Hamburg 1956, Rede 4, Frage 2

Frage: Ein bekannter Schriftsteller hat ausführlich über den Gebrauch bestimmter Drogen geschrieben, die dem Menschen visionäre Erfahrungen der Vereinigung mit der Gottheit verschaffen sollen. Sind solche Experimente hilfreich, wenn man den Zustand, von dem Sie sprechen, herbeiführen will?

Krishnamurti: Sie wissen alle, dass man Tricks erlernen kann, dass man die neuesten Drogen oder Opiate einnehmen oder sich betrinken kann; jeder Mensch hat Erlebnisse dieser Art irgendwann einmal gehabt, – intensiv, deprimierend oder aufregend. Offenbar hat unser physiologischer Zustand Einfluss auf unseren psychologischen. Das kann aber noch lange nicht den Zustand herbeiführen, von dem wir hier sprechen. Es führt nur zu anderen, intensiven und abwechslungsreichen Erlebnissen, wonach wir alle verlangen, ja hungern, weil wir genug von dieser Welt haben. Zwei Kriege haben wir durchlebt unter entsetzlichen Verhältnissen, voller Elend und Leid und ewigem Kampf an allen Seiten; und wir wissen, dass wir selber kleinlich, selbstsüchtig und beengt sind. Wir wollen dem entfliehen und suchen nach einer Psychologie oder Philosophie, nach Religion oder Drogen, – alles auf demselben Gebiet.

Der Mensch verlangt stets nach Erfahrung; er möchte die Wirklichkeit erleben, – etwas Großes, Gewaltiges, Vitales, wie eine Vision. Offenbar tritt so etwas ein, wenn man bestimmte Drogen nimmt. Man kann aber auch Visionen haben innerhalb seiner Bedingtheit, durch seine Religion; wenn man zum Beispiel unaufhörlich an Christus oder Buddha denkt, kommen solche Erlebnisse oder Visionen. Das hat indessen nichts mit der Wirklichkeit zu tun, das ist kein wahres Erlebnis. Es sind nur die Projektionen unseres Ich, das Ergebnis unseres Verlangens nach Erfahrung. Unsere eigene Bedingtheit projiziert, was wir sehen möchten.

Will man etwas Wahres erleben, so darf man nicht nach Erfahrungen verlangen. Solange man um Erfahrungen bittet, bekommt man sie, doch keine wahren, – ›wahr‹ im zeitlosen, unermesslichen Sinne, mit dem Duft der Wirklichkeit. Alle anderen sind Illusionen und das Produkt eines enttäuschten Geistes, der Erfahrungen nötig hat, weil sie ihm Aufregung und Gemütsbewegung und das Gefühl des Tätigseins verleihen. Das ist auch der Grund, weshalb man einem Führer folgt: er verspricht etwas Neues, etwas in der Zukunft, eine Utopie und opfert die Gegenwart beständig der Zukunft auf. Man ist töricht genug, ihm zu folgen, weil es aufregend ist. Sie haben es in diesem Lande erlebt, und Sie sollten das Elend und die Grausamkeit bei alledem besser als andere kennen. Trotzdem sucht man nach Erfahrungen und Sensationen derselben Art auf anderem Gebiet; man nimmt Drogen, geht zu Zeremonien, die einen erregen, oder macht Übungen, um einen Auftrieb zu bekommen. Alles deutet darauf hin, dass man immer noch Erlebnisse sucht, um ständig in Erregung zu bleiben. Und ein Mensch, der auf der Suche ist, der sich immer wieder erregt und sich nach Erlebnissen sehnt, kann die Wahrheit niemals finden.

Denn die Wahrheit ist etwas Neues, etwas völlig Unbekanntes und Unerkennbares. Daher muss man ohne jedes Begehren, ohne Wissen und Wünschen, vollkommen entblößt an sie herantreten. Dann kann es geschehen; doch kann man es nicht herausfordern.