Hamburg 1956, Rede 3, Teil 2

Wie soll man nun Gewalttätigkeit auflösen, ohne egozentrisch zu werden, ohne sich nur noch mit sich selber und seinen Problemen zu beschäftigen? Ich weiß nicht, ob Sie je darüber nachgedacht haben; ich glaube, die meisten Menschen schlagen oberflächlicherweise den leichten Weg ein, nämlich dem Ideal der Gewaltlosigkeit nachzustreben. Ist man aber wirklich innerlich tief daran interessiert, Gewalttätigkeit aufzulösen, so muss man sicherlich untersuchen, ob Ideale eine Bedeutung haben, und ob Disziplin, Übung und ständige Ermahnungen, keine Gewalt anzuwenden, die Gewalttätigkeit aufsaugen werden oder nur die Selbstsucht dadurch bestärken, dass man ihr einen neuen Namen gibt: Gewaltlosigkeit. Das Ideal und die dazugehörige Disziplin sind immer noch egozentrisch und daher nur Abarten der Gewalt.

Wenn das Problem soweit deutlich ist, können wir mit der Untersuchung fortfahren, wie man sich von Gewalttätigkeit befreien soll, ohne egozentrisch zu werden. Es ist tatsächlich von hoher Bedeutung, und ich glaube, es wäre der Mühe wert, sehr vorsichtig und zögernd darauf einzugehen, um wirklich etwas zu entdecken. Ich erkenne, dass alle Formen von Disziplin oder Unterdrückung und alle meine Bemühungen, Gewalttätigkeit durch ein Ideal oder eine Idee zu ersetzen – selbst durch die Idee des Friedens oder der Liebe – noch im wesentlichen egozentrische Vorgänge sind und daher den Keim der Gewalt in sich tragen. Ein Mensch, der sich in Gewaltlosigkeit übt, ist im Grunde egozentrisch und daher gewaltsam, denn er ist noch mit sich selber beschäftigt. Jemand, der sich in Demut übt, kann nie demütig werden, denn er will Demut auf dem Wege über das Selbst-Bewusstsein erreichen, und das ist nur eine andere Form von Selbstsucht. Alles Züchten von Tugend ist eine Art egozentrischen Handelns, daher seinem Wesen nach böse und gewaltsam. Wenn ich all das deutlich erkenne, was soll ich dann tun? Wie soll ich es anfangen, mich von Gewalt zu befreien? Wenn ich sehe, dass jede Art von Unterdrückung, Idealisierung oder Disziplin nichts anderes als egozentrisches Handeln ist, was soll ich als Individuum dann mit einem solchen Problem beginnen? Wie werde ich frei von Gewalt?

Ich weiß nicht, ob Sie je das Problem auf diese Weise betrachtet haben. Es ist vielleicht das erste Mal, und Sie sind versucht, es mit den Worten »was für ein Unsinn« abzuweisen. Ich halte es aber nicht für Unsinn. Schließlich sind die meisten Idealisten sehr egozentrische Menschen, denn sie gehen völlig im Erreichen ihrer Idee auf. Die Frage ist also die: kann man sich von Gewalt befreien ohne egozentrisches Handeln oder selbstsüchtige Einflüsse? Ich glaube, es ist wohl möglich. Will man es tatsächlich herausfinden, so darf man es aber nicht kollektiv oder als Gruppe untersuchen, sondern nur als Individuum. Kollektiv hat man von je her Ideale aufgestellt und sich in Tugenden geübt, doch muss man sich nun vollkommen hiervon loslösen und auf ganz andere Weise vorgehen.

Man muss sich einmal fragen, ob die Wesenheit oder Person, die frei von Gewalt werden möchte, sich von dieser Gewalt unterscheidet. Wenn man zugibt: »ich bin gewalttätig«, ist dann das ›Ich‹, das sich von Gewalt befreien will, etwas anderes als die Eigenschaft, die es Gewalt nennt? Das klingt vielleicht kompliziert, doch mit Geduld werden wir es ohne allzu große Schwierigkeit verstehen. Wenn ich sage, ich bin gewalttätig, und möchte mich auch von Gewalt befreien, ist dann die Wesenheit, die gewalttätig ist, verschieden von ihrer Eigenschaft, die sie Gewalt nennt? Mit andern Worten, ist jemand, der Gewalttätigkeit erlebt, etwas anderes als sein Erlebnis? Wer eine Erfahrung hat, ist nichts anderes als seine Erfahrung. Ich glaube, es ist höchst bedeutsam, das zu verstehen; denn wenn man es voll erfasst, wird man keine egozentrischen Handlungen mehr ausführen, während man sich von Gewalt zu befreien sucht.

Wir haben den Denker von seinem Denken abgetrennt, nicht wahr? Wir sagen: »ich bin ärgerlich, ich bin gewalttätig, und ich muss mich bemühen, frei von Gewalt zu werden.« Um das zu erreichen, muss ich mich üben, mich kontrollieren, unaufhörlich darauf achten und etwas dagegen tun; mit anderen Worten, man hat das Gefühl, als ob das ›Ich‹, das sich bemüht, etwas anderes sei als die Erfahrung oder die Eigenschaft. Wir halten es für ausgemacht, dass es so ist; aber ist es wirklich so? Gibt es zwei verschiedene Zustände oder nur einen – nämlich die Einheit? Offenbar besteht kein Denker ohne sein Denken. Doch das ›Ich‹, der Denker, der Anstrengungen macht, wendet seine Willenskraft an, um sich von Gewalt zu befreien; dadurch hat er sich von seiner Eigenschaft, die er Gewalt nennt, abgelöst. Die beiden sind aber nie getrennt, nicht wahr? Sie bilden eine Einheit. Will man sich nun von Gewalt befreien, ohne in egozentrisches Handeln zu verfallen, so muss man notwendigerweise den Zustand der Einheit tatsächlich erleben, – das heißt, man darf keinen Unterschied mehr zwischen dem Denker, der sich anstrengt, und seinem Denken, seiner Gewalttätigkeit machen.