Was ist Liebe? – Teil 2

Ehrgeizige Männer und Frauen wissen nicht, was Liebe ist – und wir werden von ehrgeizigen Leuten beherrscht. Deshalb gibt es kaum glückliche Menschen in der Welt; und deshalb ist es sehr wichtig, dass ihr, wenn ihr älter werdet, all das seht und versteht und für euch selbst herausfindet, ob es möglich ist zu entdecken, was Liebe ist. Vielleicht habt ihr eine gute Stellung, ein wunderschönes Haus, einen herrlichen Garten, schöne Kleider; vielleicht werdet ihr Premierminister, aber ohne Liebe sind alle diese Dinge bedeutungslos.

Ihr müsst also jetzt anfangen, herauszufinden – nicht warten, bis ihr alt seid, denn dann werdet ihr es nie mehr herausfinden –, was ihr wirklich fühlt im Kontakt mit euren Eltern, euren Lehrern, eurem Guru. Ihr könnt nicht einfach das Wort »Liebe« oder irgendein anderes Wort akzeptieren, sondern müsst hinter die Bedeutung von Worten blicken, um die Realität zu sehen – die Realität dessen, was ihr wirklich fühlt, und nicht, was ihr fühlen solltet. Wenn ihr wirklich eifersüchtig oder wütend seid und euch sagt: »Ich darf nicht eifersüchtig sein, ich darf nicht wütend sein«, dann ist das lediglich Wunschdenken und hat überhaupt nichts mit der Realität zu tun. Worauf es ankommt, ist, ganz ehrlich und sehr klar zu sehen, was man im gegebenen Moment tatsächlich fühlt, ohne das Ideal ins Spiel zu bringen – was man fühlen sollte oder in Zukunft fühlen wird –, denn dann kann man etwas dagegen tun. Aber zu sagen: »Ich muss meine Eltern lieben, ich muss meine Lehrer lieben« hat überhaupt keine Bedeutung, nicht wahr? Denn eure wahren Gefühle sind ganz anders, und diese Worte werden zu einer Trennwand, hinter der ihr euch versteckt.

Ist es also nicht intelligent, hinter die allgemein akzeptierte Bedeutung von Wörtern zu blicken? Wörter wie »Pflicht«, »Verantwortung«, »Gott«, »Liebe« haben eine traditionelle Bedeutung erhalten, aber ein intelligenter Mensch, ein wirklich gebildeter Mensch blickt hinter diese traditionelle Bedeutung solcher Wörter. Würde beispielsweise jemand zu euch sagen, er glaube nicht an Gott, wärt ihr schockiert, nicht wahr? Ihr würdet ausrufen: »Du meine Güte, wie schrecklich!«, weil ihr an Gott glaubt – zumindest denkt ihr das. Aber Glauben und Unglauben sind ziemlich bedeutungslos.

Für euch ist es wichtig, dass ihr hinter das Wort »Liebe« blickt, um zu sehen, ob ihr eure Eltern wirklich liebt und ob euch eure Eltern wirklich lieben. Würdet ihr und eure Eltern einander wirklich lieben, dann würde die Welt mit Sicherheit ganz anders aussehen. Es gäbe keine Kriege, keinen Hunger, keine Klassenunterschiede. Es gäbe keine Reichen und keine Armen. Ohne Liebe versuchen wir die Gesellschaft ökonomisch zu reformieren, wir versuchen, die Dinge in Ordnung zu bringen, aber solange keine Liebe in unseren Herzen ist, können wir keine soziale Struktur schaffen, die frei von Konflikten und Leid ist. Deshalb müssen wir diese Dinge sehr sorgfältig betrachten. Vielleicht finden wir dann heraus, was Liebe ist.

Frage: Warum gibt es Leid und Elend in der Welt?

Krishnamurti: Ich frage mich, ob dieser Junge weiß, was diese Worte bedeuten. Er hat wahrscheinlich einen voll beladenen Esel gesehen, dessen Beine fast unter der Last einknickten, oder einen anderen Jungen, der weinte, oder eine Mutter, die ihr Kind schlug. Vielleicht hat er alte Leute miteinander streiten sehen. Und es gibt den Tod – der Leichnam wird weggetragen, um verbrannt zu werden. Es gibt Bettler, es gibt Armut, Krankheit, Alter; es gibt Schmerz und Leid – nicht nur außen, sondern auch in unserem Innern. Also fragt er: »Warum gibt es das Leid?« Wollt ihr es nicht auch wissen? Habt ihr euch nie nach den Ursachen eures eigenen Leids gefragt? Was ist Leid und warum existiert es? Wenn ich etwas will und es nicht haben kann, fühle ich mich elend; wenn ich mehr Kleider, mehr Geld haben will oder wenn ich schöner sein will und nicht haben kann, was ich mir wünsche, bin ich unglücklich. Wenn ich einen bestimmten Menschen lieben will und er mich nicht liebt, bin ich auch unglücklich. Mein Vater stirbt und ich leide. Warum?

Warum sind wir unglücklich, wenn wir nicht haben können, was wir wollen? Warum sollten wir unbedingt haben, was wir wollen? Wir denken, das sei unser gutes Recht, nicht wahr? Aber fragen wir uns jemals, warum wir haben sollten, was wir wollen, während Millionen von Menschen noch nicht einmal haben, was sie brauchen? Und außerdem – warum wollen wir es? Wir brauchen Nahrung, Kleidung, ein Dach über dem Kopf, aber wir sind nicht damit zufrieden. Wir wollen viel mehr. Wir wollen Erfolg, wir wollen respektiert und geliebt werden, wir wollen, dass man zu uns aufschaut, wir wollen Macht, wir wollen berühmte Dichter, Redner, Heilige sein, Premierminister oder Präsidenten. Warum? Habt ihr euch darüber je Gedanken gemacht? Warum wollen wir all das? Nicht, dass wir selbstzufrieden sein sollten. Das meine ich nicht. Das wäre hässlich, dumm. Aber woher kommt diese ständige Gier nach mehr, mehr, mehr? Diese Gier weist uns darauf hin, dass wir unzufrieden sind. Aber womit? Mit dem, was wir sind? Ich bin dies, ich mag es nicht und will das sein. Ich denke, dass ich in einem neuen Mantel oder Kleid viel schöner aussehen werde, also will ich es haben. Das bedeutet, dass ich unzufrieden mit dem bin, was ich bin, und ich denke, ich könnte dieser Unzufriedenheit durch mehr Kleider, mehr Macht und so weiter entfliehen. Aber die Unzufriedenheit ist immer noch da, oder nicht? Ich habe sie nur mit Kleidern, mit Macht, mit Autos zugedeckt.

Wir müssen also herausfinden, wie wir verstehen können, was wir sind. Wenn wir uns nur hinter Besitztümern, Macht und Status verstecken, ist das völlig sinnlos, weil wir immer noch unglücklich sind. Der unglückliche Mensch, der leidende Mensch, der das erkennt, rennt nicht zu irgendeinem Guru, er versteckt sich nicht hinter Besitz und Macht – im Gegenteil, er will wissen, was hinter seinem Leid steckt. Wenn du deinem Leid auf den Grund gehst, wirst du feststellen, dass du sehr klein, leer und begrenzt bist und dass du dich anstrengst, etwas zu erreichen, etwas zu werden. Und gerade diese Anstrengung, etwas zu erreichen, etwas zu werden, ist die Ursache für das Leid. Aber wenn du anfängst zu verstehen, was du in Wirklichkeit bist, wenn du immer tiefer vordringst, wirst du feststellen, dass etwas ganz anderes geschieht.