Hamburg 1956, Rede 1, Frage 2

Frage: Wir haben genug vom Kriege. Wir wollen Frieden. Wie können wir einen neuen Krieg verhüten?

Krishnamurti: Ich glaube, die Antwort hierauf ist nicht so einfach, denn ein Krieg hat vielerlei Ursachen. Solange es Nationalismus gibt, solange man Deutscher, Russe, Christ, Hindu oder Buddhist ist und an seiner eigenen, sich abschließenden Religion, Nationalität und Souveränität festhält, muss es Krieg geben. Solange man ehrgeizig ist, an der Spitze der Gesellschaft stehen will, Erfolg anbetet und nach ihm strebt, muss es zum Kriege kommen.

Wir werden ja so erzogen. Wir werden dazu erzogen, mit anderen in Wettbewerb zu treten, ehrgeizig und erfolgreich zu werden und uns dem Vaterlande, der Regierung oder einer Religion anzuschließen. Daher bildet unsere Erziehung uns ausschließlich zum Kriege aus. Und kann man es als Mensch, als Einzelwesen ändern? Wäre es denkbar, dass man als Individuum aufhört, ehrgeizig zu sein, aufhört, sich als Deutscher oder Christ zu fühlen? Oder besser, könnte man sich nicht ausschließlich um die Wohlfahrt der Menschheit kümmern, ohne einer besonderen Religion, einer Ideologie oder Gruppe – wie den Kommunisten oder Sozialisten – anzugehören?

Solange wir an eine bestimmte Gruppe oder Idee gebunden sind, solange wir ehrgeizig und erfolgshungrig sind, werden wir unfehlbar zum Kriege beitragen; wenn auch vielleicht nicht zu einem zerstörenden Kriege, so doch zum Konflikt unter uns, unter einander, was ebenfalls eine Art Krieg ist. Ich glaube nicht, dass wir das erkennen. Oder wir nehmen es nicht ernst genug. Wir suchen nach einem Wunder, wie man allen Kriegen ein Ende bereiten könne, wollen aber gleichzeitig in der heutigen Gesellschaftsform weiterleben und Geld, hohe Stellungen, Macht, Ansehen und Ruhm erwerben. Das ist unsere Schablone, und solange wir sie in unserem Sinn und Herzen tragen, werden wir notwendigerweise Kriege herbeiführen.

Schließlich ist der Krieg nichts anderes als die katastrophale Auswirkung unseres täglichen Lebens, und wir können keinen Krieg durch Gesetzgebung, Verordnungen oder Kontrollen verhüten, solange wir unser tägliches Leben nicht von Grund auf ändern. Wo ist also Frieden? In unserem Sinn, in unserer Lebensweise? Oder in Regierungsvorschriften, im Völkerbund und so weiter? Liegt Frieden im Herzen oder woanders? Ich fürchte, für die meisten Menschen herrscht Frieden nur infolge von Gesetzgebung und Regierung. Wir beschäftigen uns niemals mit dem Frieden in unserem Herzen und Sinn. Man kann aber unmöglich Frieden im Herzen tragen, wenn man sich als Deutscher, Hindu, Russe oder Engländer fühlt, wenn man ehrgeizig ist, wetteifert oder danach strebt, etwas in dieser tollen Welt zu bedeuten.

Friede kommt erst, wenn man all das versteht und sich nicht mehr bemüht, etwas in einer schon verdorbenen Gesellschaft zu erreichen. Nur ein friedvoller Mensch, der Verständnis erlangt hat, kann der Welt Frieden bringen.