Was ist gute schulische Erziehung? – Teil 3

Frage: Ich habe alles, was ich brauche, um glücklich zu sein, während andere das nicht haben. Warum ist das so?

Krishnamurti: Was meinst du? Du bist vielleicht gesund, hast liebevolle Eltern, bist gescheit und glaubst deshalb, dass du glücklich bist, während jemand anders, der krank ist, lieblose Eltern hat, nicht so klug ist, sich unglücklich fühlt. Warum ist das so? Warum bist du glücklich, während jemand anders unglücklich ist? Besteht Glücklichsein im Besitz von Geld, Autos, schönen Häusern, reiner Nahrung, freundlichen Eltern? Ist es das, was du mit Glück meinst? Und ist ein Mensch unglücklich, der nichts von all dem hat? Was meinst du also mit Glück? Es ist wichtig, das herauszufinden, nicht wahr? Hat Glück etwas mit Vergleichen zu tun? Kommt dein Glücksgefühl, wenn du sagst: »Ich bin glücklich« aus dem Vergleichen? Verstehst du, was ich meine, oder ist es zu schwierig?

Hast du deine Eltern nicht schon einmal sagen hören: »Dem und dem geht es nicht so gut wie uns?« Vergleichen gibt uns das Gefühl, dass wir etwas haben, es schenkt uns ein Gefühl der Befriedigung, oder nicht? Wenn man gescheit ist und sich mit jemandem vergleicht, der nicht so schlau ist, ist man sehr glücklich. Das heißt, unser Stolz, das Vergleichen macht uns glauben, wir seien glücklich, aber ein Mensch, der sich durch den Vergleich mit anderen, die ein bisschen weniger haben, glücklich fühlt, ist ein sehr unglücklicher Mensch, weil es immer jemanden gibt, der noch mehr hat, und so geht es immer weiter. Vergleichen hat eindeutig nichts mit Glück zu tun. Glück ist etwas ganz anderes, es ist nichts, wonach man streben kann. Glück stellt sich ein, wenn du etwas tust, weil du es wirklich liebst, und nicht, weil es dir einen Haufen Geld einbringt oder dich berühmt macht.

Frage: Wie können wir die Angst loswerden, die in uns ist?

Krishnamurti: Zuerst musst du wissen, wovor du Angst hast, nicht wahr? Vielleicht hast du Angst vor deinen Eltern, vor den Lehrern, davor, dass du eine Prüfung nicht bestehst oder vor dem, was deine Schwester, dein Bruder oder dein Nachbar sagen könnten. Oder du befürchtest, nicht so gut oder klug wie dein Vater zu sein, der einen großen Namen hat. Es gibt viele Arten von Ängsten, und man muss wissen, wovor man Angst hat.

Weißt du denn, wovor du Angst hast? Wenn du es weißt, dann lauf’ nicht vor dieser Angst weg, sondern finde heraus, warum du Angst hast. Wenn du wissen willst, wie du die Angst loswerden kannst, darfst du nicht vor ihr weglaufen, sondern musst dich ihr stellen, und gerade diese Konfrontation mit der Angst hilft dir, dich davon zu befreien. Solange wir vor der Angst weglaufen, schauen wir sie nicht an, aber in dem Moment, wo wir innehalten und ihr ins Gesicht blicken, beginnt sie sich aufzulösen. Das Weglaufen ist die eigentliche Ursache der Angst.

Ihr habt sicher viele Fragen, aber vielleicht seid ihr schüchtern. Darf ich euch eine Frage stellen? Was möchtet ihr werden, wenn ihr erwachsen seid? Wisst ihr das schon? Für die Mädchen ist es natürlich einfach, sie wollen heiraten, das versteht sich von selbst; [Anm. d. Ü.: Krishnamurti spricht vor einem indischen Publikum] aber auch wenn ihr heiratet – was wollt ihr dann machen? Seid ihr ehrgeizig? Wisst ihr, was Ehrgeiz ist? Ehrgeiz ist das Verlangen, »Jemand« zu werden, nicht wahr? Der Mann, der ein Vorbild hat und sagt: »Ich werde wie Rama, Sita oder Gandhi sein«, ist immer noch ehrgeizig. Seid ihr auf irgendeine Art ehrgeizig?

Und was bedeutet das? Warum seid ihr ehrgeizig? Das ist vielleicht ein bisschen schwer zu verstehen, aber es ist eines der Probleme des Lebens, und ihr solltet darüber nachdenken. Ich will euch sagen, warum. Wir alle sind ehrgeizig, jeder auf seine Weise. Und wisst ihr, was das mit uns macht? Es bringt uns dazu, gegeneinander zu kämpfen. Wir kämpfen immer darum, reich zu werden, berühmt zu werden, schlauer zu sein; ich will besser sein als du, und du willst besser sein als ich. Ehrgeiz bedeutet also in Wirklichkeit, dass wir versuchen, etwas zu sein, das wir nicht sind. Und was ist wichtiger? Zu versuchen, etwas zu sein, das wir nicht sind, oder zu verstehen, was wir sind? Natürlich müssen wir uns zuerst selbst anschauen und anfangen zu verstehen, was wir sind.

Die meisten von uns sind Idealisten, und Idealisten sind Heuchler, denn sie versuchen immer, etwas zu werden, was sie nicht sind. Wenn ich dumm bin und versuche, schlau zu werden, dann denken alle, das sei eine wunderbare Sache. Aber ein dummer Mensch wird nicht dadurch intelligent, dass er versucht, sich so weit wie möglich die Tricks der Schläue anzueignen. Wenn ich aber weiß, dass ich dumm bin, dann ist dieses Wissen bereits der Beginn der Intelligenz – und das ist viel besser als einfach nur schlau zu sein. Versteht ihr?

Was passiert normalerweise, wenn ich nicht allzu helle bin? In der Schule werde ich offiziell als Schlusslicht der Klasse geführt. Es ist erbärmlich, wenn ein Lehrer so etwas tut, denn ich bin genauso wichtig wie alle anderen. Es ist dumm vom Lehrer, mich ans Ende der Klasse zu setzen, indem er mich mit den gescheiteren Schülern vergleicht, denn er zerstört mich durch diese Vergleiche.