Intelligent leben – Teil 3

Frage: Unsere Gesellschaft beruht auf unserer gegenseitigen Abhängigkeit. Der Doktor ist abhängig vom Bauern, und der Bauer ist abhängig vom Doktor. Wie kann ein Mensch dann überhaupt vollkommen unabhängig sein?

Krishnamurti: Das Leben ist Beziehung. Sogar der Sannyasin hat Beziehungen; er mag der Welt entsagen, aber er steht immer noch mit ihr in Beziehung. Wir können dem nicht entgehen. Für die meisten von uns sind Beziehungen eine Quelle von Konflikten. Beziehungen sind mit Angst verbunden, weil wir psychisch voneinander abhängig sind, entweder von unserem Mann oder unserer Frau, von unseren Eltern oder einem Freund. Man hat nicht nur eine Beziehung zu seinen Eltern oder zu seinem Kind, sondern auch zum Lehrer, zum Koch, zum Hausdiener, zum Gouverneur, zum Kommandeur und zur Gesellschaft als Ganzer. Und solange wir diese Beziehungen nicht verstehen, können wir nicht frei von psychischer Abhängigkeit sein, die Angst erzeugt und Ausbeutung nach sich zieht. Freiheit ist nur durch Intelligenz möglich. Ohne Intelligenz ist das bloße Streben nach Unabhängigkeit oder Freiheit von Beziehungen eine Illusion.

Es ist also sehr wichtig, dass wir unsere psychische Abhängigkeit innerhalb von Beziehungen verstehen. Indem wir die verborgenen Dinge in unserem Herzen, unserer Psyche aufdecken – unsere Einsamkeit, unsere innere Leere –, gelangen wir zur Freiheit, aber nicht zur Freiheit von Beziehungen, sondern von der psychischen Abhängigkeit, die zu Konflikten, Schmerz und Angst führt.

Frage: Warum ist die Wahrheit oft unannehmbar?

Krishnamurti: Wenn ich davon überzeugt bin, sehr schön zu sein, und du mir sagst, dass ich es nicht bin, was vielleicht der Wahrheit entspricht, dann werde ich das nicht mögen, oder? Wenn ich denke, ich sei sehr intelligent, sehr schlau, und du mich darauf hinweist, dass ich eine eher dumme Person bin, dann kann ich das nur schwer verdauen. Und dir bereitet es ein gewisses Vergnügen, mich auf meine Dummheit hinzuweisen, nicht wahr? Es schmeichelt deiner Eitelkeit, es zeigt, wie schlau du bist. Aber du willst deine eigene Dummheit nicht anschauen, du willst weglaufen vor dem, was du bist, willst dich vor dir selbst verstecken, willst deine innere Leere, deine Einsamkeit verbergen. Also suchst du dir Freunde, die dir nie sagen, was du bist. Du willst anderen zeigen, was sie sind, aber wenn andere dir zeigen, was du bist, magst du das überhaupt nicht. Du meidest alles, was dein eigenes Wesen bloßlegen könnte.

Frage: Bisher waren sich unsere Lehrer ihrer Sache sehr sicher und haben uns auf die übliche Weise unterrichtet, aber nachdem sie gehört haben, was hier gesagt wurde und an den Diskussionen teilgenommen haben, sind sie sehr verunsichert. Ein intelligenter Schüler weiß, wie er sich unter solchen Umständen zu verhalten hat, aber was werden die tun, die nicht intelligent sind?

Krishnamurti: Worüber sind die Lehrer verunsichert? Nicht über ihre Unterrichtsinhalte, denn sie können weiterhin Mathematik, Geografie und alle anderen Fächer unterrichten. Das verunsichert sie nicht. Sie sind unsicher in Bezug auf ihren Umgang mit den Schülern, nicht wahr? Sie sind unsicher in ihrer Beziehung zu den Schülern. Bis vor kurzem haben sie sich kaum Gedanken über ihre Beziehung zu den Schülern gemacht. Sie kamen in die Klasse, hielten ihren Unterricht und gingen wieder. Aber jetzt machen sie sich Gedanken darüber, ob sie bei den Schülern vielleicht Angst erzeugen, indem sie ihre Autorität einsetzen, um die Schüler zum Gehorsam zu bewegen. Sie denken darüber nach, ob sie den Schüler unterdrücken oder ob sie seine Eigeninitiative fördern und ihm helfen, seine wahre Berufung zu finden. Natürlich hat sie das alles verunsichert. Aber der Lehrer muss wie der Schüler unsicher sein, auch er muss suchen, muss den Dingen auf den Grund gehen. Das ist der ganze Prozess des Lebens vom Anfang bis zum Ende, oder etwa nicht? – nie an einem bestimmten Punkt stehen zu bleiben und zu sagen: »Ich weiß«.

Ein intelligenter Mensch ist nie statisch, sagt nie: »Ich weiß.« Er ist ständig am Forschen, ist sich seiner Sache nie sicher, immer bereit, Dinge zu untersuchen und etwas zu entdecken. In dem Augenblick, wo er sagt: »Ich weiß«, ist er schon tot. Und die meisten von uns, ob jung oder alt, sind auf Grund von Traditionen, Zwängen, Ängsten, auf Grund von Bürokratie und absurden religiösen Glaubenssystemen schon so gut wie tot – ohne Lebendigkeit, ohne Energie, ohne Selbstvertrauen. Der Lehrer muss auch seine eigenen bürokratischen Neigungen entdecken und aufhören, den Geist anderer abzutöten. Und das ist eine sehr schwierige Aufgabe. Sie erfordert eine Menge geduldiges Verstehen.

Der intelligente Schüler muss also dem Lehrer helfen, und der Lehrer muss dem Schüler helfen. Und beide müssen den dummen Jungen oder Mädchen helfen, die nicht diese Intelligenz haben. Das ist mit Beziehung gemeint. Wenn der Lehrer sich nicht sicher ist und ständig forscht, ist er natürlich toleranter, behutsamer, geduldiger und liebevoller im Umgang mit dem dummen Schüler, dessen Intelligenz dadurch vielleicht geweckt wird.

Frage: Der Bauer muss zum Arzt gehen, wenn er krank ist. Ist das eine abhängige Beziehung?

Krishnamurti: Wie wir gesehen haben, beruht meine Beziehung zu dir auf Angst, wenn ich psychisch von dir abhängig bin. Und solange Angst im Spiel ist, kann es keine Unabhängigkeit in Beziehungen geben. Es ist nicht einfach, den Geist von Angst zu befreien.

Wichtig ist nicht, was jemand auf all diese Fragen antwortet, sondern, dass du für dich selbst die Wahrheit durch ständiges Forschen und Hinterfragen herausfindest – und das bedeutet, dass du nicht in einem Glauben oder Gedankengebäude stecken bleibst. Nur durch ständiges Forschen werden eigenständiges Handeln und Intelligenz geweckt. Wenn man sich einfach mit Antworten zufrieden gibt, wird der Geist träge. Es ist also sehr wichtig, dass du Dinge nicht einfach akzeptierst, sondern ständig hinterfragst und anfängst, die ganze Bedeutung des Lebens für dich selbst in Freiheit zu entdecken.