Was ist Neid? – Teil 2

Ihr denkt, ihr wärt zufrieden, wenn ihr alles erreicht habt, was ihr wollt. Vielleicht wollt ihr Gouverneur werden oder ein großer Heiliger, und ihr glaubt, ihr wärt zufrieden, wenn ihr dieses Ziel erreicht habt. Mit anderen Worten, ihr hofft, über den Neid zur Zufriedenheit zu gelangen. Ihr erwartet, mit falschen Mitteln das richtige Resultat zu erzielen. Zufriedenheit ist nicht dasselbe wie Befriedigung. Zufriedenheit ist etwas sehr Lebendiges, ein kreativer Zustand, in welchem man versteht, was wirklich ist. Wenn ihr beginnt, von Augenblick zu Augenblick, von Tag zu Tag zu verstehen, was ihr wirklich seid, werdet ihr feststellen, dass dieses Begreifen ein außerordentliches Gefühl von Weite, von grenzenlosem Verstehen mit sich bringt. Das heißt, wenn ihr habgierig seid, geht es darum, eure Habgier zu verstehen und nicht zu versuchen, wunschlos zu werden, denn der Wunsch, wunschlos zu werden, ist immer noch eine Form von Habgier.

Unsere religiösen Strukturen, unsere Denkmuster, unser Gesellschaftsleben, alles, was wir tun, beruht auf Habgier, auf einem Neidgefühl, und die Menschen werden seit Jahrhunderten auf diese Weise erzogen. Wir sind so darauf konditioniert, dass wir gar nicht anders denken können als in Begriffen von »besser« oder »mehr«, und deshalb machen wir Neid zu etwas Wünschenswertem. Wir nennen es natürlich nicht Neid, wir verwenden lieber ein beschönigendes Wort, aber wenn ihr hinter das Wort blickt, werdet ihr entdecken, dass dieser extreme Wunsch nach »mehr« egozentrisch, isolationistisch ist. Er begrenzt das Denken.

Der durch Neid, durch das »Ich«, durch das habgierige Verlangen nach Dingen oder Tugenden begrenzte Geist kann niemals ein wahrhaft religiöser Geist sein. Der religiöse Geist vergleicht nicht. Er sieht und versteht die volle Bedeutung dessen, »was ist«. Deshalb ist es so wichtig, dass ihr euch selbst versteht, und das bedeutet, die Mechanismen des eigenen Denkens zu durchschauen: die Motive, Absichten, Sehnsüchte, Wünsche, den ständigen Druck des Strebens, der zu Neid, Gier und Vergleichen führt. Wenn all das durch das Verstehen dessen, »was ist«, ausgelöscht wurde, werdet ihr wissen, was wahre Religion, was Gott ist – und nur dann.

Frage: Ist die Wahrheit relativ oder absolut?

Krishnamurti: Lass uns zunächst einmal anhand der Begriffe die Bedeutung der Frage betrachten. Wir wollen etwas Absolutes, nicht wahr? Der Mensch sehnt sich nach etwas Dauerhaftem, etwas Festem, Unverrückbarem, Ewigem, nach etwas, das nicht dem Verfall, dem Tod preisgegeben ist – einem Ideal, einem Gefühl, einem ewigen Zustand, damit sich der Geist daran klammern kann. Wir müssen diese Sehnsucht verstehen, bevor wir die Frage verstehen und richtig beantworten können.

Der menschliche Geist wünscht sich Dauerhaftigkeit in allen Dingen – in seinen Beziehungen, seinen Tugenden, seinem Besitz. Er verlangt nach etwas, das nicht zerstört werden kann. Deshalb sagen wir, dass Gott ewig ist oder dass die Wahrheit absolut ist.

Aber was ist die Wahrheit? Ist sie ein außergewöhnliches Mysterium, etwas Fernes, Unvorstellbares, Abstraktes? Oder ist die Wahrheit etwas, das wir von Augenblick zu Augenblick, von Tag zu Tag entdecken? Wenn es angesammelt, durch Erfahrung erworben werden kann, dann ist es nicht Wahrheit, denn hinter diesem Ansammeln steckt wieder der Geist des Hortens. Wenn es etwas Fernes ist, etwas, das nur durch ein bestimmtes Meditationssystem oder durch die Praxis der Verleugnung und des Verzichts gefunden werden kann, dann ist es ebenfalls nicht Wahrheit, denn auch dahinter steckt Habgier.

Die Wahrheit muss in jeder Handlung, jedem Gedanken, jedem Gefühl, ganz gleich, wie trivial oder flüchtig, entdeckt und verstanden werden. Man muss sie in jedem Moment des Tages beobachten, muss ihr in den Worten des Ehemanns oder der Ehefrau lauschen oder in dem, was der Gärtner sagt, in den Worten der Freunde und in den eigenen Gedanken. Dein Denken mag verkehrt sein, es mag konditioniert und begrenzt sein, aber indem du entdeckst, dass dein Denken konditioniert und begrenzt ist, entdeckst du die Wahrheit. Und diese Entdeckung befreit deinen Geist von seiner Begrenzung. Wenn du entdeckst, dass du habgierig bist – wenn du es entdeckst und nicht von jemand anderem gesagt bekommst –, dann ist diese Entdeckung die Wahrheit, und diese Wahrheit wirkt sich auf ihre Weise auf deine Habgier aus.

Wahrheit ist nichts, was du horten oder ansammeln kannst, um es dann als Wegweiser zu benutzen. Das ist nur eine andere Art des Besitzens. Und es fällt dem Geist extrem schwer, nichts anzusammeln oder zu horten. Wenn du erkennst, was das bedeutet, wirst du herausfinden, was für eine außergewöhnliche Sache die Wahrheit ist. Wahrheit ist zeitlos, aber in dem Augenblick, in dem du sie einfängst – beispielsweise, wenn du sagst: »Ich habe die Wahrheit gefunden, sie gehört mir« –, ist es nicht länger die Wahrheit.

Ob die Wahrheit also »absolut« oder zeitlos ist, hängt von unserem Denken ab. Wenn der Geist sagt: »Ich will das Absolute, etwas, das nie vergeht, das keinen Tod kennt«, dann wünscht er sich in Wirklichkeit etwas Dauerhaftes, an das er sich klammern kann, also erschafft er das Beständige. Aber ein Geist, der alles bewusst wahrnimmt, was in ihm und außerhalb von ihm vorgeht – ein solcher Geist ist zeitlos, und nur ein solcher Geist kann das kennen, was jenseits von Benennungen ist, was jenseits des Dauerhaften und des Vergänglichen ist.