Hamburg 1956, Rede 4, Teil 2

Aber was spielt sich heute in der Welt ab? All unsere Schulung und Erziehung läuft auf das Ansammeln von Wissen hinaus, – wie man Technik entwickelt, wie man meditiert, wie man gut wird. Das ›wie‹ wird zur Technik, zum Erlernten, und so hofft man, das Unermessliche zu begreifen! Wenn man sagt: »Ich verstehe, wovon Sie sprechen«, hat man dann wirklich die Wahrheit des Gesagten erfasst oder nur den Wortlaut verstanden? Denn wenn man es tatsächlich als wahr erkennt, muss ein solches Verständnis von allem angehäuften Wissen, das der Wahrnehmung im Wege steht, befreien.

Wie kann ich also oder wie können Sie mit Ihren Erfahrungen, mit allen Ihren philosophischen Büchern, die Sie gelesen haben, mit Ihrer Ansammlung von Kenntnissen und Wissen alles beiseitesetzen? Ich glaube nicht, dass es sich so einfach ablegen, unterdrücken oder verleugnen lässt. Doch kann man sich dessen bewusst werden und es nicht mehr störend einwirken lassen. Am Ende will jeder selber herausfinden, was Wahrheit ist, und ob es Gott oder Wirklichkeit gibt. Die Entdeckung, die man selber macht, ist wahre Religion, – nicht aber das bloße Annehmen dummer Bräuche und Dogmen und aller übrige Unsinn.

Will man also etwas Ursprüngliches, Wahres, Zeitloses entdecken, so darf man nicht mit Erinnerungen und Wissen belastet darangehen. Wenn man das als wahr erkennt und es tatsächlich erlebt, wenn man die Wahrheit dessen voll erfasst, wird man frei von allen Meistern, Gurus, Lehrern, Heiligen und Erlösern; – nicht weil ich es sage oder ein anderer es sagt, sondern infolge der eigenen Erkenntnis, dass Wissen oder etwas Vergangenes nie zur Entdeckung des Lebendigen, Schöpferischen verhelfen kann; dass weder Technik und Lernen noch das Besuchen von Vorträgen und Diskussionen das Unbekannte, Unerkennbare je aufdecken werden.

Um also zu untersuchen, ob es wahr ist, muss man den Vorgang in seinem eigenen, stets ansammelnden Geiste begreifen. Es wäre töricht zu sagen: »ich muss alles Vergangene vergessen«, das hätte keinen Sinn. Wenn man aber versteht, warum man unentwegt sammelt, warum man die Vergangenheit so hoch schätzt und seine Triebkraft vollkommen auf Zeit basiert, wird man auch erkennen, dass man sich von der Vergangenheit, von der angehäuften Last seines Wissens befreien und etwas völlig Neues, nie Erlebtes oder Vorgestelltes erforschen kann, und das ist ein Zustand der Schöpfung, der Wirklichkeit oder Gottes, – wie man es nennen will.

Unsere Schwierigkeit ist also folgende: wie sollen wir an die Probleme und zahllosen Konflikte in unserer Umgebung herangehen und sie zu verstehen suchen, damit sie keine Last mehr für uns bedeuten und uns helfen, den Denkvorgang, der sich unentwegt in der Zeit, das heißt im Bekannten verfängt, zu erforschen? Ehe man nicht anfängt, diesem Vorgang, der tatsächlich Selbsterkenntnis bedeutet, nachzuspüren, wird man ein oberflächliches, leeres und stumpfes Leben führen, selbst wenn man noch so viel weiß, wenn man ein großer Gelehrter, ein bedeutender Forscher oder nur ein Durchschnittsmensch ist.

Daher glaube ich, dass die vielen Probleme, die wir haben, nur dann zu lösen sind, wenn wir sie als Teile unseres gesamten Daseins betrachten. Doch wenn wir das Ganze zerstückeln, verstehen wir nichts mehr, – und gerade das tun wir. Schwierig wird es, weil unsere Probleme so dringend, so unmittelbar sind, dass wir uns in ihnen verfangen. Lassen wir es aber nicht zu, sondern versuchen, durch unsere Probleme hindurch zu tasten, dann können wir uns unserer Neigung zum Ansammeln von Wissen als einer Art Selbst-Sicherung bewusst werden. Warum wollen wir eigentlich immer anhäufen? Warum sammeln wir Besitztümer, Geld. Wissen, Ehren und so weiter? Weil es uns ein Gefühl der Sicherheit verleiht. Hat man keinen Besitz oder kein Geld, so gibt einem das Wissen ein Gefühl von Sicherheit. Doch das Neue kann sich nur einem Menschen ohne Empfindung für Sicherung offenbaren, denn dann ist er nicht mehr um sich selbst, um seine Errungenschaften oder seinen Fortschritt besorgt.

Wie kann sich unser Sinn also von Zeit befreien? Denn Zeit bedeutet Wissen. Zeit tritt in Erscheinung, wenn man etwas erreichen, gewinnen oder vollbringen will. »Ich bin nicht wichtig, aber ich will es werden«, in einem solchen Gedanken tritt Zeit in Erscheinung, und Kampf liegt darin miteingeschlossen. Denn in der Idee ›Ich will etwas werden‹ ist immer Anstrengung enthalten. Meiner Ansicht nach ist es dieses Bemühen, etwas zu werden, das Zeit schafft, und daher bekommen wir keine Vorstellung von der Gesamtheit der Dinge. Sehen Sie, solange ich über mich selber in Begriffen wie Gewinn oder Verlust denke, brauche ich Zeit. Ich brauche Zeit, um den Abstand zwischen heute und morgen zu überbrücken, wenn ich etwas erreichen will, – sei es in Bezug auf Tugend oder Wissen oder Stellung. Die Zeit-Schöpfung teilt unser Leben, bricht es in Stücke und wird dadurch zum Problem. Will man die Gesamtheit des außerordentlichen Etwas, das wir Leben nennen, verstehen, so darf man diese Dinge offenbar nicht zu klar umreißen. Etwas so Gewaltiges, etwas, das sich nicht mit Worten messen lässt, kann nicht genau abgegrenzt werden. Wir verstehen das Unermessliche nie, weil wir ihm stets in der Zeit nahe zu kommen suchen.

Um das wirklich zu erfassen, braucht man weder intellektuelle Fertigkeit noch sentimentale Gemütsbewegung; Sie sollten vielmehr meinen Worten aufmerksam zuhören, denn dann können Sie beim Zuhören selber entdecken, wie sich Ihr Sinn die Zeit vertreibt: aber, obwohl er ein Produkt der Zeit ist, kann er doch über die Zeit hinausgehen. Das geschieht indessen nicht durch sentimentale, gefühlsmäßige Verwirklichung. Im Gegenteil, es erfordert ein sehr klares Denken und hohe Wachsamkeit des Geistes ohne jede Sentimentalität; es erfordert auch die Einsicht, dass der Sinn außerordentlich ruhig und still werden muss, wenn er das Unermessliche verstehen will. Solange ich jedoch glaube, dass ich Stille irgendwann in der Zukunft erreichen kann, habe ich die bloße Möglichkeit schon zerstört. Jetzt oder nie! Das ist sicherlich nicht so leicht zu begreifen, denn wenn wir an den Himmel denken, tun wir es stets in Begriffen der Zeit.