Die Bedeutung von Wörtern verstehen – Teil 3

Frage: Was ist Karma?

Krishnamurti: Karma ist einer dieser seltsamen Begriffe, die wir verwenden, es ist eines der Wörter, in denen sich unser Denken verstrickt. Der Arme muss sein Leben auf Grund einer Theorie akzeptieren. Er muss sein Elend, den Hunger, das Leben im Schmutz akzeptieren, weil er unterernährt ist und nicht die Kraft hat, eine Revolution anzuzetteln. Er muss hinnehmen, was das Leben ihm zuteilt, also sagt er sich: »Es ist mein Karma, so zu leben«, und die Politiker, die Großen, ermutigen ihn, sein Elend zu akzeptieren. Du willst doch nicht, dass er gegen all das rebelliert, oder? Aber wenn du dem Armen so wenig zahlst, obwohl du selbst so viel hast, ist es sehr wahrscheinlich, dass das irgendwann passiert, also benutzt du das Wort »Karma«, um ihn in seiner passiven Akzeptanz seines Elends zu bestärken.

Der gebildete Mensch, der Mensch, der Erfolg im Leben hat oder etwas geerbt hat, der ganz oben angekommen ist, der Macht oder eine gute Stellung hat und dem die Mittel der Korruption zur Verfügung stehen, sagt ebenfalls: »Es ist mein Karma. Ich habe in einem früheren Leben Gutes getan, und jetzt werde ich dafür belohnt.«

Aber ist das die Bedeutung von Karma – die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind? Versteht ihr? Bedeutet Karma, die Dinge fraglos hinzunehmen, wie sie sind, ohne einen Funken Rebellion? Es ist eine Haltung, die viele von uns einnehmen. Ihr seht also, wie leicht bestimmte Wörter oder Begriffe zu einem Netz werden, in dem wir uns verfangen, weil wir nicht wirklich lebendig sind. Die wahre Bedeutung des Wortes »Karma« kann nicht theoretisch verstanden werden, man kann sie nicht verstehen, wenn man sagt: »Das und das steht in der Bhagavadgita.«

Der vergleichende Geist ist der dümmste von allen, denn er denkt nicht selbst, er sagt einfach: »Ich habe dieses Buch gelesen, und was du sagst, entspricht dem, was darin steht«. Wenn du so etwas sagst, hast du aufgehört zu denken; wenn du vergleichst, gehst du den Dingen nicht mehr auf den Grund, um herauszufinden, was wahr ist, ganz gleich, was in irgendeinem Buch steht oder was irgendein Guru gesagt hat. 

Es geht also darum, alle Autoritäten hinter sich zu lassen und die Dinge zu untersuchen, für sich etwas herauszufinden, und nicht zu vergleichen. Vergleichen ist die Anbetung von Autorität, ist Nachahmung, Gedankenlosigkeit. Vergleichen kommt aus einem Geist, der nicht wach genug ist, um die Wahrheit zu entdecken. Du sagst: »Es ist so, das hat auch der Buddha gesagt«, und denkst, damit hättest du deine Probleme gelöst. Aber um tatsächlich die Wahrheit von etwas zu entdecken, musst du sehr aktiv sein, kraftvoll, voller Selbstvertrauen; und du kannst nicht voller Selbstvertrauen sein, solange du in Vergleichen denkst. Bitte hört genau zu. Wenn kein Selbstvertrauen da ist, verliert ihr eure ganze Kraft und Fähigkeit zum Erforschen und Finden der Wahrheit. Selbstvertrauen bringt eine gewisse Freiheit zur Entdeckung mit sich; und diese Freiheit bleibt euch verwehrt, wenn ihr vergleicht.

Frage: Ist im Respekt ein Element der Furcht enthalten?

Krishnamurti: Was meinst du? Wenn du deinen Lehrern, deinen Eltern, deinem Guru Respekt entgegenbringst und deinen Bediensteten respektlos behandelst; wenn du auf den Leuten, die nicht wichtig für dich sind, herumtrampelst, und denen, die über dir stehen, die Stiefel leckst – den Beamten, den Politikern, den Großen –, dann ist das doch mit einer gewissen Furcht verbunden, oder nicht? Von den Großen, vom Lehrer, vom Prüfer, vom Professor, von deinen Eltern, vom Politiker oder Bankmanager erhoffst du dir etwas, und deshalb bist du respektvoll. Aber was können dir die armen Leute geben? Also missachtest du die Armen, strafst sie mit Verachtung, du bemerkst sie nicht einmal, wenn sie auf der Straße an dir vorbeigehen. Du würdigst sie keines Blickes, es ist dir egal, ob sie vor Kälte zittern, ob sie schmutzig und hungrig sind. Aber den Großen, den Höhergestellten gibst du etwas, sogar wenn du sehr wenig hast, um dir weiterhin ihre Gunst zu sichern. Darin steckt zweifelsohne ein Element der Furcht, nicht wahr? Da ist keine Liebe. 

Hättest du Liebe im Herzen, würdest du sowohl denen Respekt zeigen, die nichts haben, als auch denen, die alles haben; du würdest weder diejenigen fürchten, die mehr als genug haben, noch die missachten, die nichts haben. Respekt in der Hoffnung auf eine Belohnung entspringt der Angst. Liebe kennt keine Angst.