Hamburg 1956, Rede 4, Frage 1

Frage: Sind Yoga-Übungen in irgendeiner Weise dienlich für den Menschen?

Krishnamurti: Meiner Meinung nach muss man auf diese Frage tiefer eingehen. In Europa wie in Indien herrscht offenbar der Glaube, dass man Erleuchtung oder Erlösung finden könne, wenn man Übungen macht, Tugenden pflegt, gut ist, heilige Bücher liest, gute Werke tut oder einem Lehrer folgt. Ich fürchte aber, dem ist nicht so! Ganz im Gegenteil: man verfängt sich in dem, was man übt, und wird dadurch für immer zum Gefangenen, und die Vision wird auf ewig getrübt.

Yoga-Übungen sind wahrscheinlich gut für den Körper. Aber jede andere Art von Übung, wie Laufen, Springen, Bergsteigen, Schwimmen oder was man sonst tun will, liegt auf derselben Ebene. Die Annahme, sie führten zur Erlösung, zum Verständnis, zu Gott, Wahrheit oder Weisheit, ist meiner Ansicht nach reiner Unsinn, – obwohl alle Yogis in Indien das Gegenteil behaupten. Wenn man aber einmal erkennt, dass alles, was man übt, annimmt oder entwickelt, immer den Faktor der Gier in sich trägt, – nämlich etwas zu erlangen, etwas zu erreichen, einen Rekord zu brechen, – dann unterlässt man es. Ein Mensch, der sich mit dem ›Wie‹ beschäftigt, – mit Yoga-Übungen oder anderem – kann damit nur seinen Zeitsinn entwickeln, aber niemals das Zeitlose begreifen.

Schließlich macht man Yoga-Übungen in der Hoffnung, etwas zu erreichen oder zu gewinnen, zum Beispiel Glück, Seligkeit oder was sonst angeboten wird. Glauben Sie wirklich, dass Seligkeit so leicht zu erlangen ist, – wenn man ein paar Übungen macht oder sich stark konzentriert? Muss man nicht erst vollkommen frei von aller selbstsüchtigen Handlungsweise werden? Sicherlich ist doch ein Mensch, der Yoga-Übungen macht, um Erleuchtung zu bekommen, sehr mit sich selbst und seinem geistigen Wachstum beschäftigt; er ist erfüllt von seiner eigenen Wichtigkeit. Es ist aber eine Kunst, den gesamten Vorgang selbstsüchtigen Handelns im Namen Gottes, der Wahrheit oder des Friedens zu verstehen und sich davon zu befreien; und man kann nur mit Selbsterkenntnis, niemals aber mit irgendwelchen Übungen daran gehen.

Man braucht indessen keine Zeit, um davon frei zu werden; darin, glaube ich, liegt die Schwierigkeit. Wir sagen: »Ich bin neidisch oder ehrgeizig. Wie soll ich mich davon befreien? Dauert es nicht seine Zeit? Ich muss mich üben, muss es unterdrücken, muss Buße tun und Opfer bringen, Yoga-Übungen machen und so weiter«, – alles nur Zeichen selbstsüchtiger Handlungsweise, die auf einer anderen Ebene weitergeht. Wenn man das wirklich einsieht und begreift, wird man auch verstehen, dass das Problem nicht lautet: kann ich mich in einer bestimmten Zeitspanne vom Neid befreien?, sondern: kann ich es unmittelbar tun? Ich hoffe, das ist klar. Es ist als ob man einem Hungrigen ein Versprechen auf Nahrung gibt; er will aber nicht morgen, sondern jetzt, sofort gespeist werden; in diesem Sinne ist er frei von Zeit. Wir sind jedoch träge, wir suchen nach verschiedenen Methoden, um dahin geführt zu werden, wo wir am Ende Vergnügen zu finden hoffen.