Religion ist in Wirklichkeit eine Sache der inneren Bildung – Teil 2

Das Problem ist, dass Freiheit große Intelligenz voraussetzt, und da ihr noch nicht wisst, was es bedeutet, frei zu sein – frei, etwas zu tun, das ihr wirklich mit Liebe tut –, ist es die Aufgabe des Lehrers, euch zu helfen, die Wege der Intelligenz zu entdecken. Intelligenz befreit euch von Angst. Solange ihr Angst habt, zwingt ihr euch selbst ständig irgendeine Disziplin auf: Ich muss dies tun und jenes nicht, ich muss glauben, ich muss mich anpassen, ich muss Puja halten und so weiter. Diese ganze Selbstdisziplin entspringt der Angst, und wo Angst ist, ist keine Intelligenz.

Wenn wir von Bildung im eigentlichen Sinne sprechen, geht es also nicht nur um das Lesen von Büchern, das Bestehen von Prüfungen oder das Finden einer Arbeitsstelle. Bildung ist etwas ganz anderes: sie beginnt im Moment eurer Geburt und endet mit dem Tod. Vielleicht lest ihr unzählige Bücher und seid sehr schlau, aber ich glaube nicht, dass Schlauheit ein Zeichen von Bildung ist. Wenn ihr nur schlau seid, verpasst ihr eine ganze Menge im Leben. Wichtig ist, dass ihr zuerst einmal herausfindet, wovor ihr Angst habt, und dass ihr nicht davor weglauft. Wenn euer Geist wirklich frei von allen Ansprüchen ist, wenn er nicht länger neidisch und habgierig ist, dann, und nur dann, könnt ihr herausfinden, was Gott ist. Gott ist nicht das, was die Leute für Gott halten. Gott ist etwas völlig anderes – etwas, das sich zeigt, wenn ihr versteht, wenn ihr keine Angst habt.

Religion ist also eigentlich eine Sache der inneren Bildung, nicht wahr? Religion hat weder etwas mit glauben oder nicht glauben zu tun noch mit irgendwelchen Ritualen oder dem Festhalten an abergläubischen Vorstellungen. Religion ist vielmehr ein Prozess, bei dem wir unsere Fähigkeit zum Verstehen schulen, so dass unser Leben außergewöhnlich reich wird und wir nicht länger ängstliche, kleingeistige Menschen sind. Nur dann können wir eine neue Welt schaffen.

Politiker und religiöse Führer sagen, dass die Schaffung einer neuen Welt in den Händen der jungen Menschen liegt. Habt ihr das nicht schon einmal gehört? Wahrscheinlich habt ihr es schon hundertmal gehört. Aber sie erziehen euch nicht zur Freiheit, und Freiheit ist die Voraussetzung für die Schaffung einer neuen Welt. Die Erwachsenen erziehen euch nach ihren eigenen Vorstellungen – und sie haben ein ungeheures Chaos angerichtet. Sie sagen, dass es auf euch ankommt, auf die jüngere Generation, dass ihr die neue Welt schaffen müsst, aber gleichzeitig stecken sie euch in einen Käfig, nicht wahr? Sie sagen euch, dass ihr Inder oder Parse oder dies oder jenes sein müsst – und wenn ihr euch ihren Vorstellungen anpasst, dann werdet ihr eine Welt schaffen, die ganz genauso ist wie die gegenwärtige. Eine neue Welt kann nur geschaffen werden, wenn Freiheit die Ausgangsbasis dieses Prozesses ist und nicht Angst oder Aberglauben oder die Vorstellung, die bestimmte Leute von der neuen Welt haben.

Ihr, die ihr jung seid, die neue Generation, könnt nur dann eine völlig neue Welt entstehen lassen, wenn man euch zur Freiheit erzieht und nicht zwingt, etwas zu tun, das ihr nicht mit Liebe tut oder nicht versteht. Deshalb ist es sehr wichtig, dass ihr, solange ihr jung seid, echte Umstürzler seid – was bedeutet, dass man nicht einfach alles akzeptiert, sondern all diesen Dingen auf den Grund geht, um die Wahrheit herauszufinden. Nur dann könnt ihr eine neue Welt schaffen. Andernfalls wird eure Welt, auch wenn ihr sie anders nennt, dieselbe alte Welt des Elends und der Zerstörung sein, wie sie von jeher existiert hat.

Aber was passiert normalerweise mit uns, wenn wir jung sind? Die Mädchen heiraten, bekommen Kinder und welken allmählich dahin. Und die Jungen müssen, wenn sie erwachsen sind, den Lebensunterhalt verdienen. Also suchen sie sich eine Arbeit und müssen sich anpassen, müssen einen Beruf ausüben, ob sie ihn mögen oder nicht. Sie sind verheiratet, haben Kinder, werden von ihrer Verantwortung durchs Leben gezerrt und müssen deshalb tun, was man ihnen sagt. Der Geist des Aufbegehrens, der Geist des Suchens und Forschens verkümmert, und ihre ganzen revolutionären Ideen über die Erschaffung einer neuen Welt werden zerstampft, denn sie fühlen sich vom Leben überfordert. Sie müssen ins Büro gehen, sie haben einen Chef, für den sie dies oder jenes tun müssen, und allmählich wird ihr Forscherdrang, ihr Aufbegehren, ihr Eifer, eine völlig neue Lebensweise zu entwickeln, vollkommen zerstört. Deshalb ist es so wichtig, dass man diesen rebellischen Geist von Anfang an, von klein auf hat.

Religion, wahre Religion, ist eine Rebellion mit dem Ziel, Gott zu finden, und das bedeutet, für sich selbst herauszufinden, was wahr ist. Religion ist nicht ein bloßes Hinnehmen der so genannten heiligen Bücher, wie alt und ehrwürdig sie auch sein mögen.

Frage: In Ihrem Buch über Erziehung weisen Sie darauf hin, dass die moderne Erziehung völlig versagt hat. Könnten Sie das bitte genauer erklären?

Krishnamurti: Hat sie nicht versagt? Wenn du auf die Straße trittst, siehst du Arme und Reiche, und wenn du dich umschaust, siehst du, wie die angeblich gut erzogenen und gebildeten Leute in aller Welt streiten, sich bekämpfen und einander in Kriegen töten. Wir verfügen inzwischen über das technische Wissen und die Möglichkeiten, alle Menschen ausreichend mit Nahrung, Kleidung und Wohnraum zu versorgen, und doch geschieht das nicht. Die Politiker und andere führende Persönlichkeiten auf der ganzen Welt sind gebildete Menschen: Sie haben Titel, Universitätsabschlüsse, Doktorhüte und Roben, sie sind Doktoren und Wissenschaftler, und doch haben sie keine Welt geschaffen, in der der Mensch glücklich leben kann. Also hat die moderne Erziehung versagt, nicht wahr? Und wenn du dich damit zufrieden gibst, auf dieselbe Weise erzogen zu werden, wirst du ebenfalls ein gewaltiges Chaos aus dem Leben machen.