Warum seid ihr ehrgeizig? – Teil 2

Was geschieht also in der Welt? Jeder bekämpft irgendjemanden. Ein Mensch fühlt sich einem anderen unterlegen und versucht, nach oben zu kommen. Da ist keine Liebe, keine Rücksichtnahme, keine Nachdenklichkeit. Unsere Gesellschaft ist ein Schlachtfeld, auf dem ständig jeder gegen jeden kämpft. Dieser Kampf entspringt dem Ehrgeiz, jemand zu werden, und die Älteren ermutigen euch dazu, ehrgeizig zu sein. Sie wollen, dass ihr etwas erreicht, dass ihr einen reichen Mann oder eine reiche Frau heiratet, einflussreiche Freunde habt. Da sie im Herzen voller Angst und Hässlichkeit sind, versuchen sie, aus euch Menschen zu machen wie sie selbst. Und ihr wollt wiederum sein wie sie, weil ihr den schönen Schein all dessen seht. Wenn der Gouverneur kommt, verneigen sich alle bis zum Boden, hängen ihm Girlanden um und halten Reden. Er genießt das, und ihr genießt es auch. Ihr fühlt euch geehrt, wenn ihr seinen Onkel oder seinen Angestellten persönlich kennt, und ihr sonnt euch in seinem Ehrgeiz und Erfolg. Ihr verheddert euch also leicht im hässlichen Netz der älteren Generation, im Muster dieser monströsen Gesellschaft. Nur wenn ihr sehr achtsam seid, ständig wach seid, nur wenn ihr keine Angst habt und nicht alles akzeptiert, sondern die Dinge ständig hinterfragt – nur dann verfangt ihr euch nicht im Netz, sondern geht darüber hinaus und erschafft eine andere Welt.

Deshalb ist es so wichtig, dass ihr eure wahre Berufung findet. Wisst ihr, was »Berufung« bedeutet? Etwas, das ihr mit ganzem Herzen tut, das eurem Wesen entspricht. Und das ist die eigentliche Aufgabe der schulischen Erziehung – euch zu helfen, innerlich unabhängig zu werden, damit ihr frei von Ehrgeiz seid und eure wahre Berufung finden könnt. Ein ehrgeiziger Mensch hat nie seine wahre Berufung gefunden; hätte er sie gefunden, wäre er nicht ehrgeizig.

Es liegt also in der Verantwortung der Lehrer, des Rektors, euch zu helfen, intelligent zu sein, angstfrei zu sein, so dass ihr eure wahre Berufung finden könnt, euren eigenen Lebensweg gehen könnt, dass ihr herausfinden könnt, wie ihr wirklich leben und euren Lebensunterhalt verdienen wollt. Das bedeutet eine Revolution im Denken, denn in unserer jetzigen Gesellschaft wird der Mann, der reden kann, der schreiben kann, herrschen kann, ein großes Auto fährt, hoch geachtet, während der Mann, der den Garten umgräbt, kocht, ein Haus baut, verachtet wird.

Seid ihr euch eurer Gefühle bewusst, wenn ihr einen Bauarbeiter seht oder einen Mann, der die Straße repariert, ein Taxi fährt, einen Karren zieht? Habt ihr bemerkt, dass ihr ihn mit absoluter Verachtung betrachtet? Er existiert kaum für euch. Ihr beachtet ihn nicht, aber wenn ein Mann irgendeinen Titel hat, wenn er Bankier, Geschäftsmann, Guru oder Minister ist, dann respektiert ihr ihn sofort. Doch wenn ihr wirklich eure wahre Berufung findet, werdet ihr mithelfen, dieses verrottete System zu beseitigen; dann werdet ihr etwas tun, das ihr mit ganzem Herzen tut, ob ihr nun Gärtner seid oder Maler oder Ingenieur, und das hat dann nichts mit Ehrgeiz zu tun. Etwas sehr gut zu machen, es mit ganzem Herzen, wahrhaftig und in Übereinstimmung mit euren tiefsten Gedanken und Gefühlen zu machen, hat nichts mit Ehrgeiz zu tun und ist nicht mit Angst verbunden.

