Verstehen ist nicht Erinnern – Teil 3

Frage: Was ist der Tod?

Krishnamurti: Was ist der Tod? Diese Frage kommt von einem kleinen Mädchen!

Du hast gesehen, wie tote Körper zum Fluss getragen wurden, du hast tote Blätter und tote Bäume gesehen, du weißt, dass Früchte welken und verfaulen. Die Vögel, die am Morgen so lebendig sind, die zwitschern und einander rufen, sind am Abend vielleicht tot. Der Mensch, der heute ganz lebendig ist, wird vielleicht schon morgen durch ein Unglück niedergestreckt. Wir sehen das alles. Der Tod ist für jeden von uns gegenwärtig. Jeder von uns endet auf diese Weise. Du lebst vielleicht dreißig, vierzig, fünfzig, achtzig Jahre, erlebst Freude und Leid, hast Angst – und am Ende gibt es dich nicht mehr.

Was ist das, was wir Leben nennen, und das, was wir Tod nennen? Das ist wirklich eine komplexe Frage, und ich weiß nicht, ob du dir das wirklich genauer anschauen willst. Wenn wir herausfinden können, wenn wir verstehen können, was das Leben ist, werden wir vielleicht auch verstehen, was der Tod ist. Wenn wir jemanden verlieren, den wir lieben, fühlen wir uns beraubt, einsam. Deshalb sagen wir, dass der Tod nichts mit dem Leben zu tun hat. Wir trennen den Tod vom Leben. Aber ist der Tod vom Leben getrennt? Ist das Leben nicht ein fortwährender Prozess des Sterbens?

Was bedeutet »Leben« für die meisten von uns? Es bedeutet, anhäufen, wählen, leiden, lachen. Und im Hintergrund, hinter allem Vergnügen und allem Schmerz, lauert die Angst: die Angst, nicht mehr zu existieren, die Angst vor dem, was morgen sein wird, die Angst, nichts und niemand zu sein, ohne Besitz und Status; und das alles wollen wir doch aufrechterhalten. Aber der Tod ist unvermeidlich, also fragen wir uns: »Was kommt nach dem Tod?«

Nun, was endet denn, wenn wir sterben? Das Leben? Was ist das Leben? Ist das Leben bloß ein Vorgang, bei dem wir Luft ein und wieder ausatmen? Essen, hassen, lieben, ansammeln, besitzen, vergleichen, neidisch sein – das kennen die meisten von uns als Leben. Für die meisten von uns ist das Leben Leiden, ein ständiger Kampf zwischen Schmerz und Lust, Hoffnung und Frustration. Und kann das nicht enden? Sollten wir nicht sterben? Im Herbst, wenn es kälter wird, fallen die Blätter von den Bäumen und im Frühling erscheinen sie wieder. Sollten also nicht auch wir alles, was gestern war, loslassen, all unsere Besitztümer und Hoffnungen, alle Erfolge, die wir errungen haben? Sollten wir nicht all das in uns sterben lassen und morgen wieder von neuem leben, so dass wir wie ein neues Blatt sind – frisch, zart, empfindsam? Für einen Menschen, der ununterbrochen stirbt, gibt es keinen Tod. Aber der Mensch, der sagt: »Ich bin ›Jemand‹ und muss weiter existieren« – für einen solchen Menschen sind der Tod und der Verbrennungsplatz ständig gegenwärtig. Und ein solcher Mensch weiß nicht, was Liebe ist.