Wie wichtig es ist, den eigenen Geist zu verstehen – Teil 3

Frage: Was ist wahre Größe, und wie kann ich bedeutend werden?

Krishnamurti: Weißt du, das Unglück ist ja gerade, dass wir bedeutend sein wollen. Wir alle wollen bedeutend sein. Wir wollen ein Gandhi sein oder ein Premierminister, wir wollen großartige Erfinder oder Schriftsteller sein. Warum? In den Bereichen der Bildung, der Religion, in allen Bereichen unseres Lebens haben wir großartige Beispiele. Der große Dichter, der große Redner, der große Staatsmann, der große Heilige, der große Held – solche Leute werden uns als leuchtende Beispiele vor Augen gehalten, und wir wollen sein wie sie.

Wenn du aber wie jemand anders sein willst, hast du ein Handlungsmodell geschaffen, nicht wahr? Du hast deinem Denken eine Begrenzung auferlegt, hast es auf einen bestimmten Rahmen beschränkt. Dein Denken ist also bereits erstarrt, eng, begrenzt geworden. Warum willst du großartig sein? Warum schaust du nicht an, was du bist, und versuchst, das zu verstehen? In dem Moment, in dem du wie jemand anders sein willst, entsteht ein Konflikt: Du wirst neidisch und leidest.

Was passiert, wenn du wie Buddha sein willst? Du kämpfst fortwährend darum, dieses Ideal zu erreichen. Wenn du dumm bist und klug sein willst, versuchst du unablässig, das, was du bist, hinter dir zu lassen und darüber hinauszugehen. Wenn du hässlich bist und schön sein willst, sehnst du dich danach, schön zu sein, bis du stirbst, oder machst dir vor, dass du schön bist. Solange du also versuchst, etwas anderes zu sein, als du bist, verkümmert dein Geist nur. Aber wenn du sagst: »Das bin ich, das ist eine Tatsache, und ich werde es mir anschauen, ich will es verstehen«, dann kannst du darüber hinausgehen, denn du wirst feststellen, dass das Verstehen dessen, was du bist, zu innerem Frieden, großer Zufriedenheit, Einsicht und Liebe führt.

Frage: Beruht Liebe nicht auf Anziehung?

Krishnamurti: Nehmen wir an, du fühlst dich zu einer attraktiven Frau oder einem attraktiven Mann hingezogen. Was ist verkehrt daran? Wir wollen es herausfinden. Was passiert normalerweise, wenn du dich zu einer Frau, einem Mann oder einem Kind hingezogen fühlst? Du willst mit diesem Menschen nicht nur zusammen sein, du willst ihn besitzen, dein Eigen nennen. Dein Körper muss dem Körper dieser Person nahe sein. Was hast du also getan? Tatsache ist, dass du besitzen willst, wenn du dich hingezogen fühlst, du willst nicht, dass diese Person noch irgendjemand anderen anschaut. Aber ist das Liebe, wenn du einen anderen Menschen als dein Eigentum betrachtest? Offensichtlich nicht. In dem Moment, in dem du gedanklich eine Mauer um diesen Menschen ziehst, ihn als »mein« betrachtest, ist keine Liebe da.

Tatsache ist, dass wir das in Gedanken die ganze Zeit über tun. Deshalb sprechen wir über diese Dinge – um zu sehen, wie der Geist funktioniert; und vielleicht wird er, wenn er sich seiner eigenen Mechanismen bewusst ist, ganz von selbst still.

Frage: Was ist Gebet? Hat es irgendeine besondere Bedeutung im täglichen Leben?

Krishnamurti: Warum betest du? Und was ist Gebet? Die meisten Gebete sind einfach ein Gesuch, eine Bitte. Du ergehst dich in dieser Art des Betens, wenn du leidest. Wenn du dich sehr einsam fühlst, wenn du deprimiert bist, bittest du Gott um Hilfe. Was du Gebet nennst, ist also eine Art Gesuch. Die Form des Gebets mag variieren, aber im Allgemeinen steckt immer dieselbe Absicht dahinter. Die Gebete der meisten Menschen sind ein Betteln, ein Bitten. Tust du das? Warum betest du? Ich sage nicht, dass du beten oder nicht beten sollst. Aber warum betest du? Betest du um mehr Wissen, um mehr Frieden? Betest du darum, dass die Welt frei von Leid sein möge? Gibt es irgendeine andere Art von Gebet? Es gibt eine Art des Betens, die nicht eigentlich Beten ist, sondern das Aussenden von gutem Willen, das Aussenden von Liebe, das Aussenden von Ideen. Was tust du?

Wenn du betest, bittest du im Allgemeinen Gott oder irgendeinen Heiligen, deine leere Schale zu füllen, nicht wahr? Du bist nicht mit dem zufrieden, was geschieht, was gegeben wird, sondern willst, dass deine Schale gemäß deiner Wünsche gefüllt wird. Also ist dein Gebet nur ein Gesuch, die Forderung, zufrieden gestellt zu werden, und deshalb ist es überhaupt kein Gebet. Du sagst zu Gott: »Ich leide, bitte erfülle mir meinen Wunsch. Bitte gib mir meinen Bruder, meinen Sohn zurück. Bitte mach’ mich reich.« Du sendest deine Forderungen aus, und das ist ganz offensichtlich kein Gebet.

In Wirklichkeit geht es darum, dass du dich selbst verstehst, dass du erkennst, warum du unablässig um etwas bittest, woher dieses ständige Fordern kommt, dieser Drang zu betteln. Je mehr du dich selbst erkennst, indem du bewusst wahrnimmst, was du denkst und fühlst, desto mehr wirst du die Wahrheit dessen, »was ist« entdecken, und diese Wahrheit wird dir helfen, frei zu sein.