Hamburg 1956, Rede 2, Frage 1

Frage: Gestern haben Sie gesagt, Autorität sei vom Übel. Warum?

Krishnamurti: Ist nicht alles Nachfolgen vom Übel? Warum folgen wir einer Autorität? Weshalb stellen wir Autoritäten auf? Warum nimmt der Mensch so leicht Autorität an, wie die der Regierung, der Religion und alle möglichen anderen?

Autorität entsteht nicht von selber, wir schaffen sie. Wir schaffen anmaßende, tyrannische Machthaber und herrschsüchtige Priester mit ihren Göttern, ihren heiligen Bräuchen und Glaubenssätzen. Wodurch werden wir zu Nachfolgern? Offenbar, weil wir Autoritäten aufstellen. Und warum schaffen wir Autorität? Weil wir alle nach Sicherheit und Macht streben, weil wir Ansehen und hohe Stellung suchen, die der Führer oder der Geistliche, das Vaterland oder die Regierung uns anbieten. Oder aber wir erschaffen ein Abbild der Autorität und folgen diesem. Die Kirche ist genauso herrschsüchtig wie politische Führer; trotzdem beugt man sich willig kirchlicher Autorität und lehnt die Tyrannei einer Regierung ab.

Untersuchen wir einmal den gesamten Vorgang des Folgens; meiner Ansicht nach können wir leicht erkennen, dass wir in erster Linie aus Verwirrung folgen: wir wollen von einem anderen hören, was wir tun sollen. Und weil wir selber verwirrt sind, können wir nicht umhin, anderen zu folgen, die ebenfalls verwirrt sind, wenn sie uns auch versichern, dass sie Abgesandte Gottes oder des Staates seien. Wir folgen also aus Verwirrung, wir wählen unsere Führer und unsere Religion wie alles andere aus Verwirrung, und so schaffen wir nur neues Elend, neue Konflikte und Kämpfe.

Aus diesem Grunde ist es so außerordentlich wichtig, dass wir unsere Verwirrung selber erkennen und nicht andere um Hilfe und Klarheit bitten. Denn wie kann ein verwirrter Mensch wissen, was falsch ist, und selber das Wahre und Rechte wählen? Zuerst muss er seine eigene Verworrenheit klären. Hat er sie aber geklärt, dann besteht keine Wahl und dann folgt er auch keinem anderen mehr.

Wir folgen also, weil wir nach wirtschaftlicher, sozialer oder religiöser Sicherheit streben; denn danach suchen wir überall, – in dieser Welt wie im Jenseits. So stellen wir selber alle möglichen Autoritäten auf; die Regierung, den Herrscher, die Kirche oder das Abbild. Solange wir nachfolgen wollen, stellen wir Autoritäten auf, und diese werden schließlich zum Übel. Da wir uns all dem so vollkommen und gedankenlos überliefert haben, wollen wir nichts anderes mehr als uns sichern: in Bezug auf Mammon wie auf Gott.

Ich glaube, es ist sehr wichtig, auf diese Frage einzugehen und zu erfassen, warum wir so großes Gewicht auf das Nachfolgen legen; und zwar nicht nur in Bezug auf religiöse und politische Führer, sondern auch auf das, was man in Zeitungen, Büchern und Zeitschriften liest, in Bezug auf alles Gedruckte und die Autorität der Spezialisten. Es deutet doch nur darauf hin, dass man unsicher ist und sich davor fürchtet, anders als die Führer zu denken, denn man könnte ja seine Stellung verlieren, in Bann getan, exkommuniziert oder in ein Lager gesteckt werden. So unterwirft man sich lieber, denn jeder Mensch hat den inneren Drang, das Verlangen nach Sicherheit. Solange wir jedoch nach Sicherheit streben – in unserm Besitz, unserer Macht und unserem Denken –, brauchen wir Autorität und müssen zu Nachfolgern werden; hierin liegt das Übel. Und es führt zu nichts. Ein Mensch, der ernsthaft Gott oder die Wahrheit suchen will, darf weder die Autorität von Büchern und Regierungen, noch die der Priester und Religionen anerkennen; er muss vollkommen frei von allem sein.

Für die meisten Menschen ist das sehr schwer, denn es bedeutet, ganz allein und ohne jede Sicherheit dazustehen, zu suchen und zu tasten, sich niemals zufrieden zu geben, und nie nach Erfolg zu streben. Nur dann, wenn man nicht mehr nachfolgt und keinerlei Autorität mehr aufstellt, kann man selber herausfinden, dass etwas anderes am Werke ist, – etwas, das sich nicht mit Worten beschreiben lässt, wohl aber besteht. Denn ein Mensch, der keine Autorität anerkennt, der keiner Tradition, keinem Lehrer oder Buche folgt, wird sich selbst zur Leuchte.