Intelligent leben – Teil 2

Was ist also Intelligenz? Ich werde es herausfinden. Für einige von euch ist das vielleicht ein bisschen schwer zu verstehen, aber es ist nicht nötig, dass ihr angestrengt versucht, meinen Worten zu folgen; versucht einfach, den Inhalt dessen, was ich sage, in euch aufzunehmen. Versucht, die Sache zu erspüren, versucht, die Qualität von Intelligenz wahrzunehmen. Wenn ihr sie jetzt fühlen könnt, werdet ihr, wenn ihr älter seid, die Bedeutung meiner Worte immer klarer erkennen.

Die meisten von uns sind der Meinung, Intelligenz käme durch das Ansammeln von Wissen, Informationen, Erfahrungen zustande. Wir denken, wir könnten dem Leben intelligent begegnen, wenn wir über sehr viel Wissen und Erfahrung verfügen. Aber das Leben ist ein außergewöhnliches Phänomen, es stagniert nie. Wie der Fluss fließt es immer weiter, steht nie still. Wir glauben, das Sammeln von mehr und mehr Erfahrungen, mehr Wissen, mehr Tugenden, mehr Wohlstand, mehr Besitztümern würde intelligente Menschen aus uns machen. Deshalb respektieren wir Menschen, die Wissen angesammelt haben, die Gelehrten, und auch die Leute, die viele Erfahrungen gesammelt haben. Aber ist Intelligenz das Resultat von »mehr«? Was steckt hinter diesem »Mehr Haben«, »Mehr Wollen«? Wenn wir mehr wollen, geht es uns ums Horten, nicht wahr?

Aber was geschieht, wenn ihr Wissen oder Erfahrungen gesammelt habt? Jede weitere Erfahrung wird sofort als ein »Mehr« wahrgenommen, ihr macht so nie eine wirkliche Erfahrung, sondern sammelt immer nur, und dieses Sammeln ist ein Mechanismus des Verstandes, der ja das Zentrum des »Mehr Wollens« ist. Dieses »Mehr-Wollen« ist das »Ich«, das Ego, diese sich selbst abkapselnde Einheit, der es nur ums Horten geht – entweder im Negativen oder im Positiven. Und so begegnet der menschliche Geist dem Leben mit seiner gespeicherten Erfahrung, aber indem er das tut, verlangt er wieder nur nach mehr Erfahrung und beraubt sich dadurch stets der echten Erfahrung; er hortet immer nur. Solange der Geist nur ein Instrument des Hortens ist, ist keine echte Erfahrung möglich. Wie kann man offen für eine Erfahrung sein, wenn man immer daran denkt, was man aus dieser Erfahrung »herausholen« kann, was man zurückbekommen kann?

Ein Mensch, der hortet, sammelt, der immer das Verlangen nach mehr hat, kann dem Leben nie unbefangen und unvoreingenommen begegnen. Nur wenn der Geist nicht nach »mehr« strebt, nicht aufs Horten aus ist, kann er intelligent sein. Geht es dem Geist aber um dieses »Mehr«, dann verstärkt jede weitere Erfahrung die Mauer des sich selbst abkapselnden »Ich« und damit jenen egozentrischen Prozess, der im Mittelpunkt jedes Konfliktes steht. Bitte versucht, das zu verstehen. Ihr meint, Erfahrung würde den Geist befreien, aber das stimmt nicht. Denn solange euer Geist mit Ansammeln, mit Horten, mit dem »Mehr Wollen« beschäftigt ist, bestärkt euch jede Erfahrung nur in eurer Selbstbezogenheit, eurem Egoismus, eurem egozentrischen Denkprozess.

Intelligenz ist nur möglich, wenn man wirklich frei vom Selbst, vom »Ich« ist, das heißt, wenn der Geist nicht länger das Zentrum des Verlangens nach »mehr« ist, wenn er nicht mehr in seinem Verlangen nach immer großartigeren, vielfältigeren Erfahrungen gefangen ist. Intelligenz ist die Freiheit vom Diktat der Zeit, ist es nicht so? Denn dieses »Mehr-Wollen« ist ja mit Zeit verknüpft, und solange der Geist das Zentrum des Verlangens nach »mehr« ist, ist er das Produkt der Zeit. Das Streben nach mehr Erfahrung hat also nichts mit Intelligenz zu tun. Diesen ganzen Vorgang zu verstehen, ist Selbsterkenntnis. Wenn man sich selbst erkennt, so wie man ist, ohne ein hortendes Zentrum, dann führt diese Selbsterkenntnis zu einer Intelligenz, die in der Lage ist, dem Leben direkt zu begegnen, und diese Intelligenz ist kreativ.

Schaut euch euer eigenes Leben an. Wie öde, dumm und eng es ist, weil ihr nicht kreativ seid. Wenn ihr älter werdet, bekommt ihr vielleicht Kinder, aber das bedeutet nicht, dass man etwas schöpferisch hervorbringt. Vielleicht wird ein Bürokrat aus euch, aber das entbehrt jeder Lebendigkeit, nicht wahr? Es ist tote Routine, absolute Langeweile. Euer Leben ist von Angst umzäunt, und deshalb gibt es Autorität und Nachahmung. Ihr wisst nicht, was es bedeutet, kreativ zu sein. Mit Kreativität meine ich nicht Bilder malen, Gedichte schreiben oder Singen. Ich meine das tiefere Wesen der Kreativität, die, wenn man sie einmal entdeckt hat, eine unerschöpfliche Quelle, ein unaufhörlicher Strom ist, und auf die man nur durch Intelligenz stoßen kann. Diese Quelle ist das Zeitlose, aber der Geist kann das Zeitlose nicht finden, solange er das Zentrum des »Ich«, des Selbst ist, jener Instanz, die unaufhörlich nach »mehr« verlangt.

Wenn ihr das alles versteht, und zwar nicht bloß verbal, sondern tief im Innern, dann werdet ihr feststellen, dass sich mit dem Erwachen der Intelligenz eine Kreativität einstellt, die die Wirklichkeit ist, die Gott ist und über die man nicht zu spekulieren oder zu meditieren braucht. Ihr werdet sie nie durch irgendeine Meditationspraxis, durch eure Gebete um »mehr« oder eure Flucht davor erreichen. Diese Wirklichkeit kann sich nur manifestieren, wenn ihr den Zustand eures eigenen Geistes versteht, eure Bosheit, den Neid, die komplexen Reaktionen, wie sie sich jeden Tag von Augenblick zu Augenblick zeigen. Durch das Verstehen dieser Dinge stellt sich ein Zustand ein, den man Liebe nennen könnte. Diese Liebe ist Intelligenz und sie bringt eine Kreativität mit sich, die zeitlos ist.