Die Qualität echter Zuneigung – Teil 2

Frage: Was ist Liebe an sich?

Krishnamurti: Was ist wahre, wirkliche Liebe? Meinst du das? Was ist Liebe ohne Motiv, ohne Absicht? Höre aufmerksam zu, und du wirst es herausfinden. Wir untersuchen die Frage, wir suchen nicht nach der Antwort. Im Mathematikunterricht oder wenn ihr eine Frage stellt, sind die meisten von euch mehr daran interessiert, die Antwort zu finden, als das Problem zu verstehen. Wenn ihr das Problem studiert, genau betrachtet, untersucht, versteht, werdet ihr feststellen, dass die Antwort im Problem enthalten ist. Wir wollen also versuchen, das Problem zu verstehen, und nicht nach einer Antwort suchen, weder in der Bhagavadgita noch im Koran, weder in der Bibel noch bei einem Professor oder Dozenten. Wenn wir das Problem wirklich verstehen können, wird sich die Antwort daraus ergeben, weil die Antwort im Problem enthalten ist, sie ist nicht davon getrennt.

Die Frage lautet: Was ist Liebe ohne Motiv? Kann es überhaupt Liebe ohne jede Absicht geben, ohne den Wunsch, etwas für sich selbst daraus zu beziehen? Kann es eine Liebe geben, bei der kein Gefühl der Verletztheit aufkommt, wenn die Liebe nicht erwidert wird? Bin ich nicht verletzt, wenn ich dir meine Freundschaft anbiete und du dich abwendest? Ist dieses Gefühl der Verletztheit das Resultat von Freundschaft, Großzügigkeit, Zuneigung? Solange ich mich verletzt fühle, solange da Angst ist, solange ich dir helfe in der Hoffnung, dass du mir hilfst – was Gefälligkeit genannt wird –, ist keine Liebe da.

Wenn du das verstehst, hast du die Antwort.

Frage: Was ist Religion?

Krishnamurti: Willst du eine Antwort von mir, oder willst du es selbst herausfinden? Willst du eine Antwort von jemand anderem haben, wie großartig oder dumm er auch sein mag? Oder versuchst du wirklich, die Wahrheit zu entdecken?

Um herauszufinden, was wahre Religion ist, musst du alles beiseite schieben, was im Weg steht. Wenn du viele bunte oder schmutzige Fenster hast und das klare Tageslicht sehen willst, musst du die Fenster öffnen oder putzen oder aus dem Haus gehen. Und um zu sehen, was wahre Religion ist, musst du zuerst sehen, was sie nicht ist, und musst das beiseite tun. Dann kannst du es herausfinden, weil du es dann direkt wahrnimmst. Schauen wir also, was Religion nicht ist.

Puja halten, Rituale ausführen – ist das Religion? Du wiederholst immer wieder ein bestimmtes Ritual, ein bestimmtes Mantra vor einem Altar oder einer Statue. Vielleicht verspürst du dabei ein gewisses Gefühl der Befriedigung, aber ist das Religion? Die Mönchsrobe anziehen, sich Hindu, Buddhist oder Christ nennen, bestimmte Traditionen, Dogmen, Glaubenssätze akzeptieren – hat all das irgendetwas mit Religion zu tun? Offensichtlich nicht. Religion muss also etwas sein, das man nur entdecken kann, wenn man das alles verstanden und verworfen hat.

Religion im wahren Sinne dieses Wortes verursacht keine Trennung, nicht wahr? Aber was geschieht, wenn du Moslem bist und ich Christ bin, oder wenn ich an etwas glaube, an das du nicht glaubst? Unsere Glaubenssysteme trennen uns, und deshalb haben sie nichts mit Religion zu tun. Ob wir an Gott glauben oder nicht ist ziemlich bedeutungslos, denn was wir glauben oder nicht glauben wird von unserer Konditionierung bestimmt, nicht wahr? Die Gesellschaft, in der wir leben, die Kultur, in der wir aufwachsen, prägt dem Geist bestimmte Glaubensinhalte, Ängste und abergläubische Vorstellungen ein, die wir Religion nennen, aber sie haben nichts mit Religion zu tun. Die Tatsache, dass du auf eine bestimmte Weise glaubst und ich auf eine andere, hängt größtenteils davon ab, ob ich zufälligerweise in England, Indien, Russland oder Amerika zur Welt kam. Glaube ist also nicht Religion, sondern nur das Resultat unserer Konditionierung.

