Gibt es so etwas wie Sicherheit? – Teil 3

Frage: Was ist die Gesellschaft?

Krishnamurti: Was ist die Gesellschaft? Und was ist die Familie? Wir wollen Schritt für Schritt herausfinden, wie die Gesellschaft geschaffen wird, wie sie entsteht.

Was ist die Familie? Was meinst du, wenn du sagst: »Das ist meine Familie?« Dein Vater, deine Mutter, dein Bruder, deine Schwester, das Gefühl von Nähe, die Tatsache, dass ihr zusammen im selben Haus wohnt, das Gefühl, dass deine Eltern dich beschützen, der Besitz bestimmter Dinge – Schmuck, Kleidung und so weiter – all das ist die Basis der Familie. Es gibt andere Familien wie deine, die in anderen Häusern leben und die genau dasselbe fühlen wie ihr, die ebenfalls empfinden: »Meine Frau«, »mein Mann«, »meine Kinder«, »mein Haus«, »meine Kleider«, »mein Auto«.

Viele solcher Familien leben auf demselben Fleckchen Erde, und sie kommen zu der Überzeugung, dass nicht noch weitere Familien hier eindringen sollten. Also fangen sie an, Gesetze zu machen. Die mächtigen Familien schaffen sich in hohe Positionen hinein, erwerben große Ländereien, sie haben mehr Geld, mehr Kleidung, mehr Autos; sie tun sich zusammen und stellen die Regeln auf. Sie sagen uns anderen, was wir zu tun und zu lassen haben. So entsteht allmählich eine Gesellschaft mit Gesetzen, Regeln, Polizisten, mit einer Armee und einer Marine. Und irgendwann ist die ganze Erde von verschiedenen Gesellschaften bevölkert. Dann entwickeln Leute entgegengesetzte Vorstellungen und versuchen diejenigen, die sich in hohen Positionen eingerichtet haben, die alle Macht in Händen halten, zu stürzen. Sie zerstören die jeweilige Gesellschaft und errichten eine neue.

Die Gesellschaft ist das Verhältnis der Menschen zueinander – die Beziehung eines Menschen zu einem anderen, einer Familie zu einer anderen, zwischen einer Gruppe und einer anderen und zwischen dem Individuum und der Gruppe. Die Gesellschaft besteht aus menschlichen Beziehungen, der Beziehung zwischen dir und mir. Wenn ich sehr habgierig, sehr schlau und gerissen bin, wenn ich große Macht und Autorität habe, werde ich dich verdrängen und du wirst versuchen, mit mir dasselbe zu machen. Also machen wir Gesetze. Aber dann kommen andere Menschen und brechen unsere Gesetze, schaffen andere Gesetze, und so geht es immer weiter. In der Gesellschaft, die nichts anderes als das Verhältnis der Menschen zueinander ist, herrscht ein ständiger Konflikt. Das ist die simple Basis der Gesellschaft, die immer komplexer wird, so wie auch die Menschen in ihren Vorstellungen, Wünschen, Institutionen und Industrien immer komplexer werden

Frage: Kann man frei sein, solange man in dieser Gesellschaft lebt?

Krishnamurti: Kann ich jemals frei sein, wenn ich meine Zufriedenheit und mein Wohlbefinden von der Gesellschaft abhängig mache? Wenn ich von der Zuneigung, vom Geld meines Vaters abhängig bin oder mein Handeln nach ihm richte, oder wenn ich mich auf irgendeine Weise von einem Guru abhängig mache, bin ich nicht frei, nicht wahr? Ist es also möglich, frei zu sein, solange ich psychisch abhängig bin? Freiheit ist auf jeden Fall nur möglich, wenn ich Auffassungsgabe besitze und voller Schaffensdrang bin; wenn ich unabhängig denken kann, wenn ich keine Angst davor habe, was irgendjemand sagt, wenn ich wirklich herausfinden will, was wahr ist, und nicht habgierig, neidisch, eifersüchtig bin. Solange ich neidisch und habgierig bin, bin ich psychisch von der Gesellschaft abhängig, und solange ich auf diese Weise von der Gesellschaft abhängig bin, bin ich nicht frei. Aber wenn ich aufhöre, habgierig zu sein, bin ich frei.

Frage: Warum wollen die Menschen in der Gesellschaft leben, wenn sie doch alleine leben können?

Krishnamurti: Kannst du allein leben?

Frage: Ich lebe in der Gesellschaft, weil mein Vater und meine Mutter in der Gesellschaft leben.

Krishnamurti: Musst du, um einen Job zu finden, deinen Lebensunterhalt zu verdienen, nicht in der Gesellschaft leben? Kannst du allein leben? Im Hinblick auf Nahrung, Kleidung und Wohnraum, bist du von anderen abhängig. Du kannst nicht isoliert leben. Kein Lebewesen ist völlig allein. Nur im Tod bist du allein. Solange du lebst, stehst du in Beziehung – mit deinem Vater, deinem Bruder, dem Bettler, dem Straßenarbeiter, dem Kaufmann, dem Kassierer. Du stehst immer in Beziehung, und weil du diese Beziehung nicht verstehst, gibt es einen Konflikt. Aber wenn du die Beziehung zwischen dir und einem anderen Menschen verstehst, gibt es keinen Konflikt, und dann stellt sich die Frage des Alleinlebens nicht.