Nicht Erinnern ist kreativ, sondern Verstehen – Teil 3

Frage: Wieso stört es Menschen, wenn man sie aufmerksam anschaut?

Krishnamurti: Wirst du nervös, wenn dich jemand anschaut? Wenn ein Bediensteter oder ein Dorfbewohner dich anschaut – jemand, den du als minderwertig betrachtest –, bemerkst du ihn noch nicht einmal, du gehst einfach achtlos vorbei, würdigst ihn keines Blickes. Aber wenn dich dein Vater, deine Mutter oder dein Lehrer anschaut, fühlst du dich ein bisschen angespannt, weil sie mehr wissen als du und weil sie etwas über dich herausfinden könnten. Nimmt dagegen jemand Notiz von dir, der ein bisschen höher steht, beispielsweise ein Regierungsbeamter oder ein prominenter Besucher, freust du dich darüber, weil du dir von ihm etwas erhoffst, vielleicht einen Job oder irgendeine Belohnung. Und wenn dich ein Mann anschaut, von dem du nichts willst, ist dir das ziemlich gleichgültig, nicht wahr? Es ist also wichtig, herauszufinden, was in deinem eigenen Kopf vor sich geht, wenn dich die Leute anschauen, denn es ist von großer Bedeutung, wie du innerlich auf einen Blick oder ein Lächeln reagierst.

Leider sind diese Dinge den meisten von uns überhaupt nicht bewusst. Wir nehmen nie den Bettler wahr oder den Dorfbewohner, der seine schwere Last trägt, oder den Papagei, der vorbeifliegt. Wir sind so beschäftigt mit unseren eigenen Sorgen, Sehnsüchten und Ängsten, mit unseren Freuden und Ritualen, dass wir viele wichtige Dinge im Leben überhaupt nicht wahrnehmen.

Frage: Können wir die Fähigkeit, Dinge zu verstehen, nicht trainieren? Wenn wir ständig versuchen zu verstehen, bedeutet das dann nicht, dass wir uns im Verstehen üben?

Krishnamurti: Kann man Verstehen trainieren? Ist es etwas, das man trainiert wie Tennis spielen, Klavier spielen, Singen oder Tanzen? Du kannst ein Buch immer wieder lesen, bis du mit dem Inhalt ganz vertraut bist. Funktioniert Verstehen auf diese Weise? Ist es etwas, das man durch ständige Wiederholung lernen kann, was ja nichts anderes ist als ein Gedächtnistraining? Ist Verstehen etwas, das von Augenblick zu Augenblick geschieht und das man deshalb nicht trainieren kann?

Wann verstehst du etwas? In welchem Zustand sind Herz und Geist, wenn du etwas verstehst? Wenn du mich etwas sehr Wahres über Eifersucht sagen hörst – dass Eifersucht zerstörerisch ist, dass Neid eine der Hauptursachen für die Zerstörung zwischenmenschlicher Beziehungen ist –, wie reagierst du dann darauf? Erkennst du unmittelbar, dass es wahr ist? Oder fängst du an, über Eifersucht nachzudenken, darüber zu reden, sie zu rationalisieren oder zu analysieren? Ist Verstehen ein Prozess der Rationalisierung oder sorgfältigen Analyse? Kann man Verstehen kultivieren, wie man seinen Garten kultiviert, um Früchte oder Blumen heranzuziehen? Verstehen heißt eindeutig, die Wahrheit einer Sache direkt zu erkennen, ohne irgendeine Barriere aus Worten, Vorurteilen oder Motiven.

Frage: Ist die Fähigkeit zum Verstehen bei allen Menschen gleichermaßen vorhanden?

Krishnamurti: Nimm einmal an, jemand sagt etwas Wahres zu dir und du erkennst diese Wahrheit sehr rasch; dann verstehst du unmittelbar, weil du keine inneren Barrieren hast. Du bist nicht von deiner eigenen Wichtigkeit überzeugt, sondern willst unbedingt etwas herausfinden, also ist dein Erkennen unmittelbar. Aber ich habe viele innere Barrieren, viele Vorurteile. Ich bin eifersüchtig, innerlich zerrissen von Konflikten, die auf Neid beruhen, bin von meiner eigenen Wichtigkeit überzeugt. Ich habe im Laufe meines Lebens viele Dinge angesammelt, und ich will in Wirklichkeit nicht verstehen, deshalb erkenne ich die Wahrheit nicht, deshalb verstehe ich nicht.

Frage: Kann man die Barriere nicht langsam abbauen, indem man sich unablässig bemüht zu verstehen?

Krishnamurti: Nein. Ich kann die Barriere nicht beseitigen, indem ich zu verstehen versuche, sondern nur, indem ich tatsächlich spüre, wie wichtig es ist, keine inneren Barrieren zu haben – was voraussetzt, dass ich willens bin, sie zu sehen. Nehmen wir an, wir beide hören jemanden sagen, dass Neid zerstörerisch ist. Du hörst zu und verstehst die Bedeutung dieser Aussage, ihre Wahrheit, und du bist frei von diesem Gefühl der Eifersucht, des Neids. Aber ich will diese Wahrheit nicht sehen, weil das meine ganze Lebensweise zerstören würde.

Frage: Ich spüre die Notwendigkeit, die Barrieren zu beseitigen.

Krishnamurti: Warum spürst du das? Willst du die Barrieren wegen der äußeren Umstände beseitigen? Willst du sie beseitigen, weil jemand dir gesagt hat, dass du es tun solltest? Die Barriere verschwindet jedenfalls nur, wenn du für dich selbst erkannt hast, dass jegliche inneren Barrieren zu einer langsamen geistigen Verkrüppelung führen. Und wann erkennst du das? Wenn du leidest? Aber ruft das Leiden notwendigerweise die Erkenntnis in dir wach, wie wichtig es ist, alle Barrieren zu beseitigen? Oder bringt es dich im Gegenteil dazu, noch mehr Barrieren zu errichten?

Du wirst feststellen, dass alle inneren Barrieren sich auflösen, wenn du anfängst, wirklich zu lauschen, zu beobachten, zu entdecken. Es gibt keinen Grund, die Barrieren zu beseitigen, und in dem Moment, wo du einen Grund ins Spiel bringst, beseitigst du sie nicht. Es ist das größte Wunder, der größte Segen, wenn du deinem inneren Gewahrsein Gelegenheit gibst, die Barrieren zu beseitigen. Aber wenn du sagst, dass die Barrieren beseitigt werden müssen, und dann versuchst, sie zu beseitigen, dann ist das ein Versuch deines Verstandes, und der Verstand, das Denken, kann die Barrieren nicht beseitigen. Du musst erkennen, dass keine Bemühung deinerseits die inneren Barrieren beseitigen kann. Dann wird der Geist ganz still, und in dieser Stille entdeckst du die Wahrheit.