Und dann ist da noch das Streben nach persönlicher Erlösung. Ich will sicher sein. Ich will ins Nirvana oder in den Himmel kommen; ich muss mir einen Platz neben Jesus oder Buddha oder zur Rechten eines bestimmten Gottes sichern. Dein Glaube schenkt mir keine tiefe Befriedigung, keinen Trost, also habe ich meinen eigenen Glauben, der mir das gibt. Ist das Religion? Um herauszufinden, was wahre Religion ist, muss der eigene Geist auf jeden Fall frei von all diesen Dingen sein.

Und geht es bei der Religion nur darum, Gutes zu tun, anderen zu dienen oder zu helfen? Oder ist Religion mehr als das? Was nicht heißt, dass wir nicht großzügig oder freundlich sein sollen. Aber ist das alles? Ist Religion nicht etwas viel Größeres, viel Reineres, Gewaltigeres und Unermessliches als alles, was der menschliche Geist sich ausdenken kann?

Um also zu entdecken, was wahre Religion ist, musst du all diesen Dingen wirklich auf den Grund gehen und frei von Angst sein. Es ist, als ob man aus einem dunklen Haus hinaus in den Sonnenschein tritt. Dann fragt man nicht, was wahre Religion ist; dann weiß man es. Man erfährt ganz direkt, was wahr ist.

Frage: Ist es Ehrgeiz, wenn jemand unglücklich ist und glücklich sein will?

Krishnamurti: Wenn du leidest, willst du frei von Leid sein. Das ist kein Ehrgeiz, oder? Das ist der natürliche Instinkt eines jeden Menschen. Es ist der natürliche Instinkt von uns allen, keine Angst, keine physischen oder emotionalen Schmerzen haben zu wollen. Aber unser Leben ist so, dass wir ständig Schmerz und Leid erfahren. Ich esse etwas, das mir nicht bekommt, und ich bekomme Bauchschmerzen. Irgendjemand sagt etwas zu mir, und ich bin verletzt. Ich werde daran gehindert, etwas zu tun, was ich gerne tun möchte, und ich bin frustriert, fühle mich schlecht. Ich bin unglücklich, weil mein Vater oder mein Sohn gestorben ist, und so weiter. Das Leben wirkt ständig auf mich ein, ob mir das gefällt oder nicht, und ich werde immer verletzt, frustriert und erlebe schmerzliche Dinge. Ich muss also diesen ganzen Prozess verstehen. Aber die meisten von uns laufen davor weg.

Was tust du, wenn du innerlich, psychisch leidest? Du suchst nach jemandem, der dich tröstet, du liest ein Buch, stellst das Radio an oder hältst Puja. Alle diese Dinge weisen darauf hin, dass du vor deinem Schmerz wegläufst. Wenn du vor etwas flüchtest, verstehst du es ganz offensichtlich nicht. Aber wenn du dir deinen Schmerz anschaust, ihn von Augenblick zu Augenblick beobachtest, beginnst du, das damit verbundene Problem zu verstehen, und das ist kein Ehrgeiz. Ehrgeiz entsteht, wenn du vor deinem Schmerz wegläufst oder daran festhältst, wenn du dagegen kämpfst oder wenn du ihn allmählich mit Theorien und Hoffnungen bemäntelst. In dem Augenblick, wo du vor dem Leiden fliehst, wird die Sache, in die du dich flüchtest, sehr wichtig, weil du dich damit identifizierst. Du identifizierst dich mit deinem Land, mit deiner Position, mit deinem Gott, und das ist eine Form von Ehrgeiz.