Gibt es so etwas wie Sicherheit? – Teil 4

Frage: Ist es nicht so, dass wir nie absolut frei sein können, weil wir immer in Beziehung miteinander stehen?

Krishnamurti: Wir verstehen nicht, was eine Beziehung ist, eine gesunde Beziehung. Nehmen wir an, ich bin abhängig von deiner Bestätigung, deinem Trost oder von dem Sicherheitsgefühl, das du mir gibst. Wie kann ich dann jemals frei sein? Aber wenn ich nicht auf diese Weise abhängig bin, stehe ich immer noch in Beziehung zu dir, nicht wahr? Ich hänge aufgrund emotionaler, physischer oder intellektueller Bedürfnisse von dir ab, und deshalb bin ich nicht frei. Ich klammere mich an meine Eltern, weil ich nach einer gewissen Sicherheit verlange, und das bedeutet, dass meine Beziehung zu ihnen auf Abhängigkeit und Angst beruht. Wie kann ich dann überhaupt eine Beziehung haben, die frei ist? In einer Beziehung kann es nur Freiheit geben, wenn keine Angst da ist. Um eine gesunde Beziehung zu haben, muss ich also anfangen, mich von dieser psychischen Abhängigkeit, die Angst erzeugt, zu befreien.

Frage: Wie können wir frei sein, wenn unsere Eltern im Alter von uns abhängig sind?

Krishnamurti: Weil sie alt sind, sind sie davon abhängig, dass du sie unterstützt. Was geschieht also? Sie erwarten, dass du genug verdienst, um sie mit Kleidung und Essen zu versorgen. Und wenn du Tischler oder Künstler werden willst, obwohl du dabei nichts verdienst, werden sie sagen, dass du es nicht tun sollst, weil du sie unterstützen musst. Denke einmal darüber nach. Ich sage nicht, dass es gut oder schlecht ist. Wenn wir sagen, dass es gut oder schlecht ist, hören wir auf, uns weiter Gedanken darüber zu machen. Die Forderung deiner Eltern, für sie zu sorgen, hindert dich daran, dein eigenes Leben zu führen, es wird als egoistisch betrachtet, wenn du dein eigenes Leben lebst, und so wirst du zum Sklaven deiner Eltern.

Vielleicht bist du der Meinung, dass sich der Staat um die alten Leute kümmern sollte, indem er ihnen Rente zahlt und sie durch verschiedene andere Maßnahmen absichert. Aber in einem Land, das unter Überbevölkerung, ungenügendem Volkseinkommen, mangelnder Produktivität und so weiter leidet, kann der Staat nicht für die Alten sorgen. Die alten Eltern sind also von den Jungen abhängig, und die Jungen passen sich immer an den alten Trott der Tradition an und werden zerstört. Aber dieses Problem habe ich nicht zu erörtern. Ihr müsst darüber nachdenken und zu einer Lösung kommen.

Natürlich will ich meine Eltern in einem vernünftigen Rahmen unterstützen. Aber nehmen wir einmal an, ich möchte auch etwas tun, das mir sehr wenig Geld einbringt. Nehmen wir an, ich will einen religiösen Weg gehen und mein Leben der Suche nach Gott, nach der Wahrheit widmen. Diese Art zu leben bringt mir vielleicht kein Geld ein, und vielleicht muss ich, wenn ich diesen Weg einschlage, sogar meine Familie aufgeben – was bedeuten könnte, dass sie Hunger leiden muss wie Millionen andere Menschen. Was soll ich tun? Solange ich Angst davor habe, was die Leute sagen werden – dass ich kein pflichtbewusster Sohn bin, dass ich ein nichtsnutziger Sohn bin –, werde ich nie ein kreativer Mensch sein. Um ein kreativer, glücklicher Mensch sein zu können, brauche ich eine Menge Unternehmungsgeist.

Frage: Wäre es denn gut, wenn wir unsere Eltern hungern ließen?

Krishnamurti: Du drückst es verkehrt aus. Nehmen wir an, ich will wirklich von ganzem Herzen Künstler, Maler werden und ich weiß, dass mir die Malerei sehr wenig einbringen wird. Was soll ich machen? Mein tiefes Verlangen, zu malen, unterdrücken und Büroangestellter werden? Das passiert doch normalerweise, nicht wahr? Ich werde Angestellter und lebe für den Rest meines Lebens mit einem großen inneren Konflikt, ich leide, und weil ich so frustriert bin, mache ich meiner Frau und meinen Kindern das Leben zur Hölle. Aber wenn ich als junger Künstler diese Zusammenhänge verstehe, sage ich zu meinen Eltern: »Ich will malen und ich werde euch von dem Wenigen, das ich habe, soviel abgeben, wie ich kann; mehr kann ich nicht tun.«

Ihr habt Fragen gestellt, und ich habe sie beantwortet. Aber wenn ihr nicht wirklich über diese Fragen nachdenkt, wenn ihr ihnen nicht selbst immer mehr auf den Grund geht und euch ihnen aus verschiedenen Richtungen nähert, sie von verschiedenen Seiten betrachtet, dann werdet ihr nur sagen: »Dies ist gut und das ist schlecht; dies ist Pflicht und das ist keine Pflicht; dies ist richtig und das ist falsch«, und das wird euch nicht weiterbringen. Wenn wir aber – ihr und ich – gemeinsam über diese Fragen nachdenken und wenn ihr mit euren Eltern und Lehrern darüber sprecht, sie untersucht, dann wird eure Intelligenz geweckt, und wenn dann diese Probleme in eurem täglichen Leben auftauchen, könnt ihr mit ihnen umgehen. Aber ihr werdet nicht mit ihnen umgehen können, wenn ihr einfach nur akzeptiert, was ich sage. Meine Antworten auf eure Fragen sollen nur dazu dienen, eure Intelligenz wachzurufen, damit ihr diese Probleme selbst untersucht und so in der Lage seid, dem Leben angemessen zu begegnen.