibt.

Fragt ihr die Flüchtlinge aus Pakistan oder Osteuropa, werden sie euch gewiss sagen, dass es keine äußere Sicherheit gibt. Aber sie haben das Gefühl, dass es innere Sicherheit gibt, und klammern sich an diese Vorstellung. Vielleicht verlierst du deine äußere Sicherheit, aber dann bist du umso mehr darauf bedacht, dir eine innere Sicherheit zu schaffen, und willst sie nicht loslassen. Doch das bedeutet noch mehr Angst.

Wird es euch Angst machen, wenn euch eure Eltern morgen oder in ein paar Jahren sagen, wen ihr heiraten sollt? Natürlich nicht, denn ihr wurdet dazu erzogen, genau das zu tun, was man euch sagt. Eure Eltern, der Guru, der Priester haben euch beigebracht, in gewissen Bahnen zu denken, auf eine bestimmte Weise zu handeln und bestimmte Glaubenssätze zu verinnerlichen. Aber wärt ihr nicht völlig hilflos, wenn man euch auffordern würde, selbst zu entscheiden? Wenn eure Eltern euch sagten, ihr solltet heiraten, wen ihr mögt, würdet ihr doch erschaudern, nicht wahr? Da ihr durch die Tradition, durch diverse Ängste so gründlich konditioniert wurdet, wollt ihr nicht, dass man euch die Entscheidungen überlässt. Allein gelassen zu werden bedeutet Gefahr, und ihr wollt niemals allein gelassen werden. Ihr wollt auch nicht allein über etwas nachdenken. Ihr wollt nie allein spazieren gehen. Ihr wollt wie eifrige Ameisen sein. Ihr habt Angst, einem Problem selbst auf den Grund zu gehen, euch den Anforderungen des Lebens zu stellen; und weil ihr Angst habt, tut ihr chaotische, absurde Dinge. Wie ein Mann mit einer Bettelschale akzeptiert ihr gedankenlos, was euch angeboten wird.

Ein wirklich nachdenklicher Mensch, der all das sieht, fängt an, sich von jeder Sicherheit zu befreien, ob es sich nun um eine äußere oder innere handelt. Das ist extrem schwierig, denn es bedeutet, dass man allein ist – allein in dem Sinne, dass man nicht abhängig ist. In dem Moment, wo man abhängig ist, kommt Angst auf, und wo Angst ist, ist keine Liebe. Wenn man liebt, ist man nicht einsam. Das Gefühl von Einsamkeit entsteht nur, wenn man Angst davor hat, allein zu sein und nicht zu wissen, was man tun soll. Wenn man von Vorstellungen beherrscht und durch Glaubenssätze isoliert wird, ist Angst unvermeidlich, und wenn man Angst hat, ist man vollkommen blind.

Die Lehrer und Eltern müssen also dieses Problem der Angst gemeinsam lösen. Aber unglücklicherweise haben eure Eltern Angst davor, was ihr tun könntet, wenn ihr nicht heiratet, keinen Job bekommt. Sie haben Angst, dass ihr auf Abwege geratet, oder vor dem, was die Leute sagen könnten, und aufgrund dieser Angst wollen sie euch dazu bringen, bestimmte Dinge zu tun. Ihre Angst ist bemäntelt von dem, was sie Liebe nennen. Sie wollen sich um euch kümmern, und deshalb müsst ihr dies oder jenes tun. Aber wenn ihr hinter die Kulisse ihrer so genannten Liebe und Fürsorge blickt, werdet ihr feststellen, dass da die Angst um eure Sicherheit und euren guten Ruf ist. Und ihr habt auch Angst, weil ihr so lange von andern abhängig wart.

Deshalb ist es so wichtig, dass ihr vom zartesten Alter an anfangt, diese Angstgefühle zu hinterfragen und aufzulösen, damit sie euch nicht isolieren und ihr nicht von Vorstellungen, Traditionen und Gewohnheiten eingezäunt seid, sondern als freie, schöpferische, vitale Menschen leben könnt.

Frage: Warum haben wir Angst, obwohl wir wissen, dass Gott uns beschützt?

Krishnamurti: Das hat man euch gesagt. Euer Vater, eure Mutter, euer älterer Bruder haben euch gesagt, dass Gott euch beschützt. Es ist eine Vorstellung, an die ihr euch klammert, und dennoch habt ihr Angst. Obwohl ihr diese Vorstellung, diesen Gedanken, dieses Gefühl habt, dass Gott euch beschützt, ist es eine Tatsache, dass ihr Angst habt. Eure Angst ist das Reale, nicht eure Vorstellung, dass ihr von Gott beschützt werdet, weil eure Eltern und die Tradition behaupten, dass es so ist.

Was geschieht also wirklich? Werdet ihr beschützt? Schaut euch die Millionen von Menschen an, die nicht beschützt werden, die Hunger leiden. Schaut euch die Leute auf dem Land an, die schwere Lasten schleppen müssen, die hungrig und schmutzig sind und mit zerrissenen Kleidern herumlaufen. Werden sie von Gott beschützt?

Solltest du, weil du mehr Geld oder eine gewisse gesellschaftliche Stellung hast, weil dein Vater Beamter oder ein Geschäftsmann ist, der andere übers Ohr gehauen hat, von Gott beschützt werden, während Millionen andere nicht ausreichend mit Nahrung, Kleidung oder Wohnraum versorgt sind? Du hoffst, dass die Armen und Hungernden vom Staat, von ihren Arbeitgebern, von der Gesellschaft, von Gott beschützt werden, aber sie werden nicht beschützt. Es gibt in Wirklichkeit keinen Schutz, selbst wenn du gerne glauben möchtest, Gott würde dich beschützen. Es ist einfach eine nette Vorstellung, die deine Angst besänftigen soll, damit du nichts in Frage stellst, sondern einfach an Gott glaubst. Es ist sinnlos, sich mit der Vorstellung zu beschäftigen, dass Gott dich beschützt. Aber wenn du diesem ganzen Angstkomplex wirklich auf den Grund gehst, wirst du herausfinden, ob Gott dich beschützen wird oder nicht.

Wenn das Gefühl von Liebe und Zuneigung da ist, gibt es keine Angst und keine Ausbeutung, und dann gibt es kein Problem.