Hamburg 1956, Rede 1, Teil 1

Es ist meiner Ansicht nach sehr wichtig, die rechte Beziehung zwischen Ihnen und mir herzustellen; denn Sie haben vielleicht den irrtümlichen Eindruck, dass ich über eine komplizierte Philosophie sprechen will, oder dass ich speziell indische Ideen, eigenartige Gedanken habe, die ich Ihnen aufdrängen möchte. Daher glaube ich, es wäre richtig, zuerst eine Beziehung zwischen uns herzustellen, so dass wir uns miteinander verständigen können.

Ich spreche nicht als Inder zu Ihnen, und ich glaube auch nicht daran, dass eine Philosophie oder Religion imstande ist, unsere menschlichen Probleme zu lösen. Kein menschliches Problem lässt sich mit einer bestimmten Denkungsart, mit Dogma oder Glauben verstehen und auflösen. Ich stamme zufällig aus Indien; aber dort gibt es dieselben Probleme wie hier. Wir sind alle Menschen – nicht Deutsche oder Hindus, Engländer oder Russen; wir sind Menschen und leben in einer sehr komplizierten Gesellschaft mit zahllosen Problemen wirtschaftlicher, sozialer und vor allem religiöser Natur. Wenn wir unser religiöses Problem verstehen, werden wir, glaube ich, auch imstande sein, die gegensätzlichen nationalen Probleme wirtschaftlicher und sozialer Art zu lösen.

Zum Verständnis des verwickelten religiösen Problems ist es meiner Ansicht nach wesentlich, dass Sie nicht an einer bestimmten Idee oder an einem Glauben festhalten, sondern ohne jedes Vorurteil zuhören, so dass wir das Problem gemeinsam durchdenken können. Ich halte es für sehr wichtig, dass man an alle menschlichen Probleme in einfacher, direkter Klarheit und mit Verständnis herangeht.

Wir alle werden von Kindheit an in einem festgelegten Denkschema erzogen und dadurch bedingt, auf bestimmte Weise zu denken. Wir sind an Tradition gebunden. Wir haben unsere Meinungen, Werte und unbestrittenen Glaubenssätze und leben nach diesen, oder versuchen, so zu leben. Hierin, glaube ich, liegt das Unglück, denn das Leben ist in dauernder Bewegung, nicht wahr? Es ist lebendig und voller Veränderung, es wechselt stets, und so sind unsere Probleme auch nie dieselben, sie ändern sich beständig. Wir aber gehen an das Leben mit unserem starren und hartnäckigen Sinn voll eigener Ideen und fester Wertbestimmungen heran. Das Leben ist für die meisten Menschen eine Kette verwickelter und unlösbarer Probleme geworden, und so wenden wir uns an andere, dass sie uns leiten, uns helfen und uns den rechten Weg zeigen mögen.

An dieser Stelle halte ich es für richtig, darauf hinzuweisen, dass ich nichts dergleichen im Sinn habe. Ich möchte mit Ihnen zusammen, wenn Sie wollen, Ihre Probleme durchdenken. Schließlich handelt es sich um Ihr Leben. Man muss sich selber verstehen lernen, wenn man sein Leben begreifen will; und das eigene Verständnis hängt niemals von der Bestätigung eines anderen ab.

Daher glaube ich, es ist unerlässlich, dass wir zuerst versuchen, uns selber zu verstehen, wenn wir in allem Ernst darangehen wollen, die vielen Probleme, die heute in der Welt bestehen – wie Nationalismus, Krieg, Hass, Rassen- und Religionsunterschiede, – zu erfassen und die Spaltungen zwischen den Menschen zu beseitigen. Es gibt eine sehr einfache Tatsache: wir projizieren das, was wir sind. Wenn ich zum Beispiel nationalistisch gesinnt bin, trage ich dazu bei, eine Gesellschaft voller Unterschiede zu schaffen – Ursache und Keim von Kriegen. So wird es also notwendig und wesentlich, dass wir uns selbst erkennen; das scheint mir das Wichtigste in unserem Leben zu sein.

Religiosität lässt sich nicht in Dogmen, Glaubenssätzen und Bräuchen finden; sie geht weit über diese hinaus und ist etwas viel Größeres. Es wird nötig, dass wir prüfen, warum wir uns an bestimmte Religionen, Glaubenssätze und Dogmen klammern. Nur wenn wir das verstehen und uns von den Dogmen, Glaubenssätzen und allerlei Ängsten befreien, können wir untersuchen, ob es Gott oder Wirklichkeit gibt. Doch erscheint es mir äußerst töricht, nur blindlings zu glauben oder nachzufolgen.

Wenn wir also einander begreifen wollen, müssen Sie meiner Ansicht nach erkennen, dass ich mich nicht an eine Gruppe von Menschen, an Deutsche, sondern an jeden einzelnen als menschliches Wesen wende. Das Problem des einzelnen ist das Weltproblem. Die Welt oder die Gesellschaft wird durch das geschaffen, was wir als einzelne sind, denn Gesellschaft ist nichts anderes als die Beziehung zwischen uns allen. Bitte glauben Sie mir: ich spreche als Mensch zu Mensch, damit wir zusammen die vielen Probleme, denen wir begegnen, verstehen lernen. Ich stelle mich nicht als Autorität hin und schreibe Ihnen nicht vor, was Sie tun sollen; denn ich glaube nicht an Autorität in geistigen Fragen. Autorität ist vom Übel. Und wenn wir untersuchen wollen, was Gott oder Wahrheit ist, was jenseits der bloßen Grenzen des Verstandes liegt, muss alles Autoritätsgefühl verschwinden. Daher ist es so wichtig, dass der Mensch sich selber verstehen lernt.