Hamburg 1956, Rede 2, Teil 1

Es ist, glaube ich, sehr wichtig, während man einem anderen zuhört, gleichzeitig zu prüfen, ob das, was man hört, auch wahr ist; und das kann geschehen, wenn man es unmittelbar zu erleben sucht. Es hat durchaus keinen Sinn, jemandem zuzuhören und später zu erörtern, ob das, was man gehört hat, richtig oder falsch sei. Sollte es nicht möglich sein, jemandem mit der Absicht zuzuhören, es selber herauszufinden? Vielleicht können wir heute einmal zusammen untersuchen, ob man an den sehr verwickelten Vorgang des Selbst-Vergessens herangehen kann.

Wir alle haben irgendwann einmal den Zustand erlebt, in dem unser Ich mit seinen streitlustigen Forderungen völlig verstummte und wir uns ohne jede Willensäußerung außerordentlich ruhig verhielten; – einen Zustand, bei dem man vielleicht etwas wirklich Außergewöhnliches, Unermessliches erleben kann, das sich unmöglich in Worte fassen lässt. Sicherlich haben wir alle in seltenen Augenblicken so etwas erlebt, als unser Ich mit seinen Erinnerungen, Sorgen und Ängsten nicht mehr bestand. In diesem Zustand ist man ohne jeden Antrieb oder Zwang und bekommt oder erlebt ein erstaunliches Gefühl unermesslicher Weite, ein Gefühl von Raum und Dasein.

Das muss vielen Menschen schon widerfahren sein. Und ich glaube, es wäre nützlich und wertvoll für uns, auf dieses Problem gemeinsam einzugehen und zu prüfen, ob es nicht möglich ist, unser stets begrenzendes, einschließendes und beschränkendes Ich aufzulösen, unser Ich, das sich in Sorgen und Ängsten verzehrt, das beherrscht und sich beherrschen lässt, das zahllose Erinnerungen und Tugenden hegt und auf jede Weise versucht, etwas zu werden und seine Wichtigkeit zu betonen. Ich weiß nicht, ob Sie je beachtet haben, wie man sich ständig bemüht, sich selbst zum Ausdruck zu bringen, etwas zu sein, wie zum Beispiel tugendhaft oder sittlich gut, gesellschaftlich oder wirtschaftlich prominent. All das bringt ein gut Teil Streben mit sich; und so ist unser ganzes Leben ein fortdauernder Kampf danach, etwas zu erreichen, zu erlangen oder etwas darzustellen. Und in dem Maße wie wir kämpfen, wird unser Ich mit seinem Ehrgeiz, seinen Begrenzungen, Ängsten und Hemmungen immer bedeutungsvoller und übertriebener. Es muss auch Zeiten gegeben haben, da man sich selber fragte, ob es nicht denkbar sei, ganz ohne sein Ich zu existieren.

Schließlich kennt man in seltenen Augenblicken das Empfinden ohne Ich. Ich spreche hier nicht von der Umwandlung des Ich auf höherer Ebene, sondern einfach von dem Aufhören, Verstummen des Ich mit seinen Ängsten und Sorgen, – von seiner Abwesenheit. Sobald man erkennt, dass dies eintreten kann, fängt man an, sein Ich absichtlich und bewusst beiseitezusetzen. Das versuchen nämlich alle organisierten Religionen; jeder Gläubige soll sich mit etwas Höherem identifizieren, sich darin verlieren und vielleicht diesen außergewöhnlichen Zustand erreichen oder verwirklichen. Ist man nicht religiös gesinnt, so identifiziert man sich mit dem Staate oder seinem Vaterlande und verliert sich darin, um sich selbst zu vergessen. Bei solchem Identifizieren hört man selber auf zu bestehen, und das Vaterland, das so viel größer als man selber ist, schließt den einzelnen in seine Größe mit ein. Oder aber man stürzt sich in soziale Tätigkeit, – wiederum in derselben Absicht, weil man fühlt, dass man vielleicht Glück und Segen, die über das rein Physische hinausgehen, erleben könnte, wenn man sich selbst vergisst, sein Ich verleugnet, aus dem Wege schafft und sich etwas Großem und Wesentlichem widmet. Schließlich, wenn man nichts von alledem tut, hofft man doch, durch Ausüben von Tugend, Disziplin, Zwang und beständige Übungen den Gedanken an sich selbst ein Ende zu bereiten.

Das alles deutet aber darauf hin, dass man unentwegt Anstrengungen macht, etwas zu werden. Ich weiß nicht, ob Sie es je erwogen haben; aber hören Sie sich bitte alles an, ohne im Augenblick darüber nachzudenken, wie Sie es machen sollen. Lassen Sie uns gemeinsam den ganzen Vorgang untersuchen und sehen, ob man nicht sein Ichgefühl auslöschen und vernichten kann, – ohne angstvolle und beschränkende Disziplin, ohne gewaltige Anstrengung, seinen Ehrgeiz und seine Wünsche unterdrücken zu müssen, ohne den Kampf der Entsagung, um etwas Wirkliches dafür zu erreichen. Das halte ich für den eigentlichen Kernpunkt. Denn jede Anstrengung schließt doch einen Beweggrund ein, nicht wahr? Nehmen Sie zum Beispiel mein Streben, mich mit einem heiligen Brauch oder einer Ideologie zu identifizieren, weil mich das Denken an mich selber unglücklich macht. Ich sage, ich muss mich selber vergessen; ich habe das Gefühl, dass ich ruhiger und gelöster bin, wenn ich an etwas anderes denke, es ist, als ob ich dann alles anders sehe. Daher meine Anstrengung, mich selber zu vergessen; und hinter ihr steht mein Beweggrund, nämlich die Flucht vor mir selber, weil ich leide. Mein Bemühen hat also einen Antrieb, der wiederum Teil meines Selbst ist. Ein anderes Beispiel ist der fromm religiöse Mensch oder ein Mönch; sein Beweggrund treibt ihn zum Verzicht auf diese Welt, um etwas Besseres zu erreichen, und er identifiziert sich mit dem Höheren; das ist aber immer noch der Ichvorgang, nicht wahr? Selbst wenn er seinen Namen fallen lässt und nur noch eine Nummer in einem religiösen Orden ist, bleibt der Antrieb derselbe.