Wie man zuhört – Teil 3

Krishnamurti: (Fortsetzung) Aber es ist nicht leicht, von den angesammelten Erinnerungen frei zu sein, denn in dem Augenblick, da wir etwas sehr Angenehmes sehen, lassen wir es zu einer Erinnerung werden, an der wir festhalten. Wenn wir einen schönen Gegenstand, ein schönes Kind, einen schönen Baum sehen, empfinden wir spontan Freude, aber dann wollen wir mehr davon. Dieses »mehr wollen« ist das Ansammeln von Erinnerungen. Indem wir mehr wollen, haben wir den Prozess der Auflösung bereits in Gang gesetzt, und darin liegt keine Freude. Erinnerung kann nie immer währende Freude schenken. Immer währende Freude kann es nur geben, wenn eine ständige spontane Reaktion auf Schönheit, auf Hässlichkeit, auf alles ohne den aktivierenden Impuls der Erinnerung stattfindet – was große innere und äußere Sensibilität, echte Liebe voraussetzt.

Frage: Warum sind die Armen glücklich und die Reichen unglücklich?

Krishnamurti: Sind die Armen besonders glücklich? Vielleicht singen und tanzen sie, aber sind sie glücklich? Sie haben nicht genug zu essen, sie haben kaum etwas zum Anziehen, sie können sich nicht sauber halten, sie müssen jahrein, jahraus von morgens bis abends schuften. Vielleicht haben sie manchmal glückliche Momente, aber sie sind nicht wirklich glücklich, oder?

Und sind die Reichen unglücklich? Sie haben alles im Überfluss, haben hohe Positionen inne, können reisen. Sie sind unglücklich, wenn sie wegen irgendetwas frustriert sind, wenn sie auf ein Hindernis stoßen und nicht bekommen können, was sie wollen.

Was meinst du mit »Glück«? Manche Leute werden sagen, dass Glück darin besteht zu bekommen, was man will. Wenn du ein Auto haben willst und es bekommst, bist du glücklich – zumindest für den Augenblick. Ob du dir nun ein neues Kleid oder eine Europareise wünschst: Wenn du bekommst, was du willst, bist du glücklich. Ob du der bekannteste Professor oder der größte Politiker sein willst: Du bist glücklich, wenn du es erreichst, und unglücklich, wenn du es nicht schaffst.

Was du Glück nennst, hängt also vom Ergebnis deines Wünschens ab, davon, ob du bekommst, was du willst, Erfolg hast oder Ruhm erntest. Du willst etwas, und solange du es bekommst, fühlst du dich vollkommen glücklich und bist nicht frustriert. Aber wenn du nicht bekommen kannst, was du willst, fängt das Unglück an.

Jeder von uns ist mit diesem Problem konfrontiert, nicht nur die Reichen und die Armen. Sowohl die Reichen als auch die Armen wollen etwas, und wenn sie daran gehindert werden, es zu bekommen, sind sie unglücklich. Ich sage nicht, dass die Armen nicht haben sollen, was sie wollen oder brauchen. Das ist jetzt nicht unser Thema. Wir versuchen herauszufinden, was Glück bedeutet und ob es etwas ist, dessen wir uns bewusst sind.

Ist es Glück, wenn dir bewusst ist, dass du glücklich bist? Es ist nicht Glück, oder? Es ist wie mit der Demut: In dem Augenblick, wo dir bewusst ist, dass du demütig bist, bist du nicht demütig. Du kannst das Glück also nicht zu deinem Ziel machen, es ist nicht etwas, nach dem man streben kann. Es kommt, aber wenn man es sucht, entzieht es sich.

Frage: Warum gibt es, obwohl in unterschiedlichen Bereichen Fortschritte gemacht wurden, keine Brüderlichkeit unter den Menschen?

Krishnamurti: Was meinst du mit »Fortschritt«?

Frage: Wissenschaftlichen Fortschritt.

Krishnamurti: Vom Ochsenkarren zum Düsenflugzeug – das ist Fortschritt, nicht wahr? Vor ein paar Jahrhunderten gab es nur den Ochsenkarren, aber wir haben im Laufe der Zeit das Düsenflugzeug entwickelt. In alten Zeiten waren die Transportmittel sehr langsam und heute sind sie sehr schnell. Du kannst in ein paar Stunden in London sein. Durch Hygiene, gute Ernährung und medizinische Versorgung wurden auch im Hinblick auf die körperliche Gesundheit des Menschen große Verbesserungen erzielt. All das ist wissenschaftlicher Fortschritt, und doch findet im Hinblick auf Brüderlichkeit kein ähnlicher Entwicklungsprozess oder Fortschritt statt.

Aber ist Brüderlichkeit eine Frage des Fortschritts? Wir wissen, was wir mit »Fortschritt« meinen. Es ist Evolution, etwas wird durch Zeit erreicht. Die Wissenschaftler behaupten, dass wir uns aus dem Affen entwickelt haben; sie sagen, dass wir uns in Millionen von Jahren von der niedrigsten Lebensform zur höchsten – dem Menschen – entwickelt haben. Aber ist Brüderlichkeit eine Frage des Fortschritts? Ist das etwas, das durch Zeit entwickelt werden kann? Es gibt die Einheit der Familie und die Einheit einer bestimmten Gesellschaft oder Nation; von der Nation führt der nächste Schritt zum Internationalismus und dann zur Vorstellung von der einen Welt. Das EineWelt-Konzept ist das, was wir Brüderschaft nennen. Aber ist ein brüderliches Gefühl eine Frage der Evolution? Muss das Gefühl der Brüderlichkeit langsam durch verschiedene Evolutionsstufen entwickelt werden – die Familie, die Gemeinde, der Nationalismus, der Internationalismus und die Weltgemeinschaft? Brüderlichkeit ist Liebe, oder etwa nicht? Aber muss Liebe Schritt für Schritt entwickelt werden? Ist Liebe eine Frage der Zeit? Verstehst du, was ich meine?

Was bedeutet es, wenn ich sage, in zehn oder 30 oder 100 Jahren wird es Brüderlichkeit geben? Es weist natürlich darauf hin, dass ich nicht liebe, dass ich nicht brüderlich bin. Wenn ich sage: »Ich werde brüderlich sein, ich werde lieben«, dann heißt das, dass ich jetzt nicht liebe, nicht brüderlich bin. Solange ich denke »ich werde es sein«, bin ich es nicht. Wenn ich aber die Vorstellung, dass ich in Zukunft brüderlich sein werde, aus meinem Geist verbanne, kann ich sehen, was ich jetzt tatsächlich bin; ich kann sehen, dass ich nicht brüderlich bin, und kann anfangen, herauszufinden, warum das so ist.

Was ist wichtig – zu sehen, was ich bin, oder zu spekulieren, was ich sein werde ? Natürlich ist es wichtig zu sehen, was ich bin, denn dann kann ich damit umgehen. Was ich sein werde ist Zukunft, und die Zukunft ist unvorhersehbar. Tatsache ist, dass ich jetzt kein brüderliches Gefühl habe, dass ich nicht wirklich liebe, und bei dieser Tatsache kann ich beginnen, ich kann unmittelbar etwas dagegen tun. Aber zu sagen, dass man in Zukunft irgendetwas sein wird, ist bloßer Idealismus, und der Idealist ist ein Mensch, der vor dem »was ist« flüchtet. Er läuft vor der Tatsache weg, die nur in der Gegenwart geändert werden kann.