Hamburg 1956, Rede 5, Teil 1

Ich fürchte, unsere Zusammenkünfte werden nutzlos verlaufen, wenn Sie das, was wir hier besprechen und diskutieren, nur als Austausch von Worten ohne tiefere Bedeutung ansehen. Es kommt mir so vor, als ob die meisten Menschen ernsten Dingen nur recht oberflächlich zuhören und wenig Zeit oder Neigung haben, ihr Denken auf die tiefsten Dinge im Leben zu richten und auf sie einzugehen. Wir sind so leicht geneigt, bereitwillig etwas anzunehmen oder abzulehnen. Würden Sie jedoch während dieser Vorträge einmal versuchen, Ihre Probleme nicht wie sonst oberflächlich zu betrachten, sondern wirklich zu erleben, dann wäre es meiner Ansicht nach nützlich und wertvoll, hier ein besonderes Problem zu behandeln, dem die meisten Menschen ausgesetzt sind. Ich meine das Problem der Abhängigkeit. Es ist tatsächlich sehr verwickelt; wenn wir uns aber – jeder für sich – dessen bewusst werden und erkennen, was alles darin eingeschlossen liegt und wohin es führt, – anstatt nur dem Wortlaut meiner Darlegung zu folgen, – dann könnten wir vielleicht selber herausfinden, ob man sich ganz von Abhängigkeit befreien kann.

Ich glaube, dass Abhängigkeit im tiefsten Sinne unser Leben und Denken verdirbt; es erzeugt Ausbeutung, es züchtet Autorität, Gehorsam und das Annehmen ohne Verständnis. Will man eine ganz neue Art Religion ins Leben rufen, völlig verschieden von der heutigen, – die wahre Revolution eines religiösen Menschen, – dann muss man sicherlich die ungeheure Bedeutung der Abhängigkeit begreifen, um frei von ihr zu werden.

Die meisten Menschen sind nicht nur von der Gesellschaft oder einer Autorität abhängig, sondern auch von ihren unmittelbaren Beziehungen: ihren Nachbarn, ihrem Ehepartner, ihren Kindern und so weiter. Wenn man sich jedoch in seiner Lebensweise und seinem Benehmen auf andere stützt, sich von seinem Vaterlande, seiner Rasse, Klasse und so weiter abhängig macht und sich mit ihnen identifiziert, führt das zu psychologischen Hemmungen. Es muss doch jedem Menschen schon einmal der Gedanke gekommen sein, ob man sich nicht innerlich, psychologisch, in seinem Herzen und Sinn von aller Abhängigkeit befreien könne. Offenbar stützt man sich aus psychologischen Gründen auf andere; das gesamte gesellschaftliche Gefüge ist hierauf aufgebaut, und es ist sozusagen natürlich, auf solche Weise abhängig zu werden, nicht wahr? Ich finde es aber durchaus unnatürlich, wenn man sich zu seinem Behagen, seinem Wohlbefinden und seiner Sicherheit innerlich, psychologisch auf einen anderen stützt. Sobald man sich der Abhängigkeit als Problem bewusst wird, erkennt man auch, was sie alles einschließt. Sie bringt ein starkes Furchtgefühl mit sich, das zu allerlei Hemmungen führt. Abhängigkeit von einem anderen verleiht ein falsches Gefühl der Sicherheit; und wenn man sich nicht gerade auf eine Person stützt, so doch sicherlich oft auf eine Idee oder auf sein Wissen, auf das Vaterland, auf Ideale oder Glaubenssätze.

Man kann also erkennen, dass man psychologisch abhängig ist; ich glaube, das ist ziemlich klar für jeden, der sich überhaupt seiner selbst und seiner Beziehungen zu anderen, zur Gesellschaft bewusst wird. Warum stützt man sich auf andere? Ich halte es für recht bedeutsam und wichtig, sich über seine Abhängigkeit klar zu werden. Ist es möglich, sich von seiner psychologischen, inneren Abhängigkeit zu befreien? Und was würde geschehen, wenn man sich auf niemanden mehr stützte? Fühlt man sich vielleicht aus dem Gefühl der Einsamkeit, der Hemmung, Leere oder Unzulänglichkeit gedrängt, sich an jemanden anzulehnen? Geschieht es aus Mangel an Selbstvertrauen? Wenn aber jemand Vertrauen in sich selber hat, führt es ihn dann zur Freiheit oder nur zu Streitlust und Selbst-Behauptung?

Ich weiß nicht, ob Sie das für ein wichtiges Problem in Ihrem Leben halten; ich sehe es dafür an. Vielleicht sind wir uns nicht unserer Abhängigkeit bewusst; doch wenn wir sie erkennen, müssen wir auch unvermeidlich die gewaltige Furcht dahinter wahrnehmen, und wie wir, um der Furcht zu entfliehen, psychologisch abhängig werden. Das, worauf man sich stützt, – sei es eine Person oder eine Idee, – wird so bedeutsam im Leben, dass man es unentwegt verteidigt. Man will psychologisch nicht beunruhigt werden, will das, worauf man sich stützt, sich nicht fortnehmen lassen, – sein Vaterland, sein Ideal oder eine Person. Und um der Furcht, die man unbewusst in sich fühlt, zu entfliehen, wendet man sich an andere um Trost, Liebe oder Ermutigung, – das ist im wesentlichen der Vorgang des Abhängig-Werdens. Kann man nun frei von aller Abhängigkeit werden und damit dem Problem der Furcht ins Auge sehen? Denn ohne wahres Verständnis der Furcht und Freiheit von ihr hat das Suchen nach Gott, Wirklichkeit oder Glück keinen Sinn; man wird sonst immer wieder von dem Gegenstand seiner Suche abhängig. Nur ein innerlich furchtloser Mensch kann den Segen der Wirklichkeit erfahren; und er wird erst frei von Furcht, wenn er in keiner Weise mehr abhängig ist.