Die Wahrheit entdecken – Teil 2

Krishnamurti: (Fortsetzung) Wie kann uns nun Erziehung helfen, intelligent zu sein? Was ist Intelligenz überhaupt? Kann man es Intelligenz nennen, wenn man Prüfungen besteht oder schlau ist? Du liest vielleicht viele Bücher, triffst prominente Leute, hast eine Menge Fähigkeiten, aber macht dich all das intelligent? Oder kommt Intelligenz nur zum Vorschein, wenn du dein ganzes Wesen vollständig entwickelst? Wir haben viele verschiedene Seiten in uns, manchmal sind wir rachsüchtig, eifersüchtig, gewalttätig, dann wieder bescheiden, rücksichtsvoll und still. Wir sind immer wieder anders, in verschiedenen Augenblicken sind wir verschiedene Menschen, wir sind nie ganz, nie vollkommen integriert, nicht wahr? Wenn ein Mensch viele Wünsche hat, ist er innerlich in viele Personen gespalten.

Man muss auf einfache Weise an das Problem herangehen. Die Frage ist, wie man intelligent sein kann, um angstfrei sein zu können. Wenn du von frühester Kindheit an von Menschen umgeben bist, die alle Schwierigkeiten, die du vielleicht hast, mit dir besprechen, so dass dein Verstehen nicht nur verbal ist, sondern es dir ermöglicht, das Leben als Ganzes zu sehen, dann kann diese Erziehung deine Intelligenz wecken und deinen Geist von Angst befreien.

Frage: Sie haben gesagt, dass Ehrgeiz dumm und grausam sei. Ist es dann auch dumm und grausam, den Ehrgeiz zu haben, die richtige Erziehung zu bekommen?

Krishnamurti: Bist du ehrgeizig? Was ist Ehrgeiz? Wenn du besser sein willst als jemand anders, bessere Noten bekommen willst als ein anderer Schüler, dann nennen wir das Ehrgeiz. Ein unbedeutender Politiker hat den Ehrgeiz, ein großer Politiker zu werden; aber ist es Ehrgeiz, für sich die richtige Erziehung zu wollen? Ist es Ehrgeiz, wenn du etwas tust, weil du es von Herzen gerne tust? Wenn du schreibst oder malst – nicht weil du auf Prestige aus bist, sondern weil du es liebst zu schreiben oder zu malen –, dann ist das mit Sicherheit kein Ehrgeiz. Ehrgeiz kommt ins Spiel, wenn du dich mit anderen Schriftstellern oder Künstlern vergleichst, wenn du besser sein willst als die anderen.

Es ist also kein Ehrgeiz, wenn du etwas tust, weil du es wirklich mit ganzem Herzen tust.

Frage: Wenn man die Wahrheit oder inneren Frieden finden will, wird man Sannyasin. Also ist ein Sannyasin ein einfacher Mensch.

Krishnamurti: Weiß man, was Einfachheit ist, wenn man sich inneren Frieden wünscht? Ist man innerlich einfach, wenn man Sannyasin oder Sadhu wird? Innerer Frieden entspringt mit Sicherheit nicht dem Denken. Wenn ich mir Frieden wünsche und versuche, alle gewalttätigen Gedanken aus meinem Kopf zu verbannen, wird mir das wirklich Frieden bringen? Wenn ich viele Wünsche habe und mir sage, dass ich keine Wünsche haben darf – werde ich dann inneren Frieden haben? In dem Moment, in dem du dir etwas wünschst, bist du in einen inneren Konflikt, einen inneren Kampf verstrickt. Zur Einfachheit gelangst du, indem du den ganzen Prozess des Wünschens durchschaust und verstehst.

Frage: Wenn wir auf die richtige Weise erzogen werden, sind wir frei von Angst, und wenn wir falsch erzogen werden, haben wir Angst. Stimmt das?

Krishnamurti: Es stimmt absolut, oder nicht? Und haben wir nicht alle Angst vor irgendetwas? Jeder hat vor irgendetwas Angst – vor der öffentlichen Meinung, vor dem Tod, vor Krankheiten. Das ist eine offensichtliche Tatsache.

Frage: Wenn, wie Sie sagen, jeder Mensch Angst hat, dann ist niemand ein Heiliger oder ein Held. Gibt es keine großen Menschen auf dieser Welt?

Krishnamurti: Das ist doch nur logisches Argumentieren, nicht wahr? Warum sollten wir uns Gedanken über große Menschen, Heilige oder Helden machen? Worauf es ankommt, ist, was du bist. Wenn du Angst hast, wirst du eine hässliche Welt schaffen. Das ist die Frage, und nicht, ob es Helden gibt.

Frage: Sie sagten, eine Erklärung sei etwas Negatives. Wir sind hierher gekommen, um Erklärungen zu erhalten. Ist das negativ?

Krishnamurti: Ich habe nicht gesagt, dass eine Erklärung etwas Negatives ist; ich habe gesagt, gebt euch nicht mit Erklärungen zufrieden.

Frage: Welche Vorstellung haben Sie von der Zukunft Indiens?

Krishnamurti: Ich habe keine Vorstellung, gar keine Vorstellung. Ich glaube nicht, dass Indien als Indien so wichtig ist. Wichtig ist die Welt. Ob wir in China oder in Japan, in England, Indien oder Amerika leben, wir alle sagen: »Mein Land ist sehr wichtig«, und niemand denkt an die Welt als Ganzes. Die Geschichtsbücher sind voll von Kriegen. Wenn wir anfangen, uns einfach als Menschen zu begreifen, werden wir vielleicht aufhören, einander zu töten, und es wird keine Kriege mehr geben. Aber solange wir nationalistisch denken, nur an unser eigenes Land denken, werden wir weiterhin dafür sorgen, dass die Welt ein schrecklicher Ort ist. Wenn wir irgendwann erkennen, dass dies unsere Welt ist, in der wir alle glücklich und in Frieden leben können, dann können wir gemeinsam etwas Neues aufbauen. Aber wenn wir uns weiterhin als Inder, Deutsche oder Russen sehen und alle anderen als Ausländer betrachten, dann wird es keinen Frieden geben, und wir können keine neue Welt schaffen.