Religion ist in Wirklichkeit eine Sache der inneren Bildung – Teil 3

Frage: Ich würde gerne wissen, warum wir uns nicht den Plänen unserer Eltern fügen sollen, denn sie wollen doch, dass wir gute Menschen werden?

Krishnamurti: Warum solltet ihr euch den Plänen eurer Eltern fügen, wie wertvoll und nobel sie auch sein mögen? Ihr seid kein Gips, ihr seid keine gummiartige Masse, die man in eine Form gießen kann. Und was passiert, wenn ihr euch einfügt? Ihr werdet ein so genanntes gutes Mädchen oder ein so genannter guter Junge, und dann? Weißt du, was es bedeutet, gut zu sein? Gut zu sein bedeutet nicht einfach zu tun, was die Gesellschaft verlangt oder was eure Eltern sagen. Gutsein ist etwas völlig anderes, nicht wahr? Güte setzt Intelligenz, Liebe, Angstfreiheit voraus. Du kannst nicht gut sein, wenn du Angst hast. Du kannst ehrbar werden, wenn du tust, was die Gesellschaft verlangt – dann hängt man dir eine Girlande um und sagt dir, was für ein guter Mensch du doch bist, aber angesehen zu sein heißt nicht, gut zu sein.

Wenn wir jung sind, wollen wir uns nicht einfügen, aber gleichzeitig wollen wir gut sein. Wir wollen nett sein, wir wollen rücksichtsvoll und freundlich sein, aber wir wissen nicht, was das wirklich bedeutet und sind »gut«, weil wir Angst haben. Unsere Eltern sagen, »sei gut«, und die meisten von uns sind gut, aber dieses »Gutsein« bedeutet eigentlich nur, dass wir unser Leben nach den Plänen ausrichten, die sie mit uns haben.

Frage: Sie sagen, die moderne Erziehung sei ein Fiasko. Aber glauben Sie, die Politiker hätten eine bessere Welt schaffen können, wenn sie nicht erzogen und ausgebildet worden wären?

Krishnamurti: Ich bin mir gar nicht sicher, dass sie keine bessere Welt hätten schaffen können, wenn sie nicht diese Art von Erziehung genossen hätten. Was bedeutet es, Menschen zu regieren? Das ist es schließlich, was man von Politikern erwartet – sie sollen Menschen regieren. Aber sie sind ehrgeizig, sie wollen Macht, Status, sie wollen respektiert werden, sie wollen die Führer sein, wollen an der Spitze stehen. Sie denken nicht an die Menschen, sie denken nur an sich selbst oder ihre Parteien, die ja im Grunde ihr verlängerter Arm sind. Menschen sind Menschen, ob sie in Indien, Deutschland, Russland, Amerika oder China leben; aber indem man die Menschen in verschiedene Nationen einteilt, können mehr Politiker gute Positionen erhalten, also sind sie gar nicht daran interessiert, die Welt als Ganzes zu sehen. Sie sind »gebildet«, sie können lesen und argumentieren, und sie sprechen unaufhörlich darüber, dass sie gute Bürger sind, aber sie müssen den ersten Platz haben. Die Welt aufzuteilen und dann Kriege zu führen – nennen wir das Erziehung? Die Politiker tun das nicht alleine, wir alle tun es. Manche Leute wollen, dass es Krieg gibt, weil sie davon profitieren. Nicht nur die Politiker müssen also die richtige Erziehung bekommen.

Frage: Wie sieht die richtige Erziehung denn Ihrer Meinung nach aus?

