Worum geht es im Leben überhaupt? – Teil 2

Ihr müsst herausfinden, was wahr ist, was Wahrheit ist, denn das ist es, was wirklich zählt, und nicht, ob ihr arm oder reich seid, ob ihr glücklich verheiratet seid und Kinder habt, denn all das vergeht; am Ende steht immer der Tod. Ohne irgendeinem Glaubenssystem anzuhängen, müsst ihr also die Energie, das Selbstvertrauen, den inneren Antrieb haben, für euch selbst herauszufinden, was Wahrheit ist, was Gott ist. Glauben wird euren Geist nicht befreien; Glauben korrumpiert, bindet, verdunkelt ihn nur. Der Geist kann nur durch seine eigene Kraft und Selbstvertrauen frei werden.

Es ist also auf jeden Fall eine der Aufgaben der Schule, euch zu Individuen zu erziehen, die nicht innerlich durch irgendein Glaubensoder Moralsystem oder eine bestimmte Vorstellung von Ehrbarkeit gebunden sind. Es ist das »Ich«, das Ego, das danach strebt, moralisch, ehrbar zu werden. Der wahrhaft religiöse Mensch ist derjenige, der selbst entdeckt oder direkt erfährt, was Gott ist, was Wahrheit ist. Zu dieser direkten Erfahrung kann man niemals durch irgendeine Form des Glaubens, irgendein Ritual oder die Verehrung irgendeines anderen Menschen gelangen. Der wahrhaft religiöse Geist ist frei von allen Gurus. Ihr könnt als Individuen, die heranwachsen und ihr Leben leben, die Wahrheit von Augenblick zu Augenblick entdecken, und deshalb könnt ihr frei sein.

Die meisten Menschen sind der Meinung, der erste Schritt zu einem religiösen Leben bestünde darin, frei von den materiellen Dingen der Welt zu sein. Das ist nicht wahr. Das ist eine der leichtesten Übungen. Der erste Schritt besteht darin, innerlich frei zu werden, damit man uneingeschränkt und unabhängig denken kann. Und das bedeutet, dass man weder an irgendeinen Glauben gebunden ist noch von den Umständen oder dem Umfeld erdrückt wird, so dass man ein vollständiger, fähiger, kraftvoller Mensch ist, voller Selbstvertrauen. Erst dann kann euer Geist, weil er frei, unvoreingenommen und unkonditioniert ist, herausfinden, was Gott ist. Das sollte auf jeden Fall der Hauptgrund für die Existenz irgendeines Ausbildungszentrums sein: Jedem Individuum, das dorthin kommt, zu helfen, in Freiheit die Wirklichkeit zu entdecken. Und das bedeutet, sich keinem System anzupassen, sich nicht an irgendwelche Glaubenssätze oder Rituale zu klammern und keinem Guru nachzulaufen. Die Intelligenz des Individuums muss geweckt werden – nicht durch irgendeine Form der Disziplin, nicht durch Widerstand, Zwang oder Nötigung, sondern durch Freiheit. Nur mit der aus Freiheit geborenen Intelligenz kann ein Individuum das entdecken, was jenseits des Verstandes ist. Diese Unermesslichkeit – das Unbenennbare, Grenzenlose, das nicht in Worte gefasst werden kann und in dem eine Liebe ist, die nicht menschlichem Denken und Fühlen entspringt – muss direkt erfahren werden. Der menschliche Geist kann es nicht erfassen, und deshalb muss er sehr still sein, unglaublich still, ohne irgendeine Forderung, ohne irgendein Verlangen. Nur dann kann sich das, was wir Gott oder die Wirklichkeit nennen könnten, manifestieren.

Frage: Was ist Gehorsam? Sollten wir einer Anordnung folgen, auch wenn wir sie nicht verstehen?

Krishnamurti: Tun das nicht die meisten von uns? Die Eltern, die Lehrer, die älteren Leute sagen: »Tu dies, tu das.« Sie sagen es höflich oder mit dem Stock in der Hand, und wir gehorchen, weil wir Angst haben. Die Regierungen und das Militär machen dasselbe mit uns. Wir werden von klein auf dazu abgerichtet zu gehorchen, ohne zu wissen, worum es überhaupt geht. Je autoritärer die Eltern und je tyrannischer die Regierung, desto stärker werden wir vom zartesten Alter an gezwungen und geformt, und wir gehorchen, ohne zu verstehen, warum wir tun sollen, was man uns sagt. Man sagt uns auch, was wir denken sollen. Man treibt uns jeden Gedanken aus, der dem Staat oder den lokalen Autoritäten nicht passt. Man lehrt oder hilft uns nie, eigenständig zu denken, selbst etwas herauszufinden, sondern verlangt stets Gehorsam von uns. Der Priester sagt uns, wie es ist, das heilige Buch sagt uns, wie es ist, und unsere Angst zwingt uns zu gehorchen, denn wenn wir nicht gehorchen, sind wir verwirrt, fühlen uns verloren.

Wir gehorchen also, weil wir ganz gedankenlos sind. Wir wollen nicht denken, denn das irritiert uns, weil wir dann nachfragen müssen, den Dingen auf den Grund gehen, selbst etwas herausfinden müssen. Und die Älteren wollen nicht, dass wir Dinge hinterfragen, sie haben nicht die Geduld, auf unsere Fragen einzugehen. Sie sind zu sehr mit ihren eigenen Streitigkeiten, Ambitionen und Vorurteilen beschäftigt, mit ihren Vorstellungen von Moral und Ehrbarkeit, und wir Jungen haben Angst, etwas falsch zu machen, weil wir ebenfalls ehrbar sein wollen. Wollen wir uns nicht alle so kleiden wie die anderen, wollen wir nicht genauso aussehen? Wir wollen nicht anders sein, wir wollen nicht unabhängig denken, wollen nicht außen vor sein, denn das ist ein sehr unangenehmes Gefühl, also schließen wir uns der Clique an.

Wie alt wir auch sein mögen, die meisten von uns gehorchen, folgen, imitieren, weil sie das Gefühl der Unsicherheit fürchten. Wir wollen Sicherheit, sowohl in finanzieller als auch in moralischer Hinsicht, und wir wollen Anerkennung. Wir wollen auf der sicheren Seite sein, abgeschottet sein, und nie mit Problemen, Schmerz und Leid konfrontiert werden. Es ist unsere bewusste oder unbewusste Angst, die uns dazu bringt, dem Führer, dem Priester, der Regierung zu gehorchen. Es ist die Angst vor Bestrafung, die uns daran hindert, anderen zu schaden. Hinter all unserem Handeln, unserer Habgier und unserem Streben steckt also der Wunsch nach Sicherheit, der Wunsch, sicher und geschützt zu sein. Ohne Angstfreiheit ist bloßes Gehorchen ziemlich bedeutungslos. Worauf es ankommt, ist, sich dieser Angst Tag für Tag bewusst zu sein, zu beobachten, wie sie sich auf verschiedene Weisen zeigt. Nur wenn wir frei von Angst sind, kann diese innere Qualität des Verstehens da sein, dieses innere Alleinsein, in dem wir kein Wissen, keine Erfahrungen ansammeln.