Es ist sehr schwierig, euch zu helfen, eure wahre Berufung zu finden, denn es bedeutet, dass der Lehrer jedem einzelnen Schüler viel Aufmerksamkeit widmen muss, um herauszufinden, wo dessen Begabungen liegen. Er muss ihm helfen, die Angst loszulassen, Dinge zu hinterfragen, zu untersuchen. Vielleicht bist du ein potenzieller Schriftsteller oder Dichter oder Maler. Was es auch sei, wenn du es von Herzen gerne tust, bist du nicht ehrgeizig, denn Liebe kennt keinen Ehrgeiz.

Ist es also nicht sehr wichtig, dass man euch in jungen Jahren hilft, eure Intelligenz zu entwickeln und eure wahre Berufung zu finden? Dann werdet ihr ein Leben lang das, was ihr tut, leidenschaftlich gerne tun, und das bedeutet, dass es da keinen Platz für Ehrgeiz und Konkurrenz gibt, keine Kämpfe um Positionen oder Prestige; und dann werdet ihr vielleicht in der Lage sein, eine neue Welt zu schaffen. In dieser neuen Welt werden all die hässlichen Dinge der älteren Generation nicht mehr existieren – ihre Kriege, ihre Bosheit, ihre trennenden Götter, ihre völlig bedeutungslosen Rituale, ihre souveränen Regierungen, ihre Gewalttätigkeit. Deshalb tragen die Lehrer und die Schüler eine große Verantwortung.

Frage: Wenn jemand den Ehrgeiz hat, Ingenieur zu werden, bedeutet das denn nicht, dass er ein Interesse an Technik hat?

Krishnamurti: Würdest du das Interesse an einer Sache als Ehrgeiz bezeichnen? Wir können dem Wort »Ehrgeiz« verschiedene Bedeutungen geben. Für mich ist Ehrgeiz ein Zeichen von Angst. Aber wenn ich als Junge daran interessiert bin, Ingenieur zu werden, weil ich schöne Dinge konstruieren will, wunderbare Kanalsysteme, hervorragende Straßen, dann bedeutet das, dass ich Technik liebe; und das ist kein Ehrgeiz. Liebe kennt keine Angst.

Ehrgeiz und Interesse sind also zwei verschiedene Dinge, nicht wahr? Wenn ich wirklich Interesse an der Malerei habe, liebe ich es, zu malen. Und dann konkurriere ich nicht mit anderen, um der beste oder berühmteste Maler zu werden. Ich liebe es einfach zu malen. Vielleicht kannst du besser malen als ich, aber ich vergleiche mich nicht mit dir. Wenn ich male, dann liebe ich, was ich tue, und das genügt mir.

Frage: Auf welche Weise findet man Gott am leichtesten?

Krishnamurti: Ich fürchte, es gibt keinen leichten Weg, denn Gott zu finden ist ein schwieriges und höchst mühevolles Unterfangen. Ist nicht das, was wir Gott nennen, ein Produkt unserer Gedanken? Das Denken ist das Produkt der Zeit, es kann alles erschaffen, jede Illusion. Es hat die Macht, Ideen zu erschaffen, kann sich in Fantasien, in Vorstellungen hineinprojizieren; es ist ständig damit beschäftigt zu sammeln, zu verwerfen und zu wählen. Weil unser Geist voreingenommen, eng und begrenzt ist, kann er sich ein Bild von Gott machen, er kann sich Gott gemäß seiner eigenen Begrenzung vorstellen. Weil gewisse Lehrer, Priester und so genannte Erlöser gesagt haben, dass es Gott gibt, und ihn beschrieben haben, kann sich der menschliche Geist Gott innerhalb dieses Rahmens vorstellen, aber dieses Bild, diese Vorstellung ist nicht Gott. Gott kann nicht vom Verstand gefunden werden.