Hamburg 1956, Rede 1, Teil 3

Hierbei kann man erfahren, wie außerordentlich schwer es ist, sich selbst zu beobachten, solange man das, was man sieht, auch nur im geringsten verurteilt. Denn wenn ich das, was ich im Spiegel meiner Beziehung zu einem anderen sehe, verdamme, kann ich das Gesehene nicht begreifen. Will man etwas so sehen, wie es wirklich ist, so muss alles Bewerten, Urteilen oder Verdammen aufhören; und das ist außerordentlich schwer, denn heutzutage läuft alle unsere Erziehung und Schulung auf Billigung oder Abweisung, Verurteilung und Verleugnung hinaus.

Das ist indessen nur der Anfang, und zwar ein sehr oberflächlicher Anfang. Doch muss man da hindurchgehen und seinen gesamten Geistesvorgang kennen lernen, – nicht nur intellektuell oder dem Wortlaut nach, sondern im täglichen Leben, bei der Beobachtung in diesem Spiegel. Man muss tatsächlich erleben, was vor sich geht, und darf es nicht verleugnen, unterdrücken oder beiseitesetzen; man muss es untersuchen und sich des vollen Inhalts seiner Beobachtungen bewusst werden. Wenn man es wirklich ernst damit meint und so weit vorgedrungen ist, kann man erleben, dass der Verstand keine Vorstellungen oder Illusionen aus sich selbst mehr hervorbringt; denn dann hat er die Gesamtheit seines eigenen Wesens erfasst und wird klar, einfach und ruhig.

Dieser Vorgang währt nicht nur einen Augenblick; er ist vielmehr etwas Dauerndes und Lebendiges, wie ein beständiges Schärfen des Geistes. Und während er sich abspielt, ist unser Geist schon nicht mehr so, wie er war. Er bringt keine Vorstellungen, Erscheinungen, Täuschungen und Illusionen mehr hervor. Und dann erst, wenn der Sinn vollkommen ruhig und still geworden ist, besteht die Möglichkeit, etwas zu erleben, was nicht aus ihm selber kommt. Es erfordert jedoch mehr als die Anstrengung eines Tages, mehr als rein zufällige Beobachtung oder das Anhören eines einzelnen Vortrages; es erfordert langsames Reifen, tief gehendes Forschen und einen großen, weiten und vollkommen einheitlichen Ausblick. Dann wird der Mensch, den so viele Einflüsse und Forderungen treiben und so viele Ängste hemmen, erst frei zum Untersuchen und Erleben.

Nur ein solcher Mensch ist wahrhaft religiös – nicht aber jemand, der an Gott glaubt oder nicht glaubt. Ein Mensch, der zahllose Glaubenssätze hat, der sich anschließt, nachfolgt, zustimmt oder ableugnet, kann niemals erkennen, was wahr ist. Daher ist es für alle, die ernsthaft um die Wohlfahrt der Menschheit besorgt sind, von so hoher Bedeutung, ihre Zugehörigkeit zu bestimmten Organisationen und ihre besonderen Eitelkeiten beiseitezusetzen und tief in sich selber zu forschen.

Denn Religion ist im Grunde weder Dogma noch Glauben; religiös sein bedeutet nicht, in die Kirche zu gehen und bestimmte Bräuche zu befolgen. Das ist nicht Religion. Das ist nur eine Erfindung der Menschen, um andere zu beherrschen. Will man herausfinden, ob es eine Wirklichkeit jenseits unseres absurden und kindischen Denkens gibt, so muss man all dies ablegen, was für viele Menschen sehr schwer ist, weil sie Sicherheit und Hoffnung im Glauben finden. Will man also untersuchen, ob es eine Wirklichkeit gibt, und ob man etwas über seinen Verstand hinaus erleben kann, so muss man jede Form von Sicherheit aufgeben und sich von allem Streben nach Zuflucht entäußern.

Nur ein so geläuterter Mensch kann etwas erleben, was jenseits liegt.

Mir sind allerlei Fragen vorgelegt worden, und ich will versuchen, einige davon zu beantworten. Oder besser, wir wollen zusammen versuchen, die Probleme zu entwirren. Denn ein Problem hat nicht nur eine Antwort oder eine Lösung. Wenn wir auch glauben mögen, jedes Problem habe nur eine Lösung, werden wir doch feststellen müssen, dass das Suchen nach einer Lösung nur neue Probleme schafft. Können wir dagegen ein Problem an sich untersuchen, ohne direkt auf seine Lösung bedacht zu sein, dann werden wir entdecken, dass die Antwort im Problem selber enthalten ist. Daher ist es so wichtig, wie man an jedes Problem herangeht. Man muss jedem Problem, das man verstehen will, seine volle Aufmerksamkeit zuwenden, kann es jedoch nicht, solange man noch nach der Lösung oder Antwort sucht.