Hamburg 1956, Rede 3, Teil 1

Ich bin überzeugt, dass wir Sinn und Bedeutung der Individualität nicht voll erfassen. Denn, wie ich neulich schon sagte, darf man, wenn man eine grundlegende religiöse Umwandlung herbeiführen will, nicht in universellen oder kollektiven Begriffen denken. Etwas, das zum Allgemeingut erhoben wird, das allen Menschen zu eigen gemacht wird, kann niemals wahr sein, – wahr im Hinblick auf eine direkte, unbeeinflusste, nicht selbstsüchtige Erfahrung des Einzelnen. Ich fürchte, wir erkennen nicht ernsthaft genug, dass alles wirklich Wahre ganz individuell erlebt werden muss; individuell, nicht in der Bedeutung selbstsüchtigen Interesses, das begrenzt und tatsächlich vom Übel ist, sondern in dem Sinne, dass jeder Mensch selber und unbeeinflusst etwas erleben muss, was keinem selbstsüchtigen Drange entspringt.

In der heutigen Welt lässt sich beobachten, wie alles zum kollektiven Denken neigt: alle Menschen denken gleich. Staat und Regierung arbeiten im stillen unermüdlich daraufhin, obgleich sie äußerlich keinen Zwang ausüben. Organisierte Religionen kontrollieren und formen unser Denken nach ihrem Schema und hoffen, universelle Erfahrungen und universelle Moral dadurch einzuführen. Ich glaube aber, dass ein Allgemeingut niemals wahr sein kann; es ist immer verdächtig und hat seine Lebendigkeit, seine Direktheit und Wahrheit eingebüßt. Da man die Neigung zur Formung und Beherrschung des menschlichen Denkens in der ganzen Welt wahrnehmen kann, wird es außerordentlich schwer, sich von der universellen Denkungsart frei zu machen und sich grundlegend zu ändern, ohne dabei selbstsüchtig zu werden.

Meiner Ansicht nach müssen wir eine radikale Wandlung in unserem Denken und Fühlen erfahren. Will man eine Veränderung herbeiführen, so geht man im allgemeinen so vor, dass man Ideale oder soziale, wirtschaftliche und wissenschaftliche Gesetze zu Hilfe nimmt. Diese können zwar oberflächliche Veränderungen bewirken, aber davon spreche ich hier nicht. Ich spreche von einer unbeeinflussten Wandlung ohne jedes selbstsüchtige Interesse, und ich glaube fest, dass sie nicht nur möglich, sondern notwendig ist, wenn wir die religiöse Revolution, von der ich gesprochen habe, herbeiführen wollen.

Können Ideale dem Menschen helfen, sich zu ändern? Oder sind sie eher Hindernisse für grundlegenden Wandel? Wir glauben, Ideale seien notwendig; helfen sie uns wirklich, uns zu ändern, oder hindern sie uns nur, weil sie Aufschub bedeuten, weil sie unsere Umwandlung in die Zukunft projizieren und bewirken, dass wir jede unmittelbare, radikale Veränderung aufgeben? Ich weiß, dass die meisten Menschen den Idealen sehr hohe Bedeutung beimessen; ohne sie würden wir stillstehen, verrotten und hätten keinen Antrieb, uns zu ändern. Ich möchte aber durchaus in Frage stellen, dass Ideale unser Denken tatsächlich umwandeln können.

Wozu brauchen wir Ideale? Wozu brauche ich zum Beispiel das Ideal der Gewaltlosigkeit, wenn ich gewalttätig bin? Ich weiß nicht, ob Sie je darüber nachgedacht haben. Welchen Zweck hat das Ideal der Gewaltlosigkeit für mich, wenn ich gewalttätig bin, – und die meisten Menschen sind es in verschiedenem Grade. Soll das Streben nach Gewaltlosigkeit uns von Gewalt befreien? Ist das Streben nach Gewaltlosigkeit nicht eher ein Hindernis für das Verständnis von Gewalt? Am Ende kann ich das Wesen der Gewalttätigkeit nur verstehen, wenn ich dem Problem meine ungeteilte Aufmerksamkeit zuwende. Welche Bedeutung hat aber Gewaltlosigkeit, wenn mein Denken sich völlig in das Problem ›Gewalt‹ vertieft hat, um es ganz zu verstehen? Ich glaube, dass das Streben nach Gewaltlosigkeit nur Ausweichen und Aufschieben bedeutet, wenn man gewalttätig ist. Will ich das Problem ›Gewalt‹ verstehen, so muss ich mein ganzes Denken darauf richten und mich nicht durch das Ideal der Gewaltlosigkeit ablenken lassen.

Wir erkennen also, wie wichtig das Aufgeben von Gewalt ist. Wie kann ich mich aber als Individuum nicht nur an der Oberfläche, sondern innerlich vollkommen von Gewalt befreien? Kann mir die Analyse der Struktur helfen, Gewalt aufzugeben? Und wenn ich die Ursachen der Gewalttätigkeit analysiere, auf sie eingehe, sie untersuche und ihnen meine ungeteilte Aufmerksamkeit schenke, – kann ich damit Gewalt beseitigen? Oder wird mein Ideal mich von Gewalt befreien?

Das ist schließlich eins unserer Hauptprobleme, nicht wahr? Die ganze Welt ist in Gewalttätigkeit, in Kriege verwickelt; das gesamte Gefüge unserer erwerbssüchtigen Gesellschaft ist seinem Wesen nach gewaltsam. Wie aber soll man es anfangen, sich als Einzelwesen nicht nur oberflächlich dem Worte nach, sondern tief im Innern von Gewalttätigkeit frei zu machen, ohne dabei selbstsüchtig zu werden? Das Problem ist deutlich, nicht wahr? Da ich mich von Gewalttätigkeit befreien will, folge ich allerlei Vorschriften, um sie zu beherrschen und umzuwandeln, was zweifellos zu egozentrischem Denken und Handeln führt. Indem ich mich nämlich unentwegt damit beschäftige, ist mein Sinn ganz darauf konzentriert und daher auf sich selber eingestellt. Trotzdem erkenne ich, wie bedeutsam es ist, vollkommen frei von Gewalt zu werden. Was soll ich also tun? Das Problem lautet nicht: wie kann ich gewaltlos werden? Denn die Tatsache besteht, ich bin gewaltsam. Es scheint mir völlig nutzlos zu fragen: wie kann ich gewaltlos werden; denn das ist reiner Idealismus. Bin ich jedoch imstande, der Gewalttätigkeit ins Auge zu blicken und sie ganz zu verstehen, dann werde ich sie vielleicht auch auflösen können.