Wie wichtig es ist, den eigenen Geist zu verstehen – Teil 2

Durch sein Verlangen, sein Wünschen erzeugt der Geist also ein Muster, und in diesem Muster bleibt er hängen. Und dann wird er lustlos, abgestumpft, dumm, gedankenlos. Der Geist ist das Zentrum dieses Gefühls des Besitzens, des Gefühls von »mir« und »mein«: »Ich besitze etwas«, »ich bin ein großer Mann«, »ich bin ein kleiner Mann«, »ich bin verletzt«, »ich fühle mich geschmeichelt«, »ich bin schlau«, »ich bin sehr schön«, »ich will jemand sein«, »ich bin der Sohn oder die Tochter von jemandem«. Dieses Gefühl von »mir« und »mein« ist die innerste Quelle des Geistes, es ist der Geist selbst. Je mehr der Geist das Gefühl hat, etwas zu sein – großartig zu sein oder sehr schlau oder sehr dumm und so weiter –, desto dickere Mauern baut er um sich herum und desto abgeschotteter und abgestumpfter wird er. Dann leidet er, denn dieses Eingeschlossensein bringt unweigerlich Schmerz mit sich. Und weil er leidet, fragt er sich: »Was soll ich tun?« Aber anstatt die einengenden Mauern durch Bewusstheit, durch gründliches Nachdenken, durch das Untersuchen und Verstehen des ganzen Prozesses, der sie erzeugt, zu beseitigen, müht er sich ab, außerhalb seiner selbst etwas anderes zu finden, mit dem er sich wieder umgeben kann. So wird der Geist allmählich zum Hindernis für die Liebe; und ohne zu verstehen, was der Geist ist, das heißt, ohne unsere eigenen Denkmuster zu verstehen, jene innere Quelle, die uns antreibt, können wir nicht herausfinden, was Liebe ist.

Ist der Geist nicht auch ein Instrument des Vergleichens? Ihr wisst, was Vergleichen bedeutet. Ihr sagt: »Dies ist besser als das«; ihr vergleicht euch mit jemandem, der schöner ist oder weniger schlau. Ihr vergleicht, wenn ihr sagt: »Ich erinnere mich an einen Fluss, den ich vor einem Jahr sah und der noch viel schöner als dieser hier ist.« Ihr vergleicht euch mit einem Heiligen oder einem Helden oder mit dem höchsten Ideal. Diese vergleichenden Urteile lassen den Geist abstumpfen; sie machen ihn nicht wendiger oder verständiger, umfassender. Was geschieht, wenn ihr ständig vergleicht? Wenn ihr den Sonnenuntergang seht und ihn sofort mit einem vergangenen Sonnenuntergang vergleicht, oder wenn ihr sagt: »Dieser Berg ist schön, aber vor zwei Jahren habe ich einen noch schöneren gesehen«, seht ihr nicht wirklich die Schönheit, die direkt vor euch liegt. Vergleichen hindert euch also daran, total zu schauen. Wenn ich dich anschaue und gleichzeitig sage: »Ich kenne noch eine viel nettere Person«, dann schaue ich dich nicht wirklich an, oder? Mein Geist ist mit etwas anderem beschäftigt.

Um einen Sonnenuntergang wirklich zu sehen, muss ein Vergleich unterbleiben, um dich wirklich zu sehen, darf ich dich nicht mit jemand anderem vergleichen. Nur wenn ich dich ganz anschaue, ohne vergleichendes Urteil, kann ich dich verstehen. Wenn ich dich mit jemand anderem vergleiche, verstehe ich dich nicht, sondern beurteile dich nur, sage, du bist dies oder das. Es ist Dummheit, zu vergleichen, denn indem ich dich mit jemand anderem vergleiche, missachte ich deine Menschenwürde. Schaue ich dich aber an, ohne zu vergleichen, geht es mir allein darum, dich zu verstehen, und dieses Motiv, das frei von jeglichem Vergleich ist, ist Intelligenz; die Menschenwürde wird gewahrt.

Solange der Geist vergleicht, kann keine Liebe da sein; und der Geist ist immer damit beschäftigt zu vergleichen, zu werten, zu beurteilen, nicht wahr? Er ist immer darauf aus, die Schwächen zu entdecken; also ist keine Liebe da. Wenn Eltern ihre Kinder lieben, vergleichen sie nicht eines mit dem anderen. Aber ihr vergleicht euch immer mit jemandem, der besser, nobler, reicher ist; ihr seht euch selbst ständig in Relation zu jemand anderem, also erzeugt ihr einen Mangel an Liebe in euch. Auf diese Weise wird der Geist immer wertender, besitzergreifender, abhängiger und erschafft ein Muster, in dem er hängen bleibt. Denn er kann nichts mehr frisch und unvoreingenommen sehen, er zerstört den Duft des Lebens, der die Liebe ist.

Frage: Um was sollten wir Gott bitten?

Krishnamurti: Du bist sehr an Gott interessiert, nicht wahr? Warum? Weil dein Geist nach etwas verlangt, etwas will. So ist er ständig in Unruhe. Wenn ich etwas von dir verlange oder erwarte, ist mein Geist ruhelos, nicht wahr?

Dieser Junge will wissen, um was er Gott bitten sollte. Er weiß nicht, was Gott ist oder was er wirklich will. Aber da ist ein allgemeines Gefühl der Unruhe, das Gefühl, »ich muss bitten, ich muss beten, ich muss beschützt werden«. Der Geist sucht stets in allen Ecken, um etwas zu bekommen; er will immer etwas, greift nach etwas, lauert, macht Druck, vergleicht, urteilt, und deshalb ist er niemals still. Beobachtet euren eigenen Geist und ihr werdet sehen, was er tut, wie er versucht, sich selbst zu kontrollieren, zu dominieren, zu unterdrücken, irgendeine Art von Befriedigung zu finden, wie er ständig bittet, bettelt, kämpft, vergleicht. Wir bezeichnen einen solchen Geist als »aufgeweckt«, aber ist er das wirklich? Ein wacher Geist ist auf jeden Fall einer, der still ist, der nicht wie ein Schmetterling hierhin und dorthin flattert. Und nur ein stiller Geist kann verstehen, was Gott ist. Ein stiller Geist bittet Gott nie um etwas. Nur der verkümmerte Geist bettelt und bittet. Was er erbittet, kann er nie haben, denn was er wirklich will, ist Sicherheit, Trost, Gewissheit. Wenn du Gott um irgendetwas bittest, wirst du ihn nie finden.