Was ist gute schulische Erziehung? – Teil 4

Krishnamurti: (Fortsetzung) Aber der Vergleich ist die Basis unserer so genannten Schulbildung und unserer gesamten Kultur. Der Lehrer sagt dir immer wieder, dass du so gut werden musst wie dieser Junge oder jenes Mädchen, also strengst du dich an, so gescheit zu werden wie sie. Und was passiert mit dir? Du wirst immer angespannter, was schließlich zu körperlichen Beschwerden und geistiger Erschöpfung führt. Aber wenn der Lehrer stattdessen sagt: »Hör’ zu, alter Junge, sei einfach du selbst. Lass uns gemeinsam herausfinden, was deine Interessen und Fähigkeiten sind. Imitiere niemanden, versuche nicht, wie Rama, Sita oder Gandhi zu werden, sondern sei, was du bist, und fang’ damit an.« Wenn der Lehrer das sagt, dann geht es um dich und niemand anderen. Das Individuum ist wichtig, und wenn der Lehrer einen Schüler mit jemandem vergleicht, der gescheiter ist, dann macht er ihn klein, macht ihn noch dümmer. Es ist die Aufgabe des Lehrers, dir zu helfen, herauszufinden, was du bist, aber er kann dir dabei nicht helfen, wenn er dich mit jemand anderem vergleicht. Vergleichen zerstört dich, vergleiche dich also nie mit anderen. Du bist so gut wie jeder andere. Verstehe, was du bist. Fange von da aus an und finde heraus, wie du immer mehr, immer ungezwungener, immer umfassender werden kannst, was du wirklich bist.

Frage: Sie haben gesagt, dass Eltern, die ihr Kind wirklich lieben, es nicht hindern, irgendetwas zu tun. Aber muss man dem Kind keine Grenzen setzen, wenn es beispielsweise nicht reinlich sein will oder etwas isst, das seiner Gesundheit schadet?

Krishnamurti: Ich glaube nicht, dass ich jemals gesagt habe, dass Eltern, die ihr Kind lieben, es machen lassen, was es will. Das ist eine sehr schwierige Frage, nicht wahr? Aber wenn ich meinen Sohn liebe, werde ich dafür sorgen, dass er keinen Grund hat, sich zu fürchten – und das ist außerordentlich schwer. Wie ich bereits sagte, darf das Kind, um angstfrei aufwachsen zu können, nicht mit anderen verglichen werden, und man darf es auch nicht Prüfungssituationen aussetzen. Wenn ich das Kind liebe, lasse ich ihm die Freiheit, nicht damit es machen kann, was es will – denn einfach nur zu machen, was man will, ist dumm –, sondern damit es in Freiheit seine Intelligenz entwickeln kann. Und diese Intelligenz wird dann sein Handeln bestimmen.

Freiheit ist eine Voraussetzung für Intelligenz, und man kann nicht frei sein, wenn man ständig gedrängt wird, wie irgendein Held zu werden, denn dann geht es um den Helden und nicht um einen selbst. Hast du keine Bauchschmerzen, wenn eine Prüfung bevorsteht? Bist du nicht nervös und angespannt? Weißt du, was es für den Rest deines Lebens bedeutet, wenn du Jahr für Jahr diesen schrecklichen Torturen, genannt Prüfungen, ausgesetzt bist? Die älteren Leute sagen, dass ihr ohne Angst aufwachsen sollt, aber das bedeutet überhaupt nichts; es sind nur leere Worte, denn sie tragen zur Aufrechterhaltung der Angst bei, indem sie euch Prüfungen zumuten und euch mit anderen vergleichen.

Ein anderes Thema, über das wir wirklich sprechen sollten, ist »Disziplin«. Wisst ihr, was ich mit Disziplin meine? Von klein auf sagt man euch, was ihr tun sollt, und euch bleibt gar keine andere Wahl, als es zu tun. Niemand macht sich die Mühe, euch zu erklären, warum ihr frühmorgens aufstehen sollt, warum ihr euch sauber halten sollt. Eltern und Lehrer erklären euch diese Dinge nicht, weil sie weder die Liebe noch die Zeit oder Geduld aufbringen. Sie sagen einfach: »Tu’ das, oder ich bestrafe dich.« Erziehung, wie wir sie kennen, flößt also immer Angst ein. Aber wie kannst du intelligent sein, wenn du Angst hast? Wie kannst du anderen gegenüber Liebe oder Achtung empfinden, wenn du Angst hast? Vielleicht »respektierst« du Leute, die einen großen Namen haben oder ein teures Auto fahren, aber du hast keinen Respekt vor dem Hausdiener, du behandelst ihn schlecht. Wenn ein wichtiger Mann zu Besuch kommt, grüßt ihr ihn alle voller Ehrfurcht, und das wird dann Respekt genannt, aber es ist kein Respekt, es ist Angst. Oder begrüßt ihr einen armen Kuli genauso ehrfurchtsvoll? Ihm zeigt ihr keinen Respekt, denn er kann euch nichts geben. Eure ganze Erziehung ist also nichts anderes als die Aufrechterhaltung oder Verstärkung von Angst. Das ist doch eine schreckliche Sache, oder nicht? Und wie können wir eine neue Welt schaffen, solange Angst da ist? Wir können es nicht. Deshalb ist es sehr wichtig, dass ihr das Angstproblem versteht, solange ihr jung seid, und dass wir alle darauf achten, dass wir wirklich angstfrei erzogen werden.

Frage: Ist es im Leben denn nicht wichtig, Ideale zu haben?

Krishnamurti: Das ist eine gute Frage, denn jeder von euch hat Ideale. Ihr habt das Ideal der Gewaltlosigkeit, das Ideal des Friedens oder das Ideal, wie Rama, Sita oder Gandhi zu werden, nicht wahr? Und was bedeutet das? Ihr seid nicht wichtig, sondern das Ideal ist wichtig. Rama ist ungeheuer wichtig, aber nicht du armer Tropf, also imitierst du ihn. Euch geht es nur darum, entweder eine Person oder eine Idee zu kopieren. Wie ich schon sagte, ist ein Idealist ein Heuchler, denn er versucht immer, etwas zu werden, was er nicht ist, anstatt zu sein und zu verstehen, was er ist.

Idealismus ist wirklich ein komplexes Problem, und ihr versteht es nicht, weil man euch nie dazu ermutigt hat, euch Gedanken darüber zu machen, niemand hat je mit euch darüber gesprochen. Alle eure Bücher, alle eure Lehrer, alle Zeitungen und Zeitschriften behaupten, man müsse Ideale haben, man müsse wie dieser oder jener Held sein, aber dadurch wird aus dem Geist nur ein nachahmender Affe, er wird wie eine Schallplatte, die eine Menge Wörter wiederholt. Akzeptiert die Dinge also nicht einfach, sondern hinterfragt alles, und findet die Wahrheit für euch selbst heraus – aber ihr könnt nichts in Frage stellen, wenn ihr Angst habt. Alles in Frage zu stellen heißt, einen rebellischen Geist zu haben, und damit kann man eine neue Welt schaffen. Aber eure Eltern und Lehrer wollen nicht, dass ihr rebelliert, denn sie wollen euch kontrollieren, wollen euch formen und in ihre Muster pressen; und so bleibt das Leben eine hässliche Angelegenheit.