Was ist Liebe? – Teil 3

Frage: Wenn ein Mensch hungert und ich das Gefühl habe, dass ich ihm helfen kann – ist das dann Ehrgeiz oder Liebe?

Krishnamurti: Das hängt ganz von deinem Motiv ab. Indem er sagt, er ist dafür, dass den Armen geholfen wird, gelangt der Politiker nach New Delhi, lebt in einem großen Haus und gibt an. Ist das Liebe? Verstehst du? Ist das Liebe?

Frage: Ist es nicht Liebe, wenn ich seinen Hunger durch meine Hilfsbereitschaft lindere?

Krishnamurti: Er hungert und du hilfst ihm, indem du ihm zu essen gibst. Ist das Liebe? Warum willst du ihm helfen? Hast du kein anderes Motiv, keine andere Absicht, als den Wunsch, ihm zu helfen? Hast du keinerlei Vorteil davon? Denke darüber nach, sag’ nicht gleich »ja« oder »nein«. Wenn du dir irgendeinen Vorteil davon erhoffst, einen politischen oder sonstigen, irgendeinen äußeren oder inneren Vorteil, dann liebst du ihn nicht. Wenn du ihm zu essen gibst, um beliebter zu werden, oder in der Hoffnung, dass deine Freunde dir dann helfen werden, nach New Delhi zu kommen, dann hat das nichts mit Liebe zu tun, nicht wahr? Aber wenn du ihn liebst, wirst du ihm zu essen geben ohne irgendein verstecktes Motiv, ohne irgendetwas dafür zu erwarten. Bist du verletzt, wenn er nicht dankbar für deine Hilfe ist? Wenn ja, liebst du ihn nicht. Wenn er zu dir und den Dorfbewohnern sagt, dass du ein wunderbarer Mensch bist und du dich sehr geschmeichelt fühlst, dann bedeutet das nur, dass du an dich selbst denkst, und das ist ganz sicher keine Liebe. Man muss also sehr wach und bewusst sein, um herauszufinden, ob man irgendeinen Vorteil aus seiner Hilfsbereitschaft zieht, und welches Motiv dahinter steckt, wenn man den Hungernden hilft.

Frage: Nehmen wir an, ich will nach Hause fahren und der Rektor sagt »nein«. Wenn ich ihm nicht gehorche, muss ich die Konsequenzen tragen; gehorche ich ihm aber, bricht es mir das Herz. Was soll ich also tun?

Krishnamurti: Willst du damit sagen, dass du mit dem Rektor nicht darüber sprechen kannst, dass du ihn nicht ins Vertrauen ziehen und ihm dein Problem darlegen kannst? Wenn er von der richtigen Sorte ist, kannst du ihm vertrauen und dein Problem mit ihm besprechen. Sagt er dann immer noch, dass du nicht fahren darfst, ist er möglicherweise einfach stur, was bedeutet, dass mit ihm etwas nicht stimmt; aber er könnte auch einen guten Grund für sein »Nein« haben. Das musst du herausfinden. Es muss also viel Vertrauen da sein. Du musst Vertrauen in den Rektor haben, und er muss Vertrauen in dich haben. Das Leben ist keine einseitige Beziehung. Du bist ein Mensch, und der Rektor ist ebenfalls ein Mensch, der auch Fehler machen kann. Ihr müsst also beide bereit sein, die Sache zu besprechen. Vielleicht willst du unbedingt nach Hause, aber vielleicht ist das nicht genug. Vielleicht haben deine Eltern dem Rektor geschrieben, dass er dich nicht nach Hause fahren lassen soll. Es muss eine gegenseitige Befragung sein, nicht wahr, damit du dich nicht verletzt fühlst, damit du dich nicht schlecht behandelt oder brutal abgeschoben fühlst. Und das ist nur möglich, wenn du Vertrauen zu deinem Lehrer hast und wenn er Vertrauen zu dir hat. Mit anderen Worten: Es muss echte Liebe da sein. Ein solches Umfeld sollte eine Schule bieten.

Frage: Warum sollen wir kein Puja* halten?

Krishnamurti: Weißt du, warum die älteren Leute Puja halten? Es ist bloße Nachahmung, nicht wahr? Je unreifer wir sind, desto mehr wollen wir andere nachahmen. Hast du schon einmal bemerkt, wie beliebt Uniformen sind? Bevor du also fragst, warum ihr kein Puja halten sollt, frag’ lieber die alten Leute, warum sie es tun. Erstens tun sie es, weil es Tradition ist – schon ihre Großväter haben es getan. Zweitens beruhigt sie die Wiederholung bestimmter Worte, sie spüren einen gewissen inneren Frieden. Verstehst du das? Ständig wiederholte Wörter lassen den Geist abstumpfen, und dadurch stellt sich ein Gefühl innerer Ruhe ein. Insbesondere Sanskritwörter haben bestimmte Schwingungen, die einen sehr ruhig werden lassen. Die älteren Leute halten auch deshalb Puja, weil es alle anderen tun. Und ihr Jungen wollt es ihnen nachmachen. Willst du Puja halten, weil dir jemand gesagt hat, dass man es tun sollte? Willst du es tun, weil die Wiederholung bestimmter Wörter bei dir eine angenehm hypnotische Wirkung auslöst? Solltest du nicht, bevor du irgendetwas tust, zunächst herausfinden, warum du es überhaupt tun willst? Solltest du nicht, selbst wenn Millionen von Menschen an Puja glauben, dein eigenes Denkvermögen benutzen, um seine wahre Bedeutung zu entdecken?

Die bloße Wiederholung von Sanskritwörtern oder bestimmten Gesten wird dir nicht helfen, die Wahrheit herauszufinden, oder was Gott ist. Um das herauszufinden musst du meditieren. Aber das ist etwas ganz anderes – ganz anders als Puja. Millionen Menschen halten Puja, aber hat es zu einer glücklicheren Welt geführt? Sind diese Menschen kreativ? Kreativ zu sein bedeutet, ganz lebendig, voller Liebe und Freundlichkeit, Sympathie und Rücksichtnahme zu sein. Wenn du als kleiner Junge anfängst, Puja zu halten und es jahrelang machst, wirst du wie eine Maschine. Aber wenn du anfängst, Fragen zu stellen, wenn du zweifelst und forschst, wirst du vielleicht herausfinden, wie du meditieren kannst. Und Meditation ist, wenn man sie richtig macht, ein großer Segen.

* Puja: Religiöse Zeremonie, bei der mit Hilfe bestimmter Rituale Verbindung zu den Göttern aufgenommen werden soll (Anm. d. Übers.)