Kann der Geist jemals Frieden finden? – Teil 2

Frage: Warum fühlen wir uns denen, die über uns stehen, unterlegen?

Krishnamurti: Wen betrachtest du als über dir stehend? Diejenigen, die etwas wissen? Diejenigen, die Titel und akademische Grade erworben haben? Diejenigen, von denen du etwas willst, irgendeine Belohnung oder einen Job? Schaust du nicht in dem Moment, wo du zu jemandem aufschaust, auch auf jemanden herab?

Warum haben wir diese Trennung zwischen dem Überlegenen und dem Unterlegenen? Sie existiert nur, wenn wir etwas wollen, nicht wahr? Ich glaube, ich sei weniger intelligent als du, ich habe nicht so viel Geld oder so viele Talente wie du, ich bin nicht so glücklich, wie du es anscheinend bist, oder ich will etwas von dir, also fühle ich mich dir unterlegen. Wenn ich neidisch auf dich bin, wenn ich versuche, dich zu imitieren, oder wenn ich etwas von dir will, fühle ich mich sofort unterlegen, weil ich dich auf ein Podest gestellt habe, ich messe dir einen höheren Wert bei. Also erschaffe ich innerlich, psychisch, sowohl den Überlegenen als auch den Unterlegenen; ich erzeuge dieses Gefühl der Ungleichheit zwischen denen, die etwas haben, und denen, die es nicht haben.

Es gibt ungeheuer große Unterschiede im Hinblick auf die Fähigkeiten von Menschen, nicht wahr? Ein Mensch entwickelt ein Düsenflugzeug, ein anderer geht hinter dem Pflug her. Diese großen Unterschiede in Bezug auf intellektuelle, verbale oder physische Fähigkeiten sind unvermeidlich. Aber wir messen bestimmten Funktionen enorme Bedeutung bei. Der Gouverneur, der Premierminister, der Erfinder, der Wissenschaftler ist in unseren Augen viel wichtiger als der Hausangestellte, und so wird die Aufgabe mit Status verknüpft. Solange wir aber bestimmte Aufgaben mit Status assoziieren, muss zwangsläufig ein Gefühl der Ungleichheit da sein, und die Kluft zwischen den Begabten und denen, die solche Fähigkeiten nicht haben, wird unüberbrückbar. Wenn wir die Aufgabe frei von Statusdenken halten können, kann ein Gefühl der Gleichheit entstehen. Aber das setzt voraus, dass Liebe da ist, denn nur die Liebe beseitigt dieses Gefühl der Überlegenheit und Unterlegenheit.

Die Welt ist eingeteilt in die Besitzenden – die Reichen, die Mächtigen, die Begabten, diejenigen, die alles haben – und die Besitzlosen. Ist es also möglich, eine Welt zu schaffen, in der keine Trennung zwischen den »Habenden« und den »Habenichtsen« existiert? In Wirklichkeit passiert aber Folgendes: Die Politiker und Wirtschaftswissenschaftler, die diese Kluft zwischen den Reichen und den Armen, zwischen den Begabten und den weniger Begabten sehen, versuchen das Problem mit ökonomischen und sozialen Reformen zu lösen. Das mag in Ordnung sein. Aber es kann nie eine wirkliche Änderung stattfinden, solange wir nicht diesen ganzen feindseligen Prozess des Neids und der Bosheit verstehen, denn nur, wenn dieser Prozess verstanden und beendet wird, kann Liebe in unsere Herzen einkehren.

Frage: Ist es möglich, in Frieden zu leben, wenn wir ständig gegen unsere Umwelt kämpfen?