Krishnamurti: Ich habe es dir gerade gesagt. Ich will es dir noch einmal erläutern. Nicht der Mensch, der einen Gott, eine Steinfigur oder ein inneres Gottesbild anbetet, ist religiös, sondern derjenige, der wirklich versucht, die Wahrheit oder Gott zu finden, indem er sucht und forscht. Ein solcher Mensch ist wirklich gebildet. Vielleicht geht er nicht zur Schule, vielleicht besitzt er keine Bücher, vielleicht kann er noch nicht einmal lesen, aber er befreit sich von seiner Angst, seiner Ichbezogenheit, seinem Egoismus, seinem Ehrgeiz. Bildung ist also nicht nur ein Prozess, bei dem Fertigkeiten vermittelt werden, damit wir lesen, rechnen, Brücken bauen oder neue Möglichkeiten zur Nutzung der Atomkraft entdecken können. Die Aufgabe der schulischen Erziehung besteht hauptsächlich darin, dem Menschen zu helfen, sich von seiner Engstirnigkeit und seinem dummen Ehrgeiz zu befreien. Ehrgeiz ist immer dumm und engstirnig – es gibt keinen großartigen, edlen Ehrgeiz. Und darüber hinaus muss Erziehung dem Schüler helfen, in Freiheit und ohne Angst zu wachsen, nicht wahr?

Frage: Wie kann ein Mensch auf diese Weise erzogen werden?

Krishnamurti: Möchtest du nicht auf diese Weise erzogen werden?

Frage: Aber wie?

Krishnamurti: Zunächst einmal: Willst du denn so erzogen werden? Du solltest nicht nach dem »Wie« fragen, sondern das ganz starke Gefühl haben, dass du auf diese Weise erzogen werden willst. Wenn dieses Gefühl bei dir ganz stark ist, kannst du, wenn du älter wirst, dazu beitragen, es auch in anderen wachzurufen, nicht wahr? Schau, wenn du unbedingt ein bestimmtes Spiel spielen willst, wirst du bald ein paar Leute finden, die es mit dir spielen. Und wenn du unbedingt auf diese Weise erzogen werden willst, über die wir gesprochen haben, dann wirst du dazu beitragen, dass eine Schule entsteht, wo die richtigen Lehrer euch diese Art der Erziehung ermöglichen. Aber die meisten von uns wollen so eine Erziehung gar nicht, und deshalb fragen sie: »Wie kann man das realisieren?« Wir wollen, dass uns jemand anders die Antwort gibt. Aber wenn ihr alle – jeder Schüler, der zuhört und hoffentlich auch die Lehrer – euch eine solche Art der Erziehung wünscht, dann werdet ihr sie verlangen und sie auch entstehen lassen.

Nehmen wir ein einfaches Beispiel. Ihr wisst doch, was Kaugummi ist, nicht wahr? Wenn ihr alle nach Kaugummi verlangt, wird der Hersteller Kaugummi produzieren, aber wenn ihr keinen wollt, geht der Hersteller bankrott. So ähnlich, wenn auch auf einer anderen Ebene, funktioniert es, wenn ihr alle sagt: »Wir wollen die richtige Art von Erziehung, nicht diese verlogene Erziehung, die nur zum organisierten Morden führt«. Wenn ihr das sagt und es wirklich meint, werdet ihr die richtige Erziehung entstehen lassen. Aber ihr seid noch zu jung, zu ängstlich, und deshalb muss man euch dabei helfen.

Frage: Brauche ich überhaupt Lehrer, wenn ich die richtige Erziehung will?

Krishnamurti: Natürlich. Du brauchst Lehrer, die dir helfen, nicht wahr? Aber was ist Hilfe? Du lebst doch nicht allein auf der Welt, oder? Da sind deine Mitschüler, deine Eltern, deine Lehrer, der Postbote, der Milchmann – jeder wird gebraucht, wir alle helfen einander, in dieser Welt zu leben. Aber wenn du sagst: »Der Lehrer ist unantastbar, er existiert auf einer anderen Ebene als ich«, dann ist diese Art von Hilfe überhaupt keine Hilfe. Der Lehrer ist nur dann hilfreich, wenn er seine Funktion nicht für seine Eitelkeit oder sein eigenes Sicherheitsbedürfnis missbraucht. Wenn er nicht lehrt, weil er nichts anderes gelernt hat, sondern, weil er wirklich mit Liebe unterrichtet, wird er dem Schüler helfen, ohne Angst zu wachsen. Das bedeutet, keine Prüfungen, keine Einstufungen, keine Benotung. Wenn du willst, dass die richtige Erziehung zustande kommt, brauchst du Lehrer, die dir dabei helfen. Es ist also sehr wichtig, dass die Lehrer selbst richtig erzogen und ausgebildet wurden.