Warum seid ihr ehrgeizig? – Teil 3

Krishnamurti: (Fortsetzung) Um Gott zu verstehen, musst du erst deinen eigenen Geist verstehen – und das ist sehr schwierig. Der Geist ist sehr komplex, und es ist nicht einfach, ihn zu verstehen. Aber es ist einfach, sich hinzusetzen und sich in einem Traum zu verlieren, verschiedene Visionen und Illusionen zu haben und dann zu glauben, man sei Gott ganz nah. Der menschliche Geist kann enormer Selbsttäuschung erliegen. Um wirklich das zu erfahren, was man Gott nennen könnte, muss man vollkommen still sein; und habt ihr nicht schon festgestellt, wie schwierig das ist? Habt ihr nicht schon bemerkt, dass nicht einmal die älteren Leute wirklich still sitzen können, wie sie herumzappeln, mit den Zehen wackeln und ihre Hände bewegen? Es ist schwierig, physisch still zu sein, und wie viel schwerer fällt es erst dem Geist, still zu sein! Vielleicht folgst du einem Guru und zwingst deinen Geist, still zu sein, aber dein Geist ist nicht wirklich still. Er ist immer noch unruhig wie ein kleines Kind, das man gezwungen hat, in der Ecke zu stehen. Es ist eine große Kunst, ohne Zwang vollkommen still zu sein, und nur dann besteht die Möglichkeit, das zu erfahren, was man Gott nennen könnte.

Frage: Ist Gott überall?

Krishnamurti: Bist du wirklich daran interessiert, es herauszufinden? Ihr stellt Fragen und dann driftet ihr weg. Ihr hört nicht zu. Hast du schon einmal bemerkt, dass die älteren Leute dir fast nie zuhören? Sie hören dir kaum zu, weil sie so sehr mit ihren eigenen Gedanken, ihren eigenen Gefühlen, Freuden und Leiden beschäftigt sind. Ich hoffe, du hast das bemerkt. Wenn du es verstehst zu beobachten und zuzuhören, wirklich zuzuhören, wirst du eine Menge herausfinden, und zwar nicht nur über Menschen, sondern über die Welt.

Da sitzt dieser Junge und fragt, ob Gott überall ist. Er ist ziemlich jung für diese Frage. Er weiß nicht, was sie wirklich bedeutet. Er hat wahrscheinlich eine vage Ahnung von irgendetwas – nimmt Schönheit wahr, die Vögel am Himmel, das lebendig fließende Wasser, ein schönes, lächelndes Gesicht, ein im Wind tanzendes Blatt, eine Frau, die eine Last trägt. Und da ist auch Wut, Lärm, Leid – all das liegt in der Luft. So ist er natürlich daran interessiert und neugierig darauf, herauszufinden, was das Leben überhaupt ist. Er hört die alten Leute über Gott reden und ist verwirrt. Es ist sehr wichtig für ihn, eine solche Frage zu stellen, nicht wahr? Und es ist genauso wichtig für euch alle, nach der Antwort zu suchen, denn ihr werdet, wie ich bereits vor ein paar Tagen sagte, die Bedeutung dieser Dinge allmählich unbewusst erfassen; und dann habt ihr, wenn ihr älter werdet, Hinweise auf etwas anderes als diese hässliche Welt voller Schmerzen und Kämpfe. Die Welt ist schön, die Erde ist wundervoll, aber wir verderben sie.

Frage: Was ist das eigentliche Ziel des Lebens?

Krishnamurti: Es ist vor allem das, was du daraus machst. Es ist das, was du aus dem Leben machst.

Frage: Soweit es die Realität betrifft, muss es etwas anderes sein. Ich bin nicht besonders daran interessiert, ein persönliches Ziel zu haben, aber ich möchte wissen, was das Ziel für alle ist.

Krishnamurti: Wie wirst du es herausfinden? Wer wird es dir zeigen? Kannst du es durch Lesen entdecken? Wenn du liest, empfiehlt dir ein Autor eine bestimmte Methode, während dir ein anderer eine ganz andere anbietet. Wenn du zu einem Menschen gehst, der leidet, wird er dir sagen, dass das Ziel des Lebens darin besteht, glücklich zu sein. Gehst du zu einem Menschen, der hungert, der seit Jahren nie genug zu essen hatte, wird sein Ziel ein voller Bauch sein. Triffst du einen Politiker, wird sein Ziel sein, einer von denen zu werden, die die Welt beherrschen. Fragst du eine junge Frau, wird sie sagen: »Mein Ziel ist es, ein Baby zu bekommen.« Gehst du zu einem Sannyasin, ist sein Ziel, Gott zu finden. Im Allgemeinen ist es das Ziel, der unterschwellige Wunsch der Menschen, etwas Befriedigendes, Tröstliches zu finden, irgendeine Form der Sicherheit, so dass sie keine Zweifel, keine Fragen, keine innere Unruhe, keine Angst haben müssen. Die meisten von uns wünschen sich etwas Dauerhaftes, an das sie sich klammern können, nicht wahr?

Das allgemeine Lebensziel des Menschen ist also irgendeine Hoffnung, irgendeine Form der Sicherheit, irgendetwas Dauerhaftes. Sag’ nicht: »Ist das alles?« Das ist die unmittelbare Tatsache, und du musst dich erst einmal damit gründlich vertraut machen. Du musst all das in Frage stellen, und das bedeutet, dass du dich selbst in Frage stellen musst. Das allgemeine Lebensziel des Menschen ist in dir verborgen, weil du Teil des Ganzen bist. Du selbst wünschst dir Sicherheit, Dauerhaftigkeit, Glück; du willst etwas, woran du dich festhalten kannst.

Um also herauszufinden, ob es etwas anderes gibt, das darüber hinaus geht, eine Wahrheit, die nicht aus dem Denken kommt, müssen alle Illusionen aufgelöst werden, das heißt, du musst sie verstehen und hinter dir lassen. Nur dann kannst du wirklich entdecken, ob es ein Ziel gibt oder nicht. Zu spekulieren, dass es ein Ziel gibt, oder es zu glauben, ist bloß eine weitere Illusion. Aber wenn du deine ganzen Konflikte, Kämpfe, Schmerzen, Eitelkeiten, dein ehrgeiziges Streben, deine Hoffnungen und Ängste hinterfragen kannst, wenn du hindurchgehen und über sie hinausgehen kannst, wirst du es herausfinden.

Frage: Wenn ich höhere Kräfte entwickle, werde ich dann letztendlich das Höchste sehen?

Krishnamurti: Wie kannst du das Höchste sehen, solange es viele Hindernisse zwischen dir und dem Höchsten gibt? Zuerst musst du die Hindernisse aus dem Weg räumen. Du kannst nicht in einem geschlossenen Raum sitzen und wissen, wie sich frische Luft anfühlt. Um frische Luft zu bekommen, musst du das Fenster öffnen. Und so musst du auch alle Hindernisse, alle Begrenzungen und Konditionierungen in deinem Inneren sehen, musst sie verstehen und hinter dir lassen. Dann wirst du es herausfinden. Aber auf dieser Seite zu sitzen und herauszufinden versuchen, was auf der anderen Seite ist, ist sinnlos.