Hamburg 1956, Rede 2, Teil 2

Ist es nun denkbar, sein Ich zu vergessen ohne jeden Beweggrund? Denn ich erkenne sehr wohl, dass alle Motive immer wieder den Keim des Ichgefühls in sich tragen, – des Ich, das sich aus so vielen Ängsten und Hemmungen, aus Ehrgeiz, Furcht vor dem Nicht-Sein und dem gewaltigen Trieb nach Sicherheit zusammensetzt. Kann man all das so leicht und mühelos ablegen? Das heißt aber, kann man in dieser Welt als Individuum leben, ohne sich mit irgendetwas zu identifizieren? Denn ich identifiziere mich ja mit Vaterland, Religion, Familie und Namen nur, weil ich sonst nichts bin. Ohne Stellung, Macht und Ansehen irgendwelcher Art fühle ich mich verloren; darum fange ich an, mich mit meinem Namen, meiner Familie und Religion zu identifizieren, ich trete Organisationen bei oder werde Mönch – wir alle kennen die verschiedenen Formen des Identifizierens.

Man muss hierüber nachdenken und sich den stillschweigenden Folgerungen zuwenden, die jeweils beim Identifizieren miteingeschlossen sind. Wenn Sie nun nicht nur meine Worte anhören, sondern zugleich auf die Andeutungen achten, die bei Ihrem eigenen Identifizieren mit anklingen, und wenn Sie es wirklich ernst damit meinen, können Sie entdecken, dass man sehr wohl in dieser Welt ohne den Alpdruck des Identifizierens und den Kampf um Erfolg leben kann. Dann, glaube ich, bekommt auch alles Lernen und Wissen eine ganz andere Bedeutung. Jetzt bedienen wir uns unseres Wissens nur zur besseren Identifizierung und zur Ausdehnung unseres Ich, – sei es in nationaler, religiöser oder sonstiger Hinsicht. Das Identifizieren mit unserem Wissen ist für uns nur eine andere Form des Ichbewusstseins, eine Fortsetzung unseres Kampfes, etwas zu werden, und bringt uns nichts als Elend und Schmerz.

Wenn wir also ganz einfach und direkt alles betrachten, was hierin miteingeschlossen liegt, wenn wir sehen, wie unser Verstand arbeitet und worauf unser Denken basiert ist, – nichts annehmen, sondern uns nur der Tätigkeit unseres Ich bewusst werden, – dann können wir die großen Schwierigkeiten und den enormen Widerspruch im Identifizieren bemerken. Schließlich identifiziere ich mich mit meinem Vaterlande, oder vielleicht auch mit einem Helden oder einem Heiligen, weil ich mich leer, einsam und elend fühle, und bekomme dadurch ein Gefühl des Wohlbehagens und der Macht. Wenn ich nun wirklich tief in diesen Prozess eindringe, erkenne ich, dass die gesamte Bewegung meines Denkens in der einen oder anderen Form auf das Fortleben meines Ich eingestellt ist. Alle meine Handlungen, auch die nobelsten, beruhen im wesentlichen auf dem Verlangen oder Streben nach der Fortdauer meines Ich.

Im Augenblick, da ich dies durchschaue, sehe, dass es wahr ist, und es mit meinem ganzen Wesen empfinde, bekommt Religion eine andere Bedeutung. Dann ist Religion nicht mehr das Identifizieren meiner Person mit Gott, sondern vielmehr ein Zustand, in dem es nur noch Wirklichkeit ohne das Ich gibt. Das lässt sich aber nicht in Worte fassen oder einfach nachsprechen wie so manche Phrasen.

Daher erscheint es mir so ungeheuer wichtig, tief in sich selbst einzudringen, nichts blind anzunehmen, sondern nach Selbsterkenntnis zu streben; dann kann man keine Täuschungen und Illusionen mehr hervorbringen, noch sich selbst mit Fälschungen und Visionen betrügen. Nur so, glaube ich, besteht die Möglichkeit, dem einengenden Ich-Vorgang ein Ende zu bereiten, was man nie durch Zwang oder Disziplin erreichen kann; denn je mehr man sein Ich kontrolliert, desto stärker wird es. Wenn man anfängt, die Wege, Absichten, Motive und Richtungen seines Denkens wirklich zu verstehen, wenn man geduldig und tief genug auf alles eingeht und in keiner Weise voreingenommen ist, dann gelangt man in einen Zustand, in dem kein Identifizieren und daher keine Anstrengung, etwas zu werden, mehr stattfindet. Das ist Wirklichkeit, denn dort hört das Ich zu bestehen auf.

Die meisten Menschen haben eine Schwierigkeit: wenn sie einen derartigen Zustand einmal flüchtig, vorübergehend erfahren haben, klammern sie sich an das Erlebnis und wollen es wiederholen; aber gerade ein solcher Wunsch ist schon wieder Teil des Ichvorgangs. Deshalb ist es so wichtig für alle, die in diesen Dingen wirklich ernsthaft sind, sich ihres Denkens, aller ihrer Beweggründe und gefühlsmäßigen Reaktionen voll bewusst zu werden; nicht aber zu sagen: »ich kenne mich ganz genau«, denn niemand kennt sich. Das Ich ist etwas sehr kompliziertes. Vielleicht kennt man seine Reaktionen und Motive auf der Bewusstseinsebene, an der Oberfläche; um aber in die Gesamtheit, in das volle Wesen des Ich einzudringen, muss man unentwegt, beharrlich und außerordentlich tief forschen, – und das ist eine Form von Meditation.

Aus diesem Grunde kann man die unermessliche Wirklichkeit weder durch eine Organisation oder eine Kirche noch durch ein Buch, einen Menschen oder einen Lehrer finden. Man muss sie selber entdecken; und das bedeutet, dass man völlig allein und unbeeinflusst sein muss. Wir alle sind das Ergebnis so vieler Einflüsse und stehen unter großem Druck, – bewusst oder unbewusst. Darum ist es sehr bedeutsam, dass man jeden Einfluss und jeden Druck erkennt und sich von allem loslöst, so dass der Sinn sehr klar und einfach wird. Dann kann man vielleicht etwas erleben, was sich nicht in Worte fassen lässt.