Die Wahrheit entdecken – Teil 3

Frage: Sie sagen, dass es nur sehr wenige herausragende Menschen auf der Welt gibt. Was sind Sie dann?

Krishnamurti: Es spielt keine Rolle, was ich bin. Wichtig ist allein, die Wahrheit oder Unwahrheit des Gesagten zu entdecken. Wenn du denkst, dies oder jenes sei wichtig, weil dieser oder jener es gesagt hat, dann hörst du nicht wirklich zu, du versuchst nicht, für dich selbst herauszufinden, was wahr und was unwahr ist.

Aber die meisten von uns haben Angst davor, für sich selbst herauszufinden, was wahr ist und was nicht, und deshalb akzeptieren wir einfach, was jemand anders sagt. Worauf es ankommt, ist, die Dinge zu hinterfragen, zu beobachten und nie einfach zu akzeptieren. Unglücklicherweise hören die meisten von uns denjenigen zu, die sie als große Menschen betrachten, etablierten Autoritäten, den Upanishaden, der Bhagavadgita oder was auch immer. Wir hören nie den Vögeln, dem Rauschen des Meeres oder dem Bettler zu. Also verpassen wir, was der Bettler zu sagen hat. Vielleicht ist etwas Wahres daran, und überhaupt nichts an dem, was der Reiche oder der Mächtige sagt.

Frage: Wir lesen Bücher, weil wir neugierig sind. Waren Sie als Kind nicht neugierig?

Krishnamurti: Glaubst du, du könntest allein durch das Lesen von Büchern herausfinden, was wahr ist? Kannst du irgendetwas entdecken, indem du wiederholst, was andere gesagt haben? Oder kannst du nur durch Suchen, Zweifeln und Nichtakzeptieren etwas entdecken? Viele von uns lesen philosophische Bücher, und das formt unseren Geist. Das macht es uns sehr schwer, für uns selbst herauszufinden, was wahr und was unwahr ist. Wenn der Geist bereits geprägt und geformt ist, bereitet es ihm größte Schwierigkeiten, die Wahrheit zu entdecken.

Frage: Sollten wir uns keine Gedanken über die Zukunft machen?

Krishnamurti: Was meinst du mit Zukunft? In zwanzig oder fünfzig Jahren – meinst du das mit Zukunft? Die Zukunft, die viele Jahre entfernt ist, ist sehr unsicher, nicht wahr? Du weißt nicht, was geschehen wird, was nützt es dir also, dir Gedanken oder Sorgen darüber zu machen? Ein Krieg könnte ausbrechen oder eine Epidemie; alles kann passieren, die Zukunft ist also unsicher, sie ist unbekannt. Wichtig ist, wie du jetzt lebst, was du jetzt denkst und fühlst. Die Gegenwart, das Heute, spielt eine große Rolle, nicht das Morgen oder was in zwanzig Jahren passieren wird; und man muss ziemlich intelligent sein, um die Gegenwart zu verstehen.

Frage: Wenn wir jung sind, sind wir sehr verspielt und wissen nicht immer, was gut für uns ist. Wenn ein Vater seinem Sohn einen Rat zu seinem Besten gibt, sollte dann der Sohn nicht dem Rat seines Vaters folgen?

Krishnamurti: Was meinst du? Wenn ich Vater oder Mutter bin, muss ich doch zuerst einmal herausfinden, was mein Sohn wirklich im Leben tun will, nicht wahr? Weiß der Vater genug über den Sohn, um ihm einen Rat geben zu können? Hat er sich eingehend mit dem Kind beschäftigt? Wie kann ein Elternteil, der sehr wenig Zeit hat, sein Kind zu beobachten, diesem einen Rat geben? Es klingt nett, wenn man sagt, der Vater sollte seinen Sohn leiten, aber was ist, wenn der Vater seinen Sohn überhaupt nicht kennt? Ein Kind hat seine eigenen Neigungen und Fähigkeiten, die man genau beobachten muss – und zwar nicht nur für eine gewisse Zeit oder an einem bestimmten Ort, sondern während der ganzen Kindheit.

Frage: Letztes Mal sagten Sie, der Idealist sei ein Heuchler. Wenn wir ein Haus bauen wollen, müssen wir zuerst eine Idee dazu haben. Müssen wir dementsprechend nicht auch zuerst ein Ideal haben, wenn wir eine neue Welt schaffen wollen?

Krishnamurti: Eine Vorstellung von einem Gebäude zu haben, das man bauen will, ist nicht dasselbe wie idealistisch zu sein. Das sind eindeutig zwei verschiedene Dinge.

Frage: Sorgen wir, indem wir uns um das Wohlergehen unseres eigenen Landes sorgen, nicht auch für das Wohlergehen der Menschheit? Liegt es im Einflussbereich eines gewöhnlichen Menschen, direkt nach dem Wohlergehen der Menschheit zu streben?

Krishnamurti: Wenn wir das Wohlergehen eines Landes auf Kosten anderer Länder anstreben, sind Ausbeutung und Imperialismus die Folge. Solange wir nur an unser eigenes Land denken, kommt es zwangsläufig zu Konflikten und Kriegen.

Was meinst du mit »gewöhnlicher Mensch«, wenn du fragst, ob es im Einflussbereich eines gewöhnlichen Menschen liegt, direkt nach dem Wohlergehen der Menschheit zu streben? Sind wir, du und ich, keine gewöhnlichen Menschen? Unterscheiden wir uns vom gewöhnlichen Menschen? Was ist so ungewöhnlich an uns? Wir sind doch alle ganz gewöhnliche Menschen, oder nicht? Nur weil wir saubere Kleidung, gute Schuhe und Autos haben, sind wir doch nicht anders als die, die diese Dinge nicht haben. Wir alle sind gewöhnlich – und wenn wir das wirklich verstehen, können wir eine Umwälzung bewirken. Es ist eine der Schwächen unserer gegenwärtigen Erziehung, dass sie uns das Gefühl gibt, etwas Besonderes zu sein, dass sie uns auf ein Podest über den so genannten »Mann auf der Straße« hebt.