Hamburg 1956, Rede 1, Frage 1

Frage: Wir sind voll von Erinnerungen an den letzten Krieg mit all seinen Schrecken. Können wir unseren Sinn je von der Vergangenheit befreien und neu anfangen?

Krishnamurti: Das Problem ›Vergangenheit‹ ist sehr verwickelt, nicht wahr? Wir sind voll von Erinnerungen, angenehmen und unangenehmen; die unangenehmen, schmerzlichen oder schrecklichen weisen wir ab und wollen alle angenehmen behalten. Das tun wir beständig, nicht wahr? Wir halten an den schönen Erinnerungen unserer Jugend fest, an allem, was wir gelesen und erlebt haben, was für uns Anregung und Bedeutung enthält; und alles Schmerzliche, Traurige, Unangenehme oder Aufregende verwerfen wir. So teilen wir unsere Erinnerungen in erfreuliche und unerfreuliche ein und sind hauptsächlich darauf bedacht, wie wir die unerfreulichen abweisen und beiseite werfen und an den erfreulichen festhalten können. Doch solange wir unsere Erinnerungen so einteilen und die unangenehmen zu entfernen suchen, werden wir in Konflikt leben, – innerem wie äußerem.

Ich weiß nicht, ob ich mich deutlich genug ausdrücke. Unser Sinn ist voll von Erinnerungen, er besteht nur aus Gedächtnis. Es gibt keinen Verstand ohne seine Erinnerungen an die Vergangenheit, an alles, was er gelernt, erfahren, durchlebt und gelitten hat. Unser Sinn ist – bewusst oder unbewusst – Gedächtnis. Er hat erfreuliche und unerfreuliche Erinnerungen und will alle unangenehmen abweisen; daher ist ein beständiger Konflikt im Gange, um das Wünschenswerte zu behalten und das Unerwünschte zu beseitigen. Wir müssen aber zu verstehen suchen, wie wir unser Verlangen, bestimmte Erinnerungen zu behalten und andere abzulegen, ausschalten können; denn dadurch entsteht unser Konflikt. Es ist bedeutsamer, sich des Konflikts zwischen den verschiedenen Erinnerungen bewusst zu werden, als die Frage aufzuwerfen, wie man sich von bösen Erinnerungen befreien soll; außerdem wichtig zu erkennen, warum unser Sinn überhaupt Erinnerungen ansammelt und an ihnen festhält.

Selbstverständlich braucht man sein Gedächtnis zum Leben in dieser Welt; ich muss wissen, wie ich wieder nach Hause zurückfinde, und so weiter. Aber diese Art Gedächtnis bietet kein Problem für uns. Unsere Frage lautet: wie kann ich mich von schmerzlichen und zerstörenden Erinnerungen befreien und nur die für mich bedeutsamen, zweckerfüllenden und erfreulichen behalten? Warum klammert man sich aber an die eine Art und will die andere abweisen? Bitte folgen Sie mir jetzt: was geschähe, wenn man an seinen guten Erinnerungen nicht festhielte? Gesetzt den Fall, man hätte keinerlei angenehme, hoffnungsvolle und erfreuliche Erinnerungen an seine Erlebnisse, dann würde man sich nicht als Mensch fühlen, dann wäre man vollkommen verloren, – ein Nichts! Das ist der Grund, weshalb man sich an seine erfreulichen Erinnerungen klammert; ohne sie wäre man völlig einsam und verzweifelt.

Das Problem lautet also nicht: wie kann man sich von seinen unangenehmen Erinnerungen, von allen Schrecken der Vergangenheit befreien, – ich halte das für ziemlich einfach. Wenn man die Vergangenheit bewusst auslöschen will, kann man es verhältnismäßig leicht erreichen. Es ist jedoch viel schwieriger und erfordert mehr Nachdenken und Forschen, will man in den gesamten Gedächtnisvorgang eindringen, – nicht nur in die bewussten Schichten seines Gedächtnisses, sondern auch in die tiefen, die unser Leben beeinflussen.

Schließlich ist auch, abgesehen von den Kriegserinnerungen mit all ihrer Grausamkeit, tief in uns die Tatsache verankert, dass wir uns Deutsche, Christen oder Hindus und so weiter nennen; auch das ist Teil unseres Gedächtnisses. Es verleiht uns ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und Kameradschaft, der Gleichheit und Ermutigung. Muss man nicht auch davon frei werden, um über die Reaktionen seines Gedächtnisses und sein Leben in der Vergangenheit hinaus vordringen und in Freiheit forschen zu können?

Sehen Sie, Erinnerungen bringen nichts Neues in unser Leben. Das Gedächtnis ist nichts als ewige Vergangenheit, und alles, was es hervorbringt, ist stets alt, niemals neu! Um etwas vollkommen Neues erleben zu können, muss unser Sinn außerordentlich ruhig werden; und unser Gedächtnis darf nicht mehr wünschen und reagieren, sondern muss sich still und untätig verhalten.