Verstehen ist nicht Erinnern – Teil 2

Frage: Ist Schönheit subjektiv oder objektiv?

Krishnamurti: Du siehst etwas Schönes – den Fluss von der Veranda aus; oder du siehst ein weinendes Kind in Lumpen. Wenn du nicht empfindsam bist, wenn du nicht alles um dich herum bewusst wahrnimmst, dann gehst du achtlos vorbei, und dieser Moment ist ziemlich bedeutungslos. Eine Frau geht mit einer Last auf dem Kopf vorbei. Ihre Kleidung ist schmutzig, sie ist müde und hungrig. Nimmst du die Schönheit ihres Ganges oder ihren körperlichen Zustand bewusst wahr? Nimmst du die Farbe ihres Saris wahr, wie schmutzig er auch sein mag? Du bist umgeben von diesen objektiven Eindrücken, aber wenn du keine Sensibilität besitzt, wirst du sie nie würdigen, nicht wahr?

Sensibel oder empfindsam zu sein, bedeutet nicht nur, die Dinge wahrzunehmen, die wir schön nennen, sondern auch die, die als hässlich gelten. Der Fluss, die grünen Felder, die Bäume in der Ferne, die Wolken am Abendhimmel – diese Dinge nennen wir schön. Die schmutzigen, halb verhungerten Dorfleute, Menschen, die im Elend leben, oder geistig und emotional arme Menschen – all das nennen wir hässlich. Wenn du genau hinschaust, wirst du erkennen, dass die meisten von uns sich an das Schöne klammern und das Hässliche ausblenden. Aber ist es nicht wichtig, dass man das, was hässlich genannt wird, genauso bewusst wahrnimmt wie das Schöne? Es ist der Mangel an Sensibilität, der uns das Leben in »schön« und »hässlich« einteilen lässt. Aber wenn wir offen, empfänglich, sensibel für das Hässliche wie das Schöne sind, werden wir erkennen, dass beides seine Bedeutung hat, und diese Wahrnehmung bereichert unser Leben.

Ist Schönheit also subjektiv oder objektiv? Wärst du ohne Schönheit, wenn du blind wärst und taub und keine Musik hören könntest? Oder ist Schönheit etwas Inneres? Vielleicht können deine Augen nicht sehen, deine Ohren nicht hören, aber wenn du diesen Zustand erlebst, in dem du wirklich offen bist, empfänglich für alles bist, wenn du alles bewusst wahrnimmst, was in dir vorgeht, jeden Gedanken, jedes Gefühl – liegt darin nicht auch eine Schönheit? Aber wir denken, Schönheit müsse etwas außerhalb von uns sein. Deshalb kaufen wir Bilder und hängen sie an die Wände. Wir wollen schöne Kleider, Anzüge, Hüte besitzen, wollen uns mit schönen Dingen umgeben, denn wir befürchten, dass wir ohne äußere Objekte etwas Inneres verlieren würden. Aber kann man das Leben, den gesamten Prozess der Existenz, in das Subjektive und das Objektive einteilen? Ist das nicht ein einheitlicher, ein ganzheitlicher Prozess? Das Innere existiert nicht ohne das Äußere, das Äußere nicht ohne das Innere.

Frage: Warum unterdrücken die Starken die Schwachen?

Krishnamurti: Unterdrückst du die Schwachen? Wir wollen es herausfinden. Stößt du in einem Streit oder wenn es um Körperkraft geht, nicht deinen jüngeren Bruder beiseite oder andere, die kleiner sind als du? Warum? Weil du dich behaupten willst. Du willst deine Stärke beweisen, willst zeigen, wie viel besser oder mächtiger du bist, also dominierst du, schubst das kleine Kind beiseite; setzt deine Körperkraft ein. Die Älteren machen es genauso. Sie sind größer als du, sie wissen ein bisschen mehr aus ihren Büchern, sie haben eine Position, Geld, Autorität, also unterdrücken sie dich, schubsen dich herum, und du akzeptierst das. Und dann unterdrückst du wiederum jemanden, der schwächer ist als du. Jeder will sich behaupten, will dominieren, zeigen, dass er Macht über andere hat. Die meisten von uns wollen kein »Niemand« sein. Wir wollen »Jemand« sein, und wenn wir zeigen, dass wir Macht über andere haben, gibt uns dies Befriedigung, das Gefühl, dass wir »Jemand« sind.

Frage: Ist das der Grund dafür, dass die großen Fische die kleinen fressen?

Krishnamurti: In der Tierwelt ist es vielleicht natürlich, dass die großen Fische von den kleinen leben. Das ist etwas, was wir nicht ändern können. Aber der starke Mensch muss nicht vom schwachen Menschen leben. Wenn wir in der Lage sind, unsere Intelligenz zu gebrauchen, können wir aufhören, auf Kosten des anderen zu leben, und zwar nicht nur physisch, sondern auch psychisch. Dieses Problem zu erkennen und zu verstehen, heißt, Intelligenz zu besitzen, heißt, aufzuhören, auf Kosten des anderen zu leben. Aber die meisten von uns wollen so leben, also übervorteilen wir jemanden, der schwächer ist als wir. Freiheit bedeutet nicht, alles zu tun, was einem beliebt. Echte Freiheit ist nur möglich, wenn gleichzeitig Intelligenz da ist, und Intelligenz entspringt dem Verstehen von Beziehung – der Beziehung zwischen dir und mir, der Beziehung zwischen jedem von uns und anderen.

Frage: Stimmt es, dass wissenschaftliche Entdeckungen unser Leben leichter machen?

Krishnamurti: Haben sie dein Leben nicht leichter gemacht? Du hast Elektrizität, nicht wahr? Du drückst auf einen Schalter, und schon hast du Licht. Du hast ein Telefon im Zimmer und kannst, wenn du willst, mit einem Freund in Bombay oder New York sprechen. Ist das nicht bequem? Oder du kannst dich in ein Flugzeug setzen und in sehr kurzer Zeit nach Delhi oder London gelangen. Das sind Ergebnisse wissenschaftlicher Entdeckungen, und sie haben das Leben leichter gemacht. Die Wissenschaft hat dazu beigetragen, dass Krankheiten geheilt werden können, aber sie hat uns auch die Atombombe beschert, die Tausende von Menschen töten kann. Die Wissenschaft entdeckt immer mehr, und wenn wir nicht anfangen, technisches Wissen mit Intelligenz, mit Liebe zu nutzen, werden wir uns selbst zerstören.