Die Bedeutung von Wörtern verstehen – Teil 2

Zu töten ist eindeutig der furchtbarste und destruktivste Akt, ganz besonders das Töten eines anderen Menschen, denn wenn du tötest, bist du voller Hass, wie sehr du es auch rationalisieren magst; und du erzeugst ebenso Hass in anderen. Du kannst mit einem Wort töten wie mit einer Tat, aber das Töten anderer Menschen hat noch nie zur Lösung irgendeines unserer Probleme geführt. Kein Krieg hat je irgendeine unserer wirtschaftlichen oder sozialen Schwierigkeiten behoben oder in irgendeiner Form zur Verständigung zwischen den Menschen beigetragen, und dennoch bereitet sich die ganze Welt ununterbrochen auf den Krieg vor. Es werden viele Gründe dafür genannt, weshalb es notwendig sei, Menschen zu töten, und es gibt auch viele Gründe, nicht zu töten. Aber lasst euch nicht von irgendwelchen Begründungen täuschen, denn heute mag es ein gutes Argument dafür geben, nicht zu töten, und morgen vielleicht ein viel stärkeres Argument für das Töten.

Seht zuerst die Wahrheit, erkennt, wie ungeheuer wichtig es ist, nicht zu töten. Ganz gleich, was irgendjemand zu euch sagt – von der höchsten bis hin zur niedersten Autorität –, findet die Wahrheit für euch selbst heraus. Und wenn ihr im Hinblick auf diese Angelegenheit zu einer inneren Klarheit gekommen seid, könnt ihr euch über die Einzelheiten Gedanken machen. Aber beginnt nicht mit einem Argument, denn jedes Argument kann durch ein Gegenargument widerlegt werden, und dann verstrickt ihr euch im Netz des Argumentierens. Das Wesentliche ist, dass ihr direkt für euch selbst erkennt, was wahr ist. Dann könnt ihr anfangen, Argumente zu benutzen. Wenn ihr für euch selbst die Wahrheit erkennt, wenn ihr wisst, dass das Töten eines anderen Menschen nicht Liebe ist, wenn ihr in eurem Innern spürt, dass in euren Beziehungen zu anderen Menschen keine Feindschaft sein darf, dann kann kein Argument der Welt diese Wahrheit zerstören. Kein Politiker, kein Priester, kein Elternteil kann euch dann für eine Idee oder für seine eigene Sicherheit opfern.

Die Alten haben von jeher die Jungen geopfert. Werdet auch ihr, wenn ihr älter seid, die Jungen opfern? Wollt ihr nicht mit dem Opfern aufhören? Denn es ist die zerstörerischste Lebensweise, die es gibt, und eine der Hauptursachen für den Niedergang des Menschen. Um dem ein Ende setzen zu können, müsst ihr als Individuen die Wahrheit für euch selbst herausfinden. Ohne irgendeiner Gruppe oder Organisation anzugehören, müsst ihr die Wahrheit des Nicht-Tötens, des Liebens, der Gewaltlosigkeit entdecken. Dann können keine noch so schlauen Worte oder Argumente euch je dazu bringen, einen anderen Menschen zu töten oder zu opfern.

Es ist also sehr wichtig, dass ihr in jungen Jahren eigenständig über diese Dinge nachdenkt, hineinspürt und dadurch das Fundament für das Entdecken der Wahrheit legt.

Frage: Was ist der Sinn und Zweck der Schöpfung?

Krishnamurti: Bist du wirklich daran interessiert? Was meinst du mit »Schöpfung«. Was ist der Sinn und Zweck des Lebens? Warum du existierst, liest, lernst, Prüfungen ablegst? Was ist der Sinn und Zweck von Beziehungen – der Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, Ehemännern und Ehefrauen? Was ist das Leben? Meinst du das, wenn du fragst: »Was ist der Sinn und Zweck der Schöpfung?« Wann stellst du eine solche Frage? Wenn du innerlich nicht klar siehst, wenn du verwirrt bist, wenn du dich elend fühlst, im Dunkeln tappst, wenn du die Wahrheit der Angelegenheit nicht selbst erkennen oder spüren kannst, dann willst du wissen, was der Sinn und Zweck des Lebens ist.

Nun, es gibt eine Menge Leute, die dir sagen werden, was der Sinn des Lebens ist – sie werden dir sagen, was in den heiligen Büchern steht. Schlaue Leute erfinden immer wieder einen Sinn und Zweck des Lebens. Die politische Gruppe sieht ihren Sinn, die religiöse Gruppe sieht einen anderen und so weiter. Und wie willst du herausfinden, was der Sinn und Zweck des Lebens ist, wenn du verwirrt bist? Solange du verwirrt bist, kannst du jedenfalls nur eine Antwort empfangen, die auch verworren ist. Wenn dein Geist vernebelt ist, wenn er nicht wirklich still ist, wirst du jede Antwort durch diesen Nebel der Verwirrung, Unruhe und Angst empfangen, und deshalb wird die Antwort verfälscht sein. Das Wesentliche ist also nicht zu fragen, was der Sinn und Zweck des Lebens ist, sondern die Verwirrung in deinem Innern zu beseitigen. Es ist, als ob ein Blinder fragt: »Was ist Licht?« Wenn du versuchst, ihm zu erklären, was Licht ist, wird er aus seiner Blindheit, aus seiner Dunkelheit heraus zuhören, aber wenn er sehen könnte, würde er nie mehr fragen, was Licht ist. Es ist einfach da.

Wenn du also von der inneren Verwirrung zur Klarheit kommen kannst, wirst du herausfinden, was der Sinn und Zweck des Lebens ist, du wirst nicht mehr fragen müssen, du wirst nicht mehr danach suchen müssen. Um frei von Verwirrung zu sein, musst du die Ursachen für deine Verwirrung sehen und verstehen, und die sind ganz klar. Sie wurzeln im »Ich«, das sich ständig durch Besitzstreben, durch Werden, durch Erfolg, durch Nachahmung ausdehnen will, und die Symptome sind Eifersucht, Neid, Habgier und Angst. Solange diese innere Verwirrung andauert, suchst du immer außen nach Antworten. Aber wenn sich der Nebel der inneren Verwirrung lichtet, wirst du den Sinn des Lebens kennen.