Wie man zuhört – Teil 2

Frage: Warum empfinden wir Stolz, wenn wir Erfolg haben?

Krishnamurti: Geht mit dem Erfolg ein Gefühl des Stolzes einher? Was ist Erfolg? Habt ihr je darüber nachgedacht, was es bedeutet, ein erfolgreicher Schriftsteller, Dichter, Maler, Geschäftsmann oder Politiker zu sein? Was bedeutet es, wenn man das Gefühl hat, dass man innerlich eine gewisse Kontrolle über sich selbst erlangt hat, die andere nicht erreicht haben, oder dass man erfolgreich war, wo andere versagt haben, oder dass man besser ist als andere, dass man ein erfolgreicher Mensch geworden ist, dass man respektiert und von anderen als Vorbild betrachtet wird? Natürlich ist dieses Gefühl mit Stolz verbunden: Ich habe etwas erreicht, Ich bin wichtig. Das Ich-Gefühl an sich ist ein Gefühl des Stolzes. Der Stolz nimmt also mit dem Erfolg zu; man ist stolz darauf, im Vergleich mit anderen sehr wichtig zu sein. Dieser Vergleich mit anderen steckt auch im Nacheifern – einem Vorbild oder Ideal –, und er gibt euch Hoffnung, er gibt euch Kraft, Sinn, Antrieb; aber es wird nur das »Ich« gestärkt, das angenehme Gefühl, dass man viel wichtiger ist als alle anderen. Und dieses Gefühl, dieses Vergnügen ist der Anfang von Stolz.

Stolz führt zu großer Eitelkeit, zu einer Aufblähung des Egos. Ihr könnt das bei den Erwachsenen und bei euch selbst beobachten. Wenn ihr eine Prüfung ablegt und das Gefühl habt, dass ihr ein wenig klüger seid als ein anderer, bereitet es euch Vergnügen. Dasselbe passiert, wenn ihr jemandem in einem Streit überlegen seid oder wenn ihr das Gefühl habt, dass ihr viel stärker oder schöner seid – sofort stellt sich das Gefühl der eigenen Wichtigkeit ein. Dieses Gefühl der Wichtigkeit des »Ich« führt unweigerlich zu Konflikten, Kampf und Schmerz, denn ihr müsst eure Wichtigkeit die ganze Zeit über behaupten.

Frage: Wie können wir frei von Stolz sein?

Krishnamurti: Hättest du bei der Antwort auf die vorhergehende Frage wirklich zugehört, dann hättest du verstanden, wie man frei von Stolz sein kann, und wärst frei von Stolz, aber du warst damit beschäftigt, die nächste Frage zu formulieren, nicht wahr? Also hast du nicht zugehört. Wenn du wirklich zuhörst und das Gesagte aufnimmst, wirst du seine Wahrheit selbst entdecken.

Nehmen wir an, ich sei stolz, weil ich etwas erreicht habe. Ich bin Rektor geworden. Ich war in England und Amerika; ich habe großartige Sachen gemacht, mein Foto war in den Zeitungen und so weiter und so weiter. Voller Stolz sage ich zu mir: »Wie kann ich frei von Stolz sein?«

Aber warum will ich frei von Stolz sein? Das ist die wesentliche Frage, und nicht, wie ich frei davon sein kann. Was ist mein Motiv, was ist mein Beweggrund, was ist meine Absicht? Will ich frei von Stolz sein, weil ich das Gefühl habe, dass er mir schadet, dass er mir Schmerz verursacht, dass er aus spiritueller Sicht nicht gut für mich ist? Wenn das mein Motiv ist, dann ist der Versuch, frei von Stolz zu sein, eine weitere Form des Stolzes, nicht wahr? Es geht mir immer noch darum, etwas zu erreichen. Ich stelle fest, dass Stolz etwas sehr Schmerzhaftes ist, dass er spirituell gesehen etwas Hässliches ist, und sage mir, dass ich frei davon sein muss. Hinter diesem »Ich muss frei sein« steckt dasselbe Motiv wie hinter dem »ich muss erfolgreich sein«. Das »Ich« ist immer noch wichtig, es ist das Zentrum meiner Bemühungen, frei zu sein.

Es geht also nicht um die Frage, wie man frei von Stolz sein kann, sondern darum, das »Ich« zu verstehen; und das »Ich« ist sehr flüchtig. In diesem Jahr will es dies und im nächsten etwas anderes, und wenn sich das als schmerzhaft erweist, will es wieder etwas anderes. Solange also das Zentrum des »Ich« existiert, ist es ziemlich bedeutungslos, ob man stolz oder angeblich demütig ist. Das sind nur verschiedene Mäntel, die man sich überziehen kann. Wenn mir ein bestimmter Mantel gefällt, ziehe ich ihn an, und nächstes Jahr ziehe ich einen anderen Mantel an, der zu meinen Wünschen und Launen passt.

Worauf es ankommt, ist, dass ihr versteht, wie dieses »Ich« entsteht. Das »Ich« bildet sich durch das Gefühl, erfolgreich zu sein, in welcher Form auch immer. Das heißt nicht, dass ihr nicht handeln sollt; aber das Gefühl, dass ihr handelt, dass ihr Erfolg habt, dass ihr frei von Stolz sein müsst, muss verstanden werden. Ihr müsst die Struktur des »Ich« verstehen. Euer Denken muss euch bewusst sein, ihr müsst beobachten, wie ihr eure Hausangestellte, euren Vater und eure Mutter behandelt, euch muss bewusst sein, wie ihr diejenigen betrachtet, die über euch stehen, und die, die unter euch stehen, diejenigen, die ihr respektiert, und die, die ihr verachtet. All das offenbart die Mechanismen des »Ich«. Und durch das Verstehen seiner Mechanismen, werdet ihr frei vom »Ich«. Das ist es, was zählt, und nicht, wie man frei von Stolz sein kann.

Frage: Wie kann etwas Schönes für immer eine Freude sein?

Krishnamurti: Ist das dein eigener Gedanke oder zitierst du jemanden? Willst du herausfinden, ob Schönheit vergänglich ist und ob es eine immer währende Freude geben kann?

Frage: Schönheit begegnet uns in verschiedenen Formen.

Krishnamurti: Der Baum, das Blatt, der Fluss, die Frau, der Mann, die Dorfleute, die eine Last auf dem Kopf tragen und dabei so anmutig gehen. Ist Schönheit vergänglich?

Frage: Die Dorfleute gehen vorbei, aber sie hinterlassen einen Eindruck von Schönheit.

Krishnamurti: Sie gehen vorbei, und die Erinnerung daran bleibt. Du siehst einen Baum, ein Blatt, und die Erinnerung an diese Schönheit bleibt.

Aber ist die Erinnerung an Schönheit etwas Lebendiges? Wenn du etwas Schönes siehst, empfindest du eine unmittelbare Freude; du siehst einen Sonnenuntergang, und deine unmittelbare Reaktion ist Freude. Ein paar Augenblicke später ist diese Freude zur Erinnerung geworden. Ist die Erinnerung an diese Freude etwas Lebendiges? Ist deine Erinnerung an den Sonnenuntergang etwas Lebendiges? Sie ist ein toter Eindruck, nicht wahr? Und du versuchst, die Freude durch diesen toten Eindruck zurückzugewinnen. Aber die Erinnerung ist nicht die Freude; sie ist nur die Vorstellung von etwas, das vorbei ist und das einmal Freude ausgelöst hat. Freude existiert als unmittelbare Reaktion auf Schönheit, aber dann kommt die Erinnerung ins Spiel und zerstört sie. Wenn Schönheit ständig und ohne angesammelte Erinnerungen wahrgenommen wird, dann, und nur dann, kann es eine immer währende Freude geben.