Nicht Erinnern ist kreativ, sondern Verstehen – Teil 2

Einfachheit bedeutet, dass der Geist frei von Erfahrung, von der Last des Gedächtnisses ist. Wir meinen, Einfachheit bestünde darin, nur ein paar Kleidungsstücke und eine Bettelschale zu haben; wir glauben, ein einfaches Leben zeige sich in äußerer Besitzlosigkeit. Das mag schon sein. Aber wahre Einfachheit ist das Freisein von Wissen, das Freisein vom Erinnern oder Ansammeln von Erfahrung. Seid ihr schon einmal Menschen begegnet, die darauf hinweisen, wie wenig sie besitzen und der Meinung sind, sehr einfach zu sein? Habt ihr ihnen einmal zugehört? Obwohl sie vielleicht nur eine Kutte und einen Wanderstab besitzen, sind sie voller Ideale. Innerlich sind sie sehr kompliziert, kämpfen gegen sich selbst und strengen sich an, ihren eigenen Projektionen und Glaubenssätzen gerecht zu werden. Innerlich sind sie nicht einfach: Sie sind voll gestopft mit allem, was sie in Büchern gelesen haben, mit Idealen, Dogmen, Ängsten. Äußerlich besitzen sie vielleicht nur einen Stock und ein paar Kleidungsstücke. Aber echte Einfachheit bedeutet, innerlich leer zu sein, unschuldig, ohne angesammeltes Wissen, ohne Glaubenssätze, Dogmen, ohne Angst vor Autorität; und dieser Zustand innerer Einfachheit kann sich nur einstellen, wenn man jede Erfahrung von Augenblick zu Augenblick wirklich versteht. Wenn man eine Erfahrung verstanden hat, ist sie abgeschlossen, es bleibt kein Rest zurück. Aber weil wir unsere Erfahrungen nicht verstehen und weil wir uns an die damit verbundene Freude oder den Schmerz erinnern, können wir niemals innerlich einfach sein. Diejenigen unter uns, die religiös orientiert sind, streben nach äußerer Einfachheit, aber innerlich sind sie chaotisch, verwirrt, voller Sehnsüchte, Wünsche und angesammeltem Wissen. Sie haben Angst zu leben, das Leben zu erfahren.

Wenn ihr euch den Neid genauer anschaut, werdet ihr erkennen, dass er eine tief verwurzelte Form des Erinnerns ist, die sich sehr destruktiv, sehr zersetzend auf unser Leben auswirkt, und das gilt auch für die Erfahrung. Das bedeutet nicht, dass ihr die Dinge des täglichen Lebens vergessen oder Erfahrungen vermeiden sollt. Das ist nicht möglich. Aber ein Mensch, der viele Erfahrungen gesammelt hat, ist nicht unbedingt ein weiser Mensch. Der Mensch, der eine Erfahrung gemacht hat und sich nur an diese Erfahrung klammert, ist nicht weise, er ist wie jeder Schuljunge, der liest und Informationen aus Büchern sammelt. Ein weiser Mensch ist unschuldig, frei von seinen Erfahrungen, er ist innerlich einfach, obwohl er vielleicht äußerlich alles hat – oder sehr wenig.

Frage: Trägt Intelligenz zur Charakterbildung bei?

Krishnamurti: Was meinen wir mit »Charakter«? Und was meinen wir mit »Intelligenz«? Jeder Politiker – ob von der New Delhi-Sorte oder eure lokalen Sprücheklopfer – führt ständig Wörter wie »Charakter«, »Ideal«, »Intelligenz«, »Religion« oder »Gott« im Mund. Wir hören diesen Leuten gebannt zu, weil diese Wörter scheinbar sehr wichtig sind. Die meisten von uns leben von Wörtern, und je komplizierter, je ausgefallener die Wörter sind, desto größer ist unsere Befriedigung. Wir wollen also herausfinden, was wir mit »Intelligenz« und mit »Charakter« meinen. Sag’ nicht, ich würde dir nicht eindeutig antworten. Die Suche nach Definitionen, Schlussfolgerungen ist einer der Tricks des Verstandes und bedeutet, dass man die Sache nicht untersuchen und verstehen will, man will sich einfach an Begriffen festhalten.

Was ist Intelligenz? Wenn ein Mensch voller Angst, Anspannung, Neid und Habgier ist, wenn er andere imitiert, nachahmt, wenn sein Geist mit den Erfahrungen und dem Wissen anderer angefüllt ist, wenn sein Denken begrenzt ist, von der Gesellschaft, von seinem Umfeld geformt – ist ein solcher Mensch dann intelligent? Nein, er ist es nicht, oder? Und kann ein Mensch, der Angst hat, der unintelligent ist, Charakter haben – wobei mit Charakter hier etwas Ursprüngliches gemeint ist und nicht das bloße Befolgen von traditionellen Geboten und Verboten? Ist Charakter Ehrbarkeit?

Weißt du, was das Wort »Ehrbarkeit« bedeutet? Du bist ehrbar, wenn man zu dir aufschaut, wenn du von der Mehrheit der Leute in deiner Umgebung respektiert wirst. Und was respektiert die Mehrheit der Leute – der Familienmenschen, der Masse? Sie respektieren die Dinge, die sie selbst wollen und als Ziel oder Ideal in ihre Umwelt projiziert haben; sie respektieren das, was sie als Kontrast zu ihrer eher niedrigen Stellung sehen. Wenn du reich und mächtig bist oder als Politiker einen Namen hast oder wenn du Bestseller geschrieben hast, wirst du von der Mehrheit respektiert. Was du sagst, ist vielleicht absoluter Unsinn, aber die Leute hören dir zu, wenn du redest, weil du in ihren Augen ein großer Mann bist. Und wenn du so den Respekt der Mehrheit gewonnen hast, wenn dir die Masse folgt, gibt dir das ein Gefühl der Ehrbarkeit, ein Gefühl, angekommen zu sein. Aber der so genannte Sünder ist Gott näher als der Ehrbare, denn der Ehrbare ist in den Mantel der Heuchelei gehüllt.

Ist Charakter das Ergebnis von Nachahmung oder der Angst vor dem, was die Leute sagen oder nicht sagen? Ist Charakter die bloße Bestärkung der eigenen Neigungen oder Vorurteile? Hat Charakter mit dem Hochhalten von Traditionen zu tun, ob in Indien, Europa oder Amerika? Das wird normalerweise als »Charakter« bezeichnet: eine starke Persönlichkeit, die die lokale Tradition hochhält und deshalb von der Mehrheit respektiert wird. Aber kann man wirklich sagen, dass jemand, der voreingenommen ist, der nachahmt, der traditionsgebunden ist oder Angst hat, intelligent ist, Charakter hat? Nachahmung, Gefolgschaft, Verehrung, Ideale – das alles führt zu Ehrbarkeit, aber nicht zum Verstehen. Ein Mensch, der Ideale hat, gilt als ehrbar, aber er wird nie Gott nah sein, er wird nie wissen, was es heißt zu lieben, denn seine Ideale dienen lediglich dazu, seine Angst, seine Unechtheit, seine Einsamkeit zu verbergen.

Ohne dich selbst zu verstehen, ohne bewusst all das wahrzunehmen, was in deinem eigenen Innern vorgeht – wie du denkst, ob du imitierst, ob du Angst hast, ob du nach Macht strebst –, kann keine Intelligenz da sein. Und Charakter ist das Resultat von Intelligenz, nicht von Heldenverehrung oder dem Streben nach der Verwirklichung eines Ideals. Intelligenz, die ein Zeichen für Charakter ist, beginnt damit, dass man sich selbst versteht: sein eigenes, außerordentlich kompliziertes Selbst.