Krishnamurti: Was ist unsere Umwelt? Unsere Umwelt ist die Gesellschaft, das ökonomische, religiöse, nationale und schichtspezifische Umfeld des Landes, in dem wir aufwachsen – und das Klima. Die meisten von uns bemühen sich, sich an ihr Umfeld anzupassen, weil sie hoffen, dass dieses Umfeld ihnen einen Job geben wird, weil sie hoffen, in den Genuss der Vorteile dieser spezifischen Gesellschaft zu kommen. Aber woraus setzt sich diese Gesellschaft zusammen? Hast du jemals darüber nachgedacht? Hast du dir die Gesellschaft, in der du lebst und an die du dich anzupassen versuchst, jemals genauer angeschaut? Diese Gesellschaft basiert auf einer Reihe von Glaubenssätzen und Traditionen, die wir Religion nennen, sowie auf bestimmten ökonomischen Werten, nicht wahr? Du bist Teil dieser Gesellschaft und du bemühst dich, dich an sie anzupassen. Aber diese Gesellschaft ist das Resultat von Habgier, Neid, Angst, Besitzstreben, mit einem gelegentlichen Aufblitzen von Liebe. Aber kannst du dich, wenn du intelligent, furchtlos und nicht habgierig sein willst, an eine solche Gesellschaft anpassen? Kannst du das?

Du wirst also eine neue Gesellschaft schaffen müssen, was bedeutet, dass du als Individuum frei von Habgier, Neid und Besitzstreben sein musst; du musst frei von Nationalismus, Patriotismus und jeglichem engstirnigen religiösen Denken sein. Nur dann besteht die Möglichkeit, etwas Neues zu schaffen, eine völlig neue Gesellschaft. Aber solange du gedankenlos versuchst, dich an die gegenwärtige Gesellschaft anzupassen, folgst du nur den alten Mustern von Neid, Macht, Statusdenken und korrumpierenden Glaubenssätzen.

Es ist also sehr wichtig, dass du anfängst, diese Probleme zu verstehen, solange du jung bist und zu echter innerer Freiheit gelangst, denn dann wirst du eine neue Welt, eine neue Gesellschaft, eine neue Beziehung von Mensch zu Mensch schaffen. Und es ist eindeutig eine der wichtigsten Aufgaben der schulischen Erziehung, dir dabei zu helfen.

Frage: Warum leiden wir? Warum können wir nicht frei von Krankheit und Tod sein?

Krishnamurti: Durch Hygiene, durch gute Lebensbedingungen und gesunde Ernährung beginnt der Mensch, sich von bestimmten Krankheiten zu befreien. Mit Hilfe der modernen Chirurgie und verschiedener Behandlungsmethoden versucht die medizinische Wissenschaft, unheilbare Krankheiten wie Krebs zu besiegen. Ein fähiger Arzt tut, was er kann, um Krankheiten zu lindern oder zu heilen.

Aber ist der Tod besiegbar? Es ist ungewöhnlich, dass du dich bereits in deinem Alter für den Tod interessierst. Warum beschäftigt dich diese Frage so stark? Vielleicht, weil du so viel Tod um dich herum siehst – die Verbrennungsplätze, die Toten, die dorthin getragen werden. Der Tod ist ein vertrauter Anblick für dich, er ist ständig um dich herum, und du hast Angst vor demTod.

Wenn du nicht über die Bedeutung des Todes nachdenkst und anfängst, sie für dich selbst zu verstehen, wirst du endlos von einem Prediger zum nächsten, von einer Hoffnung zur nächsten, von einem Glaubenssystem zum nächsten gehen, um eine Lösung für dein Problem mit dem Tod zu finden. Verstehst du? Höre auf, andere zu fragen, und versuche, die Wahrheit für dich selbst herauszufinden. Es ist typisch für einen mittelmäßigen Geist, unzählige Fragen zu stellen, ohne zu versuchen, selbst etwas herauszufinden oder zu entdecken.

Wir fürchten den Tod nur, wenn wir uns ans Leben klammern. Wenn wir aber den gesamten Prozess des Lebens verstehen, verstehen wir auch die Bedeutung des Sterbens. Der Tod ist einfach das Erlöschen des Fortbestehens, und wir haben Angst davor, nicht fortbestehen zu können, aber das, was weiterlebt, kann nie kreativ sein. Denk’ darüber nach, entdecke die Wahrheit für dich selbst. Es ist die Wahrheit, die dich von der Furcht vor dem Tod befreit – nicht deine religiösen Theorien und auch nicht dein Glaube an Reinkarnation oder ein Leben nach dem Tod.