Hamburg 1956, Rede 4, Teil 1

Um einen anderen Menschen verstehen zu können, muss man ihm seine volle Aufmerksamkeit zuwenden, – nicht erzwungen oder mit gewaltiger Konzentration, sondern so, wie es bei natürlichem Interesse von selber geschieht. Schließlich gibt es zahllose Probleme in unserem Leben: unsere Beziehung zur Gesellschaft; Krieg, Geschlecht, Tod; ob es einen Gott gibt oder nicht; warum man unablässig kämpft, und was das Leben bedeutet. Solche Probleme haben wir alle. Ich glaube aber, wir würden sie besser verstehen, wenn wir uns nicht so sehr an bestimmte, einzelne Probleme klammerten, – die uns vielleicht sehr nahe liegen und all unsere Aufmerksamkeit, unsere Spannung und unser Denken beanspruchen –, sondern statt dessen versuchten, dem Lebensproblem als Ganzes, als Einheit nahe zu kommen. Dann wären wir meiner Meinung nach eher fähig, nicht nur unsere persönlichen Probleme, sondern auch das Lebensproblem als Ganzes zu begreifen.

Hierüber möchte ich gern heute Abend sprechen. Jeder Mensch hat seine Probleme. Unglücklicherweise verzehren sie bei ihm meist alles Denken und alle Energie. Man sucht nach einer Lösung, man tastet und forscht und erwartet die Antwort von einem andern. Wahrscheinlich sind Sie alle gerade aus diesem Grunde hier hergekommen, – Sie suchen nach einer umfassenden und sinnvollen Antwort auf das große Problem des Lebens. Wenn man jedoch nur der Lösung eines einzelnen Problems nachgeht, kann man meiner Ansicht nach kaum eine vollständige Antwort oder volles Verständnis für das Dasein erlangen. Denn alle Probleme stehen in Beziehung zu einander; es gibt kein isoliertes Problem. Man muss also das Leben als Ganzes betrachten und darf es nicht aufteilen, zerbrechen oder zerstückeln. Wenn man das voll erfasst, werden entweder die persönlichen und die Weltprobleme ganz verschwinden, oder aber man muss sich ihnen auf andere Weise nähern und sie anders zu begreifen suchen.

Heutzutage sind wir alle so sehr in unsere eigenen Probleme verstrickt, wie zum Beispiel Kampf um den Lebensunterhalt, Tugend, Krieg und so weiter, dass wir keine Übersicht und kein allgemeines Verständnis mehr haben. Wenn uns aber die Übersicht, das Gefühl für die Einheit unseres Lebens mit all seinen Erfahrungen, Nöten und Kämpfen fehlt, wenn wir es nicht als ein Ganzes betrachten, müssen wir bei dem Versuch einer Lösung unseres individuellen Problems – wie lebenswichtig es auch erscheinen mag, – nur neue Probleme und neues Elend hervorrufen.

Ich hoffe also, es ist klar, dass ich mich nicht mit einem einzelnen Problem befasse, sondern versuchen will, gemeinsam mit Ihnen unser Gesamtproblem zu klären. Meiner Ansicht nach muss jeder, der ein einzelnes Problem herausgreift und es auf seiner eigenen Ebene zu lösen sucht, neue Probleme und neues Elend schaffen. Wenn wir zum Beispiel ein unmittelbares Problem betrachten, – was es auch sein mag –, können wir dann durch dieses Problem auf unser gesamtes Dasein blicken? Wären wir nämlich dazu imstande, so könnte unser direktes Problem eine große Wandlung erfahren; dann würden wir es wahrscheinlich verstehen und uns ganz von ihm befreien.

Wie kann man also vollständigen Überblick bekommen? Wie soll man darangehen, eine umfassende Übersicht zu erlangen, die bei rechtem Verständnis alle Probleme löst? Denn jede Beziehung, jede Idee, jede Handlung hat Bedeutung. Ehe man jedoch etwas verstehen oder das Gesamtbild überblicken kann, muss man sich zuerst dessen bewusst werden, dass man immer wieder versucht, seine Probleme auf sehr begrenztem Gebiet zu lösen. Man verlangt nach einer bestimmten Antwort, die befriedigen und Sicherheit geben soll. Danach suchen wir alle, nicht wahr? Und das muss man zuerst erkennen, glaube ich, sonst wird man die Bedeutung des Gesamtproblems in seiner Vollständigkeit nicht erfassen.

Es mag zuerst etwas schwierig erscheinen; es mag sogar absurd klingen, denn Sie hören es vielleicht zum ersten Mal, und was man zum ersten Mal hört, weist man gewöhnlich zurück. Will man jedoch etwas verstehen, so darf man es weder abweisen noch annehmen; man muss es prüfen, man muss es betrachten, – nicht mit Sentimentalität oder intellektuellem Scharfsinn, sondern mit gesundem Menschenverstand und Intelligenz, so dass das Bild deutlich wird.

Warum sind wir eigentlich nicht imstande, das Gesamtbild zu sehen, das bei rechtem Verständnis unsere Probleme lösen würde? Wir betrachten alles immer nur als Deutsche, Russen, Hindus oder sonst etwas. Wir sehen alles durch unser Wissen und unsere Meinungen, durch unsere Technik und Übung und unsern bedingten Verstand. Daher übersetzen wir auch alles entsprechend unserer Beschaffenheit, Tradition, Erziehung oder unserm Wissen. Wir betrachten die Welt niemals ohne den Einfluss unserer Vergangenheit, ohne Bedingtheit, ohne unsere Ideen über sie. Sehen Sie nun, was ich meine? Schließlich muss ich mich dem, was ich verstehen will, mit frischem Sinn nähern und nicht voller Erfahrung, Wissen und Bedingtheit.

Das Leben verlangt es so, nicht wahr? Das Leben fordert, dass ich es stets von neuem betrachte; denn Leben ist Bewegung und nicht etwas Totes, Statisches. Ich muss mich dem Leben mit der Fähigkeit nähern, es beobachten zu können, und darf es nicht in meine eigene Sprache als Hindu oder sonst etwas übersetzen. Zuerst muss ich also begreifen, dass mein mit Wissen beladener Sinn unmöglich etwas Lebendiges, Bewegliches untersuchen kann. Darin liegt nämlich eins unserer Probleme: Kenntnis bringt niemals Verständnis für das Leben, mag unser Wissen auch noch so gründlich, noch so reich oder notwendig sein, denn Leben ist Bewegung, ist lebendig. Wenn mein Sinn mit Technik beladen, geschult ist und nur das Starre, Tote versteht, kann er nie das Leben, das Lebendige erfassen oder einen Begriff von ihm als Ganzes bekommen. Vielleicht verstehe ich es teilweise, aber niemals in seiner Gesamtheit. Nur indem ich den Prozess des Lernens erkenne und sehe, wie alles Wissen dem Verständnis des Lebens im Wege steht, kann ich die Gesamtheit allen Lebens erfassen. Ich glaube, es ist recht deutlich, dass das Wissen auf unser Lebensverständnis störend einwirkt, nicht wahr?