Hamburg 1956, Rede 1, Teil 2

Ich weiß, welche Frage nun unvermeidlich auftauchen wird: muss es nicht zur Anarchie kommen, wenn keinerlei Autorität mehr besteht? Sicherlich gibt es diese Möglichkeit. Kann aber andrerseits die Autorität Ordnung schaffen? Oder erzeugt sie nur sinnloses, blindes Nachfolgen, das zu Zerstörung und Elend führt? Wenn wir daran gehen, uns selber zu begreifen, – und das ist ein sehr komplizierter Vorgang –, werden wir Autorität in ihrer Struktur zu verstehen beginnen. Dann erst können wir als Einzelwesen selber herausfinden, was wahr ist, – ohne Zwang von Seiten der Gesellschaft oder Religion, ohne Autorität oder Einfluss eines anderen; dann erst können wir selber etwas jenseits unseres Intellekts, jenseits von Autorität oder klugen Behauptungen anderer großer Menschen entdecken und erleben.

Ich hoffe also, es ist ganz deutlich, dass ich nicht als Inder mit einer besonderen Philosophie spreche, dass ich nicht versuche, Sie zu etwas zu überreden, sondern dass ich mich bemühe, als Mensch zu Mensch zu erklären, wie man es anfangen soll, Wahrheit oder Gott zu finden – wenn es Gott überhaupt gibt. Will man sich selber verstehen, so muss man zuerst erkennen, was man ist, und zwar so, wie man ist; nicht so, wie man glaubt, sein zu müssen, – sonst wäre es ein idealistischer Trugschluss. Will ich etwas über mich selber erfahren, dann muss ich mich genauso sehen, wie ich bin, und nicht so, wie ich sein möchte. Das ›möchte‹ ist nichts als Illusion, die Flucht vor dem, was ich bin.

Wir müssen uns also als Einzelwesen und nicht als Gruppe darum bemühen zu entdecken, was jenseits intellektueller Theorien, sentimentaler Hoffnungen oder den Behauptungen organisierter Religionen liegt. Wir müssen herauszufinden und selber zu erleben suchen, ob eine Wirklichkeit besteht, ob es noch etwas anderes als die bloßen Projektionen unseres Geistes gibt, – denn diese bilden den Inhalt der meisten Religionen und mögen uns angenehm und gefällig erscheinen. Kann man das untersuchen und direkt erleben? Denn nur eine direkte Erfahrung hat Wert und nichts anderes. Kann ein Mensch, der sich ernsthaft darum bemüht, das Unermessliche erforschen und erleben? Eine solche Erfahrung hat nämlich außerordentliche Bedeutung im Leben, wenn sie wahr und nicht bloß eine Illusion, eine vorübergehende Einbildung, Vision oder Fabel ist. Eine solche Erfahrung kann unserem Leben Gestalt geben und führt zu einer Moral, die nicht die der Gesellschaft ist.

Wäre es also denkbar, dass Sie, die Sie mir zuhören, ein derartiges Erlebnis haben? Hierauf mit ›ja‹ oder ›nein‹ antworten zu wollen, ist absurd. Wir können nichts anderes tun als untersuchen, ob unser Sinn imstande ist, etwas zu erleben, ohne seine eigenen Forderungen zu projizieren. Mit anderen Worten, kann ein Mensch sich völlig von seiner Bedingtheit befreien? Kann man aufhören, ein gläubiger Christ mit Glaubensbekenntnis und Idealen zu sein? Schließlich sind wir in unserer Tradition mit Glaubensbekenntnissen und Idealen groß geworden, und Gott ist der Gott unserer Tradition und Lehre. Das ist aber noch nicht Wirklichkeit, sondern nur die Wiederholung dessen, was wir gelernt haben. Um zu untersuchen, ob es eine Wirklichkeit gibt, muss man sich von der Tradition, in der man erzogen worden ist, befreien; und das ist außerordentlich schwer. Nur dann kann man über die bloßen Verstandesgrenzen hinausgehen und etwas Unermessliches erleben. Wenn man es jedoch nicht erlebt, wird das Leben sehr leer, sehr einsam und verliert jede Bedeutung.

Wie soll man es also anfangen, wenn man es wirklich ernst damit meint? Denn ohne den Duft der Wirklichkeit ist unser Leben seicht, materialistisch und elend, voller Spannungen und Kämpfe, Schmerz und Leid. Ein ernsthafter Mensch muss sich also die Frage vorlegen: kann man je etwas vollkommen Neues erleben? Etwas, das kein Wunsch oder Denkbegriff ist und als solcher Befriedigung verleiht, sondern etwas, das ganz abseits von den Erfindungen unseres Geistes steht? Und wenn dies möglich ist, was kann man dazu tun? Wie kann man es herbeiführen?

Meiner Ansicht nach gibt es nur einen Zugang zu diesem Problem: sich selbst in seiner Gesamtheit des Bewussten und Unbewussten mit allen verschlungenen Wegen zu erkennen; ehe man dessen nicht voll gewahr ist, kann man unmöglich darüber hinausgehen. Kann ich mich selber aber erkennen? Ich meine damit nicht nur das Wissen um ein paar Reaktionen, um bewusste Wünsche und Begehren, sondern die Kenntnis meiner selbst als ein Ganzes – aller meiner Motive, Triebe, Zwangsvorstellungen, Ängste usw. Und kann mir jemand dabei helfen oder mich leiten? Muss ich nicht vielmehr alles selber tun? Denn wenn ich mich an einen anderen um Hilfe wende, werde ich von ihm abhängig, und der andere wird mir zur Autorität. Dann kann ich mich niemals erkennen, weil ich mich immer nur durch den anderen sehe. Das bloße Lesen psychologischer Bücher hat auch nur sehr wenig Bedeutung. Ich muss mich nämlich in meinem täglichen Leben so erkennen, wie ich bin, und mich im Spiegel meiner Beziehungen zu anderen beobachten. Darin kann ich etwas entdecken, in diesem Spiegel kann ich mich selber erblicken; das ist aber weder Selbst-Beschauung noch rein objektive Betrachtung und erfordert beständige Wachsamkeit und Beobachtung dessen, was in mir vorgeht.