Hamburg 1956, Rede 3, Teil 3

Wenn Sie hierüber nachdenken, werden Sie zweifellos erfassen, was ich erklären möchte. Man kann nämlich die Eigenschaften des Diamanten nicht vom Diamanten selber trennen; ebenso wenig kann man die Eigenschaft des Denkens vom Denker absondern. Wir haben es jedoch getan. In unserm Innern steht ein ständiger Beobachter oder Wächter, der verurteilt oder rechtfertigt, annimmt oder ablehnt, – er ist unser Zensor; und der Zensor macht unentwegt seinen Einfluss auf unser Denken geltend. Aber diese beiden, der Zensor und sein Denken, sind nicht zu trennen: das Denken ist der Zensor. Das muss in seiner vollen Bedeutung erlebt werden, ehe man eine grundlegende, revolutionierende Umwandlung ohne egozentrisches Handeln bei sich herbeiführen kann.

Schließlich ist es unbedingt notwendig, dass wir uns ändern. Wir sind durch so viele Kriege gegangen, haben Furcht, Zerstörung, Gewalt und Tod erlebt. Wenn wir uns nicht von Grund auf ändern, bleiben wir stets auf demselben Pfade von Elend und Kampf, Krieg und Schrecken. Wollen wir uns aber von innen her wandeln, wollen wir die radikale Revolution, die eintreten muss, um allem Elend ein Ende zu setzen, wirklich verstehen, so dürfen wir weder neue Schlagworte annehmen, noch uns dem Staat oder der Kirche ausliefern, sondern müssen, so scheint es mir, notwendigerweise untersuchen, ob es ein Handeln gibt, das nicht egozentrisch eingestellt ist. Unsere Handlungen werden aber solange selbstsüchtig bleiben, als wir nicht selber direkt erfahren und einsehen, dass es keinen Denker, sondern nur unser Denken gibt.

Wenn wir das tatsächlich einmal erleben, werden wir meiner Ansicht nach auch finden, dass Anstrengung eine wesentlich andere Bedeutung bekommt. Jetzt machen wir Anstrengungen, um ein Ergebnis zu erlangen, um etwas zu werden oder zu erreichen, nicht wahr? Bin ich ärgerlich, ehrgeizig oder brutal, so bemühe ich mich, es nicht mehr zu sein. Doch mein Bemühen ist selbstsüchtig, weil ich immer noch – wenn auch auf negativem Wege – etwas werden möchte, weil ich noch den Wunsch oder Ehrgeiz nach etwas habe; und das schließt Gewaltsamkeit ein. Wenn ich mich also von Grund auf und ohne egozentrischen Antrieb ändern soll, muss ich wirklich tief in das Problem der Umwandlung eindringen. Das heißt, ich muss vollkommen anders denken, abseits vom Kollektiven, vom Ideal, von den üblichen Gewohnheiten wie Disziplin, Übung und so weiter. Ich muss untersuchen, wer der Denker und was das Denken ist; und ob der Denker überhaupt etwas anderes als sein Denken ist. Obgleich unser Denken den Denker abseits stellt, ist er immer noch Teil des Denkens. Und solange das Denken gewalttätig ist, hat eine bloße Kontrolle des Denkers über sein Denken keinen Wert. Das Problem lautet also: kann sich unser Sinn dessen bewusst werden, dass er gewalttätig ist, ohne den Denker, der sich von Gewalttätigkeit befreien will, abzusondern?

Es ist tatsächlich kein sehr verwickeltes Problem. Wenn wir – Sie und ich – es miteinander besprechen wollen und sehr vorsichtig darauf eingehen, werden wir sehen, wie einfach es ist. Vielleicht entschlüpft es uns, weil wir es für kompliziert halten. Das ist es nicht. Sehen Sie, es gibt keine Erfahrung ohne den Erfahrenden; und der Erfahrende ist seine Erfahrung, – diese beiden lassen sich nicht trennen. Solange aber der Erfahrende nach mehr Erfahrung verlangt, solange er etwas in etwas anderes verwandeln möchte, will er die Tatsache, dass er und seine Erfahrung eins sind, nicht anerkennen.

Die grundlegende Umwandlung also, die wir alle so nötig haben, ist nur denkbar ohne Ideale. Ideale sind nichts als Verbesserungen; und wer sich nur verbessert, kann sich niemals radikal umwandeln. Eine wesentliche Veränderung kann nicht eintreten, wenn man sich diszipliniert oder einem Schema anpasst, – ganz gleich, ob es von einem Lehrer, von der Gesellschaft oder aus unserem eigenen Denken stammt. Eine radikale, grundlegende Veränderung kommt nicht, solange man sein Handeln noch auf Einflüsse und selbstsüchtige Interessen basiert. Das bloße Züchten von Tugend ist nicht Tugend.

Dies ist wahr; deshalb müssen wir uns dem Problem der Umwandlung von einem ganz anderen Punkte nähern. Ungeteiltes, vollständiges Verständnis entsteht erst, wenn es keine Trennung zwischen dem Denker und seinem Denken mehr gibt. Und das ist ein außergewöhnliches Erlebnis, zu dem man nur bei tiefem Nachdenken und aufmerksamem Forschen gelangt; ein bloßes Annehmen oder Ablehnen der Tatsache, dass Denker und Denken eins sind, hat keinen Wert. Daher muss jeder Mensch, der sich von Grund auf ändern will, außerordentlich ernsthaft und tief auf das Problem eingehen.