Hamburg 1956, Rede 2, Frage 2 und 3

Frage 2: Warum legen Sie so viel Nachdruck auf Selbsterkenntnis? Wir wissen sehr gut, was wir sind.

Krishnamurti: Wissen wir wirklich so gut, was wir sind? Wir sind doch schließlich nichts anderes als das, was wir gelernt haben; wir sind die Summe unserer Vergangenheit, eine Masse, ein Bündel von Erinnerungen, nicht wahr? Wenn man sagt: »ich gehöre Gott« oder »das Ich ist unvergänglich, ewig«, dann spricht daraus unsere Tradition, unsere Bedingtheit. Ein Kommunist sagt: »es gibt keinen Gott«, und das ist Teil seiner Bedingtheit.

Es ist durchaus nicht leicht, tatsächlich zu wissen, – nicht nur die Worte nachzusprechen, sondern wirklich zu erkennen, – dass unser gesamtes Wesen nichts als ein Bündel von Erinnerungen ist, dass alles Denken und Reagieren mechanisch verläuft; kann man das erleben, dann wird man nicht mehr oberflächlich behaupten: »Ich kenne mich selber sehr gut«. Es ist wirklich sehr schwierig, nicht nur auf der bewussten Ebene, sondern in der Tiefe alle unbewussten Rückstände, Rasseneindrücke, Erinnerungen und alles Gelernte aufzudecken, das gesamte sichtbare und verborgene Geistesgebiet zu erforschen und ins Bewusstsein zu bringen. Wenn aber mein Wesen und Denken nichts anderes ist als der Rückstand meiner Vergangenheit und Erziehung, meiner Erinnerungen, Lehren, Eindrücke und Einflüsse, gibt es dann überhaupt etwas in mir, das nicht dazu gehört? Denn solange ich nur eine mechanische Wiederholungsmaschine bin, – was die meisten Menschen sind –, nur wiederhole, was ich gelernt oder gesammelt habe und es weitergebe, muss jeder Gedanke, der auf einem derart bedingten Gebiet entsteht, offenbar zu neuer Bedingtheit, zu Beschränkung und Elend führen.

Das Problem lautet also: kann unser Geist in der Kenntnis seiner Grenzen und im Bewusstsein seiner Bedingtheit über sich selbst hinausgehen? Es wäre töricht, hier zu behaupten: er kann es, oder er kann es nicht. Sicherlich geht ziemlich deutlich daraus hervor, dass unser gesamtes Wesen bedingt ist. Wir alle sind durch Tradition, Familie, Erfahrung und Zeit bedingt. Wenn Sie sagen: »Ich glaube an Gott«, ist es Ihre Bedingtheit; und wenn ein anderer behauptet: »Ich glaube nicht an Gott«, so ist es die seine. Daher hat Glaube oder Unglaube sehr wenig Bedeutung. Wichtig ist es dagegen, das Denkgebiet zu erforschen und zu untersuchen, ob man nicht darüber hinausgehen kann.

Will man aber darüber hinausgelangen, so muss man sich selber erkennen mit all seinen Trieben, Motiven, Reaktionen und dem gewaltigen Druck dessen, was man von anderen gelernt hat; Träume, Zwangsvorstellungen, Hemmungen, verborgene und bewusste Triebe – alle muss man kennen. Erst dann, glaube ich, kann man erfahren, ob unser Sinn, der jetzt so mechanisch arbeitet, imstande ist, etwas vollkommen Neues, etwas von der Zeit Unbeflecktes zu entdecken.

Frage 3: Sie sagen, wahre Religion bestehe weder aus Glauben noch aus Dogma oder Zeremonien, Was ist dann wahre Religion?

Krishnamurti: Wie wollen Sie es anfangen, das selber zu untersuchen? Meine Antwort hat bestimmt wenig Wert für Sie. Wie soll ein Mensch selber herausfinden, was wahre Religion ist? Wir alle wissen, wen wir ›religiös‹ nennen, – einen Menschen, der Dogmen und Glaubenssätze hat, Zeremonien ausübt, Yoga-Übungen macht, meditiert oder sich stark diszipliniert; Sie kennen wahrscheinlich die ganze Stufenleiter des so genannt religiösen Zugangs. Ist das wirklich Religion? Und wenn ich nun herausfinden will, was wahre Religion ist, wie soll ich es anfangen?

Offenbar muss ich zuerst einmal von allem frei sein, nicht wahr? Frei von allen Dogmen, – und das ist außerordentlich schwer. Denn gesetzt den Fall, ich bin schon frei von Dogmen, die mir in meiner Kindheit auferlegt worden sind, so kann ich mir vielleicht meine eigenen Glaubenssätze geschaffen haben, was genauso verderblich ist. Ich muss von allem frei sein, kann es aber nur werden, wenn ich keinerlei Verlangen nach Sicherheit in Gott oder in der Welt mehr habe. Das ist ebenfalls außerordentlich schwer, denn unser Sinn sucht in der Tiefe heimlich und verstohlen stets nach Sicherheit. Ich muss auch frei sein von allen Vorstellungen, die auf meinem Denken wie eine Bürde lasten: dem Erlöser oder Lehrer, den Vorschriften, Aberglauben und Heiligenbildern, die Sinn oder Hand erzeugt haben. Dann erst kann ich herausfinden, was es heißt, wahrhaft religiös zu sein, und das ist, wie ich glaube, eine ganz große Umwälzung. Die einzig wahre Revolution ist nicht die wirtschaftliche oder kommunistische, sondern die wirklich religiöse, – die Wandlung, die uns nicht mehr bei Dogmen und Glaubenssätzen, in keiner Kirche und bei keinem Lehrer, Buch oder Erlöser Zuflucht suchen lässt. Eine solche Revolution in unserem Denken ist die wahrhaft religiöse.

Und ich glaube, eine derartige Wandlung hat ungeheure Bedeutung für die Welt, denn dann hält man nicht mehr an Ideologien fest und gehört weder zum Westen noch zum Osten. Die religiöse Revolution ist zweifellos die einzige Rettung.

Will man sie aber wirklich finden, so darf man sich nicht nur einen Tag lang anstrengen und suchen, um es am nächsten wieder zu vergessen, sondern muss unaufhörlich forschen, bis zur Beunruhigung und bis man beginnt, alles über Bord zu werfen. Der Vorgang des Abwerfens ist nämlich die höchste Form des Denkens, während das Streben nach positivem Denken eigentlich nichts anderes als ein Nachahmen ist. Der negative Zugang, das Forschen ohne Beweggrund, ohne Verlangen nach Ergebnis, das bloße gedankliche Folgen und Abwerfen ist die höchste Form des Entdeckern.

Bei solchem Forschen geht man über alle traditionelle Religion hinaus, und dann kann man vielleicht selber herausfinden, was Gott oder Wahrheit